Second Unit #136 (Mulholland Dr.)

Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen und wir nutzen die Zeit für einen späten Vorsatz für 2014. Wir wollten schon seit einer Ewigkeit einen Film von David Lynch gucken und besprechen. Mit Mulholland Dr. (Amazon-Link*) setzen wir den Vorsatz endlich um, Dafür haben wir uns mit Martin von SciFiFilme.net Verstärkung ins Haus geholt. 

Martin hat uns in der Vergangenheit in den jeweiligen Specials zum Japan-Filmfest Hamburg sowie dem DOK-Leipzig-Festival besucht und stellt sich und seinen Filmgeschmack deshalb zu Beginn kurz vor.

Das Getränk in dieser Woche hat uns Timo von seiner Asien-Reise mitgebracht. Es scheint sich um eine Art Limo mit Vogel-Nestern (kein Witz!) zu halten und schmeckt…bescheiden. Trotzdem Danke, würde ich sagen?

[YouTube Direktlink]

Geschrieben und gemacht wurde der Film von David Lynch, über den wir zum Schluss der Sendung noch ausführlicher sprechen. In der Hauptrolle überzeugt Naomi Watts als Betty Elms bzw. Diane Selwyn In weiteren Rollen spielen Laura Harring als Rita als Justin Theroux als J.J. Abrams Adam Kesher.

Natürlich spoilern wir den Film. Viel wichtiger erscheint mir aber, dass ihr den Film relativ gut kennt bzw. zeitnah zum Podcast guckt. Wir gehen nämlich sehr schnell und sehr tief ins Detail. Mein anfänglicher Versuch über allgemeinere Themen wie Träume und Erzählungen zu sprechen wird nämlich schnell über Bord geworfen. Stattdessen liefern wir jeder unsere eigene Interpretation bzw. Sichtweise auf den Film. Dabei geht es auch um die Frage, was für uns wirklich passiert ist, was geträumt wurde und vor allem: von wem. Spannend!

Nächste Woche schließen wir (endlich) unsere lange Reise nach Mittelerde ab. Mit The Hobbit: The Battle of the Five Armies (Amazon-Link*) geht es mal wieder ins Kino, bevor wir das Jahr mit unserem großen Holiday Special beenden.

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[Download | Länge: 1:57:57 | Größe: 56,9 MB | @2nd_Unit | Facebook.com/SecondUnit | iTunes]

[Teaser-Bild: by B Garrett]

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  • http://www.enoughtalk.de jacker

    Ich hatte ja die Bombe schon auf Moviepilot platzen gesehen (dank Tamino’s Hinweis), aber dass eine vollkommen präzise Definition von Lynch’s Schaffen mal anerkennend aus seinem Munde kommen sollte…
    Das ist der Hammer!

    Die Folge zeigt perfekt, was an den neueren Lynch-Filmen so toll sein kann, weil ihr beide Kernaspekte nennt: Die Diskussuion, das Rätseln plus der Suche nach der PERSÖNLICHEN Bedeutung auf der einen Seite, die bloße Wirkung, der latente Grusel und die Verstörtheit auf der anderen :) Ich liebe beide Aspekte daran.

    Für mich ist in Lynch’s Werk ja essentiell, wie er an der Oberfläche des gesellschaftlichen Lebens (vieler Aspekte davon) kratzt und den “subtilen Horror des Normalen” frei legt. Oft sind die Szenen ja vom Gezeigten her ganz gewöhnlich, aber fühlen sich trotzdem einen kleinen Quant von der Realität entrückt an. In M.D. funktioniert das besonders gut, denn durch die Hollywood Thematik sucht er sich ja ein Feld aus, was enorm von Fassade lebt, stellt durch seine Bildsprache, etc. dieser Fassade ein dunkles Spiegelbild gegenüber (schweigsame Drahtzieher mit mafiösem Charakter, mysteriöse Cowboys, etc.) und stellt die These auf, dass unter dem sichtbaren Glanz und Schein viel dunkles brodelt. Besonders mag ich seine Motivwahl – ein Cowboy zum Beispiel, ist ja etwas ur-Amerikanisches und steht für Freiheit und den American Way. Dass nun gerade so jemand im hintergrund Fäden zieht, die vollkommen entgegen jeglicher freiheitlichen Entscheidung laufen, ist eins von unzählig vielen, mal nur humorvollen, mal sarkastischen, mal geradezu zynischen Augenzwinkern in den Filmen.

    Ihr habt wirklich toll darüber reflektiert, was die Szenen, die Handlungsabfolge und das Gesamtbild konkret bedeuten. Ich selber habe M.D. im Vergleich zu LOST HIGHWAY oder ERASERHEAD selber vorgestern erst zum 2. mal geschaut, habe den Film ebenfalls anders als beim ersten Mal empfunden und bin in Bezug auf die Bedeutung auch in etwa bei Christian / Tamino. Ich finde es aber für mich persönlich relativ schwer bzw. unwichtig bei Szenen wie der ersten Diner-Szene zu sinnieren, ob diese nun geträumt, oder nicht sind, weil die Bedeutung der Szene davon ganz unabhängig ist. Lynch’s Filme transzendieren meiner Empfindung nach einfach Begriffe wie Realität und Traum – in Lynch’s Welt existiert auch etwas dazwischen, was durch das Spiel mit den verschiedenen Seins-Zuständen ganz automatisch entsteht. Er vermittelt mir immer: “Es ist gar nicht wichtig was genau das hier nun ist, sondern wie DU es ins Gesamtbild einordnest und was DU aus MEINER Idee ziehen kannst!”. Genauso spielt er ja mit Begriffen wie Schein und Realität, was mich zum eigentlichen Punkt bringt: In meiner Rezeption empfinde ich es als (manchmal sogar wesentlich) wichtiger mir darüber klar zu werden, was ein Film als Gesamtaussage ausdrücken möchte, gar nicht so sehr welche Wirkung/Aufgabe einzelne Segmente haben. Und da kommt, zusätzlich zur absolut großartigen Inszenierung + Mehrdeutigkeit + Interpretationsspielraum, eine Hauptqualität von M.D. hinzu, denn in gewisser Weise ist das Werk eine extrem vielschichtige Reflektion über das Medium Film und seine Wirkungsweise im Speziellen!

    Lynch spielt hier sehr gewieft mit Schein, Sein, Illusion und Wahrnehmung. Dafür ist dieses Konzert eine Schlüsselszene (sagtet ihr ja auch, wobei ich da weiter gehen würde als die Frage “Was ist konkret in M.D: Traum und was real?” daran fest zu machen, sondern eine viel generellere bedeutung ableiten), aber auch z.B. das Casting, wo plötzlich ein Film im Film entsteht (oder nach der Interpretation ein Film im Traum im Film) und der ganze vorherige Charakter der Handlung (und von Betty) von einer Sekunde auf die andere kippt. Das schreit mir förmlich entgegen: “Merkst du es? Die Illusion ist perfekt! Jetzt frag dich mal was Illusion und was real ist?!”. Das ist geschickt gemacht, denn man sieht Betty und den Schauspieler plötzlich nur noch formatfüllend, alles andere ist entschwunden und somit der gesamte Kontext des eigentlichen Films – würde man nun die Szene isoliert ohne den Rest betrachten, gäbe sie uns etwas ganz anderes und würde ein ganz anderes Gefühl auslösen. Und solche Methodik bringt mich eben zur Reflektion von Illusion und Fassade. Wir glauben das was wir sehen, somit manipuliert ein Film, also sein Regisseur, unsere Wahrnehmung und im Endeffekt fressen wir ihm aus der Hand, während wir die Wahrheit in der Illusion suchen. Beim ersten Schauen des Film fiel mir diese Komponente gar nicht so auf, jetzt schon. Und ich liebe dieses Motiv der Illusion von Realität und des Infragestellens von allem gezeigten. Wo beginnt Rollen spielen (deswegen liebe ich auch SYNECDOCHE, NEW YORK den ich schon ein paar mal beim Hörervorschlag eingestreut hab)? Was ist eigentlich real in einem Medium wie Film – und da schließt der Kreis sich zum Silencio-Konzert, denn genau die Gedanken triggert es, bei euch konkreter, bei mir allgemeiner :)

    Mein Gehirn lenkt schon wieder in eine etwas konfuse Richtung, ich interveniere Mal.
    War ein cooler Lynch-Auftakt bei Second Unit und ich wage da mal raus zu hören, dass der eine oder andere Film irgendwann mal folgen wird?! Würde mcih freuen :)

    • SecondUnitTamino

      Ich kann mir bildlich vorstellen, wie du seit zwei Tagen auf unserer Seite gesessen und wie ein wilder Stier auf F5 gedrückt hast nur um endlich unsere Episode zu hören ;-)

      • http://www.enoughtalk.de jacker

        So in etwa, heute Vormittag habe ich dies getwittert: “10. Podcatcher-Aktualisierung, aber noch keine @2nd_Unit :( Dafür besprechen @CineCouch #Snowpiercer – das ist ne ebenbürtige Alternative!”

        5 min. später hat Christian aber mit “try again” geantwortet ;)

    • stanleyhitchock

      ” SYNECDOCHE, NEW YORK” wäre in der Tat ein sehr interessanter Film, selten so ein meta-lastiges Werk gesehen, was man auf 4 Ebenen sehen muss, um einigermaßen durchzusteigen. Würde ich mich auch sehr freuen ,wenn es der Film in Second Unit schafft.

      Auch auf die Gefahr hin, dass Tamino nicht viel damit anfangen kann. Aber bei diesem Podcast war es ja eine wundervolle Diskussion.

  • Aoi Miyazaki

    Ganz starke Episode Jungs! Hat mir wirklich sehr sehr gut gefallen.

    Als ich Mulholland Dr. gelesen habe, hatte ich zunächst vermutet, ihr würdet diesen Film verreißen (da ihr ja häufig angedeutet habt, nichts mit Lynch anfangen zu können) und auf Erklärungen in den Kommentaren hoffen. Dass ihr euch nun aber so intensiv mit diesem Film auseinander gesetzt habt, zeigt mir, dass ihr euch tatsächlich Mühe gebt, alles verstehen und mögen zu wollen, sofern es sich mögen lässt. Da schimmert doch wieder echter Filmliebhabergeist durch!

    Eurer Diskussion und Interpretation habe ich auch fast nichts beizufügen, lediglich, dass ich diesen Abgesang auf Hollywood noch etwas verstärkt wahrgenommen habe. Junges, naives Mädchen kommt in die Traumfabrik, alles ist toll und schön. Dann die Diner-Szene: Die Gäste lachen, sind fröhlich und es gibt Bacon & Eggs in einem klassischen Diner, American Dream und so uramerikanisch, wie es nur geht. Doch diejenigen, die hinter die Fassade und das System (hier eben der Diner) blicken wollen, finden die hässliche und entstellte Fratze. Korrupte Machenschaften in dunklen, roten Räumen. Im Dunkel hinter einer Glasscheibe wirken die (ebenfalls hässlichen) Konzernbosse. Wortkarg, unnahbar (Glasscheibe eben) und emotionslos geben sie nur Befehle und verlangen deren Ausführung ohne Hinterfragung. Am Ende dann wieder das tanzende alte Pärchen (ich interpretiere es auch so wie Christian) und der Penner/Teufel/WasAuchImmer, die sich über die geplatzten Träume lustig machen. Ein schönes Leben hätte Betty hier niemals finden können und so schließt sich der Kreis.

    Und bevor ich es vergesse: Auch nochmal ein großes Lob an Martin! Ich hatte es schon beim Japanfilmfest geschrieben (Ich habe Slum-Polis immer noch nicht sehen können ㅠㅠ) und muss wieder feststellen, dass er ein geborener Podcaster ist! Vielen Dank für´s Vorbeischauen. Immer wieder gerne ;)

    Noch kurz der obligatorische eigene Senf:
    Was Lynch angeht, so finde ich definitiv Eraserhead ganz ganz großartig. Nachdem ich mich in Tetsuo und Pi verliebt hatte, war ich froh, diese beiden durch Eraserhead zu einer inoffiziellen Trilogie ergänzen zu dürfen. Mit etwas Abstand, aber immer noch ausgezeichnet, kommen dann Elephant Man und eben Mulholland Dr.
    Blue Velvet und Dune (im Gegensatz zum Buch) finde ich leider furchtbar und Lost Highway blicke ich einfach nicht. Mal gucken, ich bin jetzt durchaus motiviert, mich dem Highway auszusetzen.

    Sonst zur Diskussion hat Jacker schon alles gesagt. Genau so etwas bewirkt Lynch und das ist wohl wirklich außergewöhnlich in der Filmwelt. Achja, ich bin mir übrigens ziemlich sicher, dass Christian Possession gar nichts abgewinnen kann.

    • Martin

      Solltest du Slum-Polis zu Gesicht bekommen, gib doch bitte bescheid, wie und wo – ich suche nämlich auch für eine Zweitsichtung. Das Ding ist nach dem Festival offenbar vollkommen untergegangen. (‘ne Möglichkeit wäre sicher, die Leute über ihre Facebook-Seite anzuschreiben (https://www.facebook.com/Bulldogfilm?fref=ts).

      • Aoi Miyazaki

        Facebook habe ich nicht aber ich schaue mich immer um. Auch bei Tale of Iya hoffe ich auf eine mögliche Zweitsichtung. Aber wie das halt mit solchen Filmen so ist, geht das meistens nicht. Sehr schade. Im Gegenzug erwarte ich übrigens auch, dass umgekehrt du mir hier bescheid sagst, sobald du etwas findest! :)

  • OnanDerZerstäuber

    Bernhard Grzimek:

    Wenn die jungen Vögel auf den Philippinen ihre “Milchschnäbel” verlieren
    werden diese von agilen Senioren traditionell gesammelt und
    anschliessend zermahlen.

    Dieses Pulver bildet die Grundlage für:
    “Birds Nest Drink”!

  • Gormenghast

    Kompliment, da habt ihr ja einiges aus dem Mysterium herausgekratzt; sollte ich den jetzt etwa auch verstehen können?

    Ich oute mich hiermit als David Lynch Fan der ersten Stunde.
    Seit ERASERHEAD bin ich fasziniert von der Bildsprache des Meisters.
    THE ELEPHANT MAN brachte mich ein wenig runter von meiner Idee eines einzigartigen Regiegenies; der Film war doch zu sehr “verständlich”, und ich dachte ERASERHEAD wäre nur seine Eintrittskarte in das Mainstream Kino. Wie falsch ich lag zeigte dann BLUE VELVET; Dennis Hopper als Frank ist einfach zu verführerisch bösartig, die “fremde und seltsame Welt” die Lynch zeigte traf genau in meinen Sehnerv, ab diesem Moment wusste ich dass er ein richtig Guter ist. (DUNE verschweige ich mal)

    WILD AT HEART bestätigte meine Vermutung erneut…und ich hatte einen Seelenverwandten gefunden.

    Nieder mit den langweiligen Hollywood Sehgewohnheiten, rein ins Ungewohnte.

    TWIN PEAKS haute dann nochmal richtig rein.
    Der Slogan war Who killed Laura Palmer?, und nichts interessierte in dieser Serie weniger als den Mörder dingfest zu machen. Stattdessen erfreute jede Folge mit skurilen Ideen, absurden Figuren, unfassbaren Bildern und…last but not least…Lynchs Humor. Die Szene als Audrey (Laras Freundin) auf eigene Faust ermitteln will, und sich in dem Bordell bewirbt, welches sie als Schlüsselpunkt von Laras Mord ausmacht, und nach ihren Referenzen gefragt wird, Junge, Junge…Highlight der TV Serien Produktionen, oder nicht?
    (Ich poste das mal als YouTube Clip)
    Was für eine Bewerbung !!!

    In der Tat sehe ich seine weiteren Filme eher als Träume oder Trips in Lynchs Phantasien, da will ich gar keinen Schlüssel zum Verständnis haben, der Weg ist das Ziel. Eigentlich habt ihr mir durch eure rationale Art MULHOLLAND DRIVE ein wenig versaut, aber ihr wollt alles immer genau verstehen, schon klar.
    Für mich funktionieren diese Filme mehr wie ein faszinierender Sog in einer Bildsprache die absolut niemand mehr so hinkriegt.

    Eine Anmerkung noch zum Sound (der superwichtig ist bei Lynch Filmen):
    Schaut LOST HIGHWAY mal unter Kopfhörern, oder besser noch auf einer guten Surround Anlage..eine Offenbarung sage ich euch.

    Und abschließend:
    CRAZY CLOWN TIME (Davids erste CD) ist nach seinen eigenen Worten “moderner Blues”.
    Passt sich auch wundervoll in sein einzigartiges Filmwerk ein, man spürt die Hand des Meisters.
    Mir persönlich ist sie mit ihren 70 Minuten Spielzeit ein wenig zu lang, aber in Intervallen genossen durchaus empfehlenswert…aber Vorsicht Tamino, ist kein Metal ;)

    https://www.youtube.com/watch?v=7rFWZCEYxyU