Second Unit #36 (Das Fest)

Diese Woche sind wir mal wieder außerhalb Hollywoods unterwegs und widmen uns der Dogma-95-Bewegung aus Dänemark. Das Fest (Amazon) ist der erste Vertreter dieser doch recht radikalen Art des Filme-Machens.

Doch zunächst gilt es auf den noch offenen Hörervorschlag hinzuweisen. Hüpft rüber in die Kommentare zur letzten Sendung und empfehlt uns euren Lieblings-Horror-Film!

Außerdem bedanken wir uns bei Alex Galax für das tolle Nikolaus-Geschenk und natürlich noch einmal bei ben_ für die DVD-Einsendung von Das Fest.

Doch worum geht es überhaupt? Im Kern steht die titelgebende Familienfeier, bei der sich die Großfamilie und Freunde versammeln, um den Geburtstag des Vaters zu ehren. Doch gleich zu Beginn wird deutlich, dass es einige Leichen im Keller der nicht ganz so heilen Familie gibt, dessen dunkle Geheimnisse langsam auf den Tisch kommen.

Der Film wurde von Thomas Vinterberg gedreht, mit Ulrich Thomsen als Christian, Henning Moritzen als Vater und Thomas Bo Larsen als Michael in den Hauptrollen.

Wir erwähnen im Laufe der Diskussion Filme wie 12 Angry Men, Melancholia (den Tamino leidenschaftlich verabscheut), Dog Day Afternoon, The Boondock Saints und Looper.

Zum Schluss setzen wir uns mit der erwähnten Dogma-95-Bewegung auseinander, die 1995 gegründet wurde und insgesamt eine gewisse Natürlichkeit in das Medium Film zurückholen wollte.

Nächste Woche können wir leider noch nicht The Hobbit: An Unexpected Journey gucken, sondern schieben mit Die Hard (Amazon) vorerst einen klassischen Weihnachtsfilm ein.

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[Download | Länge: 1:13:56 | Größe: 34,0 MB| @2nd_Unit | Facebook.com/SecondUnit | iTunes]

[Teaser-Bild: cc by SqueakyMarmot]

  • ben_

    Freut mich sehr, dass ihr euch so intensiv mit dem Film und Dogma 95 auseinandergesetzt habt.

    Was die Nazi-Metapher betrifft: Das ist ein spannender Punkt. Dänemark ist nicht ganz ohne Probleme mit Neonazis und auch der Umganz mit den braunen Jahren ist nicht astrein. Ich glaube, das ist eine plausible Lesart des Films, auf die rechten Probleme Dänemarks hinzuweisen …

    Bonusinfo: Es gab ein Presse-Photo, auf dem Christian und Linda zusammen zu sehen sind:

    http://anmutunddemut.de/2004/02/02/schnitte.html

  • ben_

    Ich will ein Bonbon!

    Und: Was ist dieses “Eitjuhns”?

    • http://www.secondunit-podcast.de/ Christian

      Dieses “Eitjuhns” ist das Ding wo viele ihre Podcasts mit hören tun. You know, just the kuhl kids.

  • ben_

    Im Rahmen der Dogma-Filme sollte man auch “Dancer in the Dark” und “Dogville” nicht unerwähnt lassen. Beides zwar keine Dogma-Filme in vielerlei Hinsicht aber Fortführungen bzw. Abschlüsse des Themas.

    • http://www.secondunit-podcast.de/ Christian

      Also das Dogma-Thema hat mir echt gut gefallen und ich bin durchaus gewillt mal andere Vertreter zu besprechen :-)

  • die_krabbe

    Mehrere Dinge.
    1. Ich versteh nicht, was der ständige Vergleich mit Melancholia soll. Melancholia hat nichts, aber auch gar nichts mit Dogma95 zu tun.
    2. Zum Dogma95 Manifest. Der Sinn besteht doch nicht darin, das komplette Kino damit zu konvertieren. Eher darin, sich selber, als Filmemacher zu beschränken und sich aufs Wesentliche zu reduzieren. Es geht darum, sich den ständigen leichten Ausweg zu versperren und einfallsreich zu sein und neue, unausgetretene Pfade zu beschreiten und dadurch frische Reaktionen beim Publikum hervorzurufen. Würde sonst die Vergewaltigung der Tochter in einer dramatischen Rückblende mit theatralischer Orchestermusik in 5 Sekunden abgefrühstückt, entsteht hier ein Wesentlicher Teil der Geschichte — die Rede des Sohns, die alles aufdeckt und in eine entsprechende Szene eingebettet werden muss — der dadurch eine viel größere Durchschlagskraft hat.

    Eine langweilige Liebesgeschichte, die in Hollywood durch exotische Orte, Zeitsprünge usw. aufgeblasen wird, bleibt am Ende eine langweilige Liebesgeschichte, auf die die Dogmainitiatoren keine Lust mehr haben.
    Hollywood macht es sich oft zu einfach. Alles was nicht stimmt wird in der Post-Production nachgebessert, überladen produziert und aufgepustet. Die Konsequenz daraus ist eben, gar nichts von diesen Mitteln zuzulassen und so eine Konzentration auf eine gute Geschichte zu erzwingen. Natürlich kann auch so ein Film scheitern, aber dann kann der schlechte Film wenigstens nicht hinter lauter Musik und teuren Effekten versteckt werden, was die Qualität des Filmes leichter erkennen lässt.

    Am Ende kann man jede Regel als ein Verbot von jedwedem Setdressing verstehen. Und wenn man nicht alles verbietet, ist es kein Dogma und man kann es gleich lassen. Es soll ja auch nicht jeder Film ein Dogma Film sein. Auch die Initiatoren haben bei weitem nicht alle ihre Filme als Dogma Film gedreht.

    Man kann Dogma95 auch als eine Marke verstehen. Man weiß einfach, was man bekommt bzw. was man nicht bekommt und wenn man darauf Lust hat, dann los.

    Man sollte auch nicht vergessen, dass sie diese Regeln auch nicht 100%ig ernst nehmen, bzw. versuchen diese kreativ zu brechen. Darf der Regisseur nicht als solcher erwähnt werden, bekommt er halt eine kleine Rolle und steht so im Abspann. Die Traumsequenz ist auch eine solche Beugung und ich denke, dass eine fehlende Requisite vor dem Dreh von einer drehteamfernen Person an das Set geschafft wird.

    Diese neu erzwungene Kreativität hält dabei den Film und den Regisseur frischer. Viele Künstler versuchen sich das Leben schwer zu machen, um nicht in den immergleichen Trott zu verfallen. Jack White beispielsweise hat immer zu wenig Plektren auf der Bühne, benutzt Gitarren, die sich schnell verstimmen, stellt seine Mikrofone zu weit auseinander und wiederholt nie seine Setlist. Alles, um die positive und kreative Anspannung seiner ersten Liveauftritte zu reproduzieren.

    Sonst, schöne Sendung :)

    • SecondUnitTamino

      “Melancholia hat nichts, aber auch gar nichts mit Dogma95 zu tun.” Findest du nicht, dass das ziemlich arg formuliert ist? Ich habe nicht behauptet, dass Melancholia ein Dogma-Film ist, aber zu leugnen, dass man hier eine Menge Ähnlichkeiten und Überschneidungen feststellen kann, halte ich für unangemessen. Allein der ganze erste Akt auf der Hochzeit könnte ziemlich genau so auch in einem Dogma-Film sein. Den Vergleich habe ich auch deshalb häufig genutzt, weil Melancholia einfach der einzige Film ist, an den mich Das Fest erinnert hat. Ein ebenfalls dänischer Film mit einem Regisseur, der ebenfalls einst auch Teil des Dogma-Projekts war. Da einen Vergleich anzustellen halte ich für ziemlich naheliegend. Ich habe doch nicht gesagt, dass beide Filme deckungsgleich sind. Ich verstehe hier deinen Unmut daher nicht wirklich.

      Deine weiteren Ausführungen sind sehr interessant. Ich verstehe allerdings nicht, wieso man Regeln aufstellen sollte, um sie danach wieder fallenzulasen oder zu umgehen. Untergräbt das nicht den eigentlichen Sinn einer Regel? Ich bin kein Freund von solcherlei Regelkonstrukten. Es macht im Grunde überhaupt keinen Sinn, irgendwelche völlig fixen Regeln zu formulieren. Man kann für Filme Richtlininien aufstellen oder bestimmte eigene Akzente setzen, aber ein festes Regelkonstrukt ist letztendlich nichts anderes als unproduktiv. Niemand sollte sich mit Verboten oder Geboten selbst einschränken. Ich sehe nicht, wie man auf eine solche Weise künstlich neue Kreativität erzeugen sollte. Wenn ich plötzlich einen bestimmten Aspekt nicht mehr in meinen Film einbauen “darf”, dann muss ich mir natürlich irgendeinen Ausweg oder Trick überlegen, der Regel zu entsprechen. Aber wieso sollte man das Kreativität nennen? Für mich klingt das vielmehr nach einer Einschränkung der Kreativität. Die Suche nach einem bestmöglichen Ausweg für ein selbstauferlegtes Problem scheint mir bestenfalls Gehirnjogging zu sein. Wahre Kreativität heißt, jenseits von Regeln oder Grenzen zu operieren und solche selbst erst für das angestrebte künstlerische Objekt zu setzen. Das Ziehen von Grenzen muss selbst Teil des kreativen Prozesses sein, sonst ist die Kreativität vonvornherein völlig unnötigen Fesseln ausgesetzt..

      • die_krabbe

        OMG

        • SecondUnitTamino

          Willst du mir mit deinem “OMG” sagen, dass du meine ehrliche Antwort so erbärmlich findest, dass sie es nicht mal wert ist, besprochen zu werden? Wow, sehr nett.

          • die_krabbe

            keineswegs. Das OMG kam nur deshalb, weil du scheinbar keinen meiner Punkte verstanden hast und ich keine Zeit für eine ausführliche Antwort hatte.

            1. Nur weil der erste Akt eine Familienfeier zeigt und damit thematisch Ähnlichkeit mit “Das Fest” hat, hat das Ganze noch nichts mit Dogma zu tun. Und gerade Teil 2 und somit auch das ganze Thema des Films könnten kaum weiter von den Dogma 95 Regeln liegen. Und nur, weil der von Lars von Trier ist und so drängt sich in meinen Augen kein Vergleich auf.
            Nur weil ein Vergleich auf den ersten Blick nahe liegt, muss er nicht stimmen und auch das kannst du versuchen einzusehen.

            2. Deine Engstirnigkeit in Bezug auf die Dogma 95 Regeln sind mir im Podcast schon aufgefallen. Du hast bisher nicht ein Argument gebracht, was denn nun so unproduktiv daran ist. Du sagst die ganze Zeit nur, wie doof du das alles findest, aber nicht warum.
            Dass du nicht siehst, wie man mit weniger Mitteln mehr Kreativität und Einfallsreichtum haben muss, um am Ende ein ähnliches Resultat zu erzeugen, erschrickt mich sehr. Mit dem ganzen technischen Schnickschnack, das in Hollywood benutzt wird, wird so viel Augenwischerei betrieben, dass schlechte Filme schwer als solche zu erkennen sind. Wenn ich als Regisseur eines Dogmafilmes all diese Möglichkeiten einen Film auszuschmücken nicht habe, muss ich mir nunmal etwas anderes einfallen lassen. Das erzeugt Kreativität. Verstehst du das nicht? Es werden dadurch neue Wege beschritten, die nichts mit einem krassen Kamerasystem oder Effektstudio zu tun haben, die mich die Pocahontasgeschichte nun mit blauen Männchen erzählen lassen (Avatar). Das hat eben nichts mit echter Kreativität zu tun, sondern nur mit dem Ausprobieren eines neuen Spielzeuges.
            Wenn du das so anders siehst haben wir eine grundlegend andere Auffassung von der Qualität in Filmen.

            Und nur, weil es verschiedene Möglichkeiten gibt — und deine, am Ende angesprochene, gehört dazu — kreativ zu sein, bedeutet es doch nicht, dass ein gewisser Regelsatz nicht dazugehört und verschiedene Ansätze dazu verschiedene Resultate liefern.

            Wenn man “kreativ” mit einem neuen Park an Rendermaschinen umgehe, kommt nie zuvor gesehenes animiertes Fell oder Haupthaar in einem der Pixarstreifen heraus. Geht man den Weg, sich kreativ mit den Dogmaregeln auseinanderzusetzen, kommt im besten Fall eine auf essenzielle Dinge eingedampfte, gute Geschichte dabei heraus.

            Schön auch zu sehen, dass du scheinbar der alleinige Besitzer einer Definition von “Wahrer Kreativität” bist. Als ob es nur eine Möglichkeit gäbe, sich selbst zu fordern.

          • SecondUnitTamino

            Genau wie du meinst, dass ich dich nicht verstehen “will”, habe ich bei dir das gleiche Gefühl. Ich habe doch mit meiner Antwort oben gerade versucht, meine Meinung dir verständlich zu machen und du fühlst dich dadurch anscheinend angegriffen, was ich überhaupt nicht verstehe. Nur weil ich dir meine Auffassung von Kreativität erläutern möchte, soll das doch keineswegs heißen, dass ich jedwede andere Form verdamme. Was willst du denn von mir hören? Mehr als meine persönliche Auffassung zu dem Thema vorzustellen kann ich doch nicht. Es tut mir ja Leid, dass ich das Dogma-Konzept anscheinend nicht begreife, aber ich hab nicht im Geringsten das Gefühl, dass es quasi selbsterklärend und völlig einleuchtend ist. Jetzt meine Frage nochmal zum Mitschreiben: Wieso sollte durch das Aufstellen von künstlichen Regeln die Kreativität gesteigert werden?

            Für dich scheint das eigene “Gefordertwerden” ein sehr wichtiger Teil von Kreativität zu sein. Ich verstehe, dass man durch neu geschaffene Hürden natürlich gezwungen ist, sich immer wieder zu überlegen, wie genau man das Projekt verwirklichen soll und sich sicherlich auch sehr stark auf den Inhalt der Story und die Charaktere konzentrieren muss. Aber all das kann ich doch genau so tun, wenn ich trotzdem die MÖGLICHKEIT habe, mir eigene Requisiten zu beschaffen, vernünftige Kameras zu benutzen oder auf Special Effects zurückzugreifen. Nur weil ich solche Methoden benutzen KANN, heißt das doch nicht, dass automatisch mein ganzer Film zur Belanglosigkeit verkommt. Das Problem von Filmen wie Avatar sind doch nicht die Special Effects selbst, sondern der Umgang mit ihnen bzw. das völlige Konzentrieren auf sie und nichts anderes. Nur weil man heutzutage alles animieren kann, darf das natürlich nicht heißen, dass man es auch immer und jederzeit tut. Wo ist das Problem, wenn ein Künstler alle Möglichkeiten der Technik zur Verfügung hat und damit seine Vision verwirklicht? Wenn ein Regisseur nur durch die Existenz der modernen Technik quasi dazu “verführt” werden kann, schlechte Filme zu machen, dann gehört ein solcher Jemand sowieso nicht auf den Regiestuhl. Es ist doch eigentlich total großartig, das heutzutage die Möglichkeit besteht, Filme wie The Matrix oder Lord of the Rings in der Weise zu drehen wie es getan wurde. Natürlich können solche Filme auch andere Filmemacher dazu verleiten, sich zu sehr in einer solchen Special-Effect-Verliebtheit zu verlieren, aber das ist doch völlig egal. Wenn ich als Künstler eine Vision habe, dann sollte ich doch mit den bestmöglichen Mitteln versuchen, sie zu verwirklichen. Oder siehst du das anders? Wieso sollte ich, um kreativ zu sein, mich zuerst selbst künstlich einschränken müssen? Vermutlich verstehst du etwas anderes unter Kreativität als ich. Für mich klingt deine Auffassung etwa nach soetwas wie: Da hat aber jemand eine “kreative” Lösung für ein Problem gefunden. Ich würde das z.B. “gewitzt”, “innovativ” oder “raffiniert” nennen. Ich meine mit “kreativ” aber eher etwas wie “künstlerisch gehaltvoll” (in Ermangelung einer bessern Formulierung)

            Noch ein paar Beispiele. Sagen wir, Salvadore Dali hätte sich die Regel gesetzt, von jetzt an nur noch Rottöne für seine Bilder zu benutzen. Natürlich würde das eine Menge ganz neuer Überlegungen und Techniken erfordern, um dennoch vernünftige Bilder produzieren zu können. Aber wieso sollte man sagen, dass dadurch seine Kreativität gesteigert würde? Warscheinlich hätte das letztendlich nur dazu geführt, dass viele seiner großartigen Werke nie hätten verwirklicht werden können. Natürlich ist es eine bemerkenswerte Leistung, unter solchen Voraussetzungen trotzdem große Kunst zu schaffen (genau wie beim Dogma-Projekt), aber es wäre doch unsinnig zu behaupten, dass auf eine solche Weise größere Kunst entstehe.

            Oder stell dir vor, du wärst der beste Akrobat der Welt, niemand kann dir ansatzweise das Wasser reichen. Du erfindest unzählige tolle Figuren, beherrschst alle Sprünge perfekt und begeisterst jeden. Da du aber nicht in Routine verfallen willst und weiterhin quasi “kreativ” bleiben willst, setzt du dir die Regel ab sofort nur noch nach einer Flasche Whiskey zu turnen. Natürlich musst du nun ganz neue Hürden überwinden, aber wieso sollte das in irgendeiner Weise sinnvoll sein? Natürlich ist der Akrobat jetzt warscheinlich wieder so gefordert als ob er alles neu lernen müsste, aber ist der Act, der dabei am Ende rauskommt jetzt besser als der vorherige? Bist du dadurch nun ein kreativerer Mensch als zuvor, nur weil du dir selbst das Leben schwer gemacht hast? Ich sehe das jedenfalls nicht so.

            Oder wie wäre es, einen großartigen Text zu schreiben, aber ohne den Buchstaben “e” zu verwenden. Klar ist es eine beachtenswerte Leistung, so etwas tatsächlich zu schaffen, aber ich halte es doch für sehr unwahrscheinlich, dass man auf eine solche Weise auch nur ansatzweise an das herankommt, was man unter normalen Bedingungen literarisch geschaffen hätte. So wie ich dich verstehe, würdest du dieses Beispiel dennoch als Umstände zur Erzeugung einer gesteigerten Kreativität empfinden, oder?

            Jeder kann verschiedene Auffassungen von Kreativität haben. Für mich gehört freie Entfaltung der eigenen künstlerischen Visionen notwenidg wie nichts anderes dazu. Regelsysteme sind für mich per defintionem immer etwas, das gegen Kreativität arbeitet. Es nützt jedenfalls niemandem etwas, wenn du mich als engstirnig oder sonstwas bezeichnest, nur weil mir deine Vorstellung von Kreativität unverständlich ist. Ich habe außerdem das Gefühl, dass meine Auffassung viel mehr dem des Common Sense entspricht und daher die Rechtfertigungen eher beim Dogma-Prinzip liegen sollten, Diversität der Meinungen hin oder her. Vermutlich wird auch irgendjemand auf dieser Welt behaupten, dass es das größte individuelle Glück bedeute, in einem totalitären Regime zu leben und alle anderen für bekloppt halten, die das nicht verstehen. Da eine solche Aussage in meinen Ohren aber völlig paradox klingt, müsste ich dann allerdings um eine ausführliche Erläuterung dieser Ansicht bitten oder die Diskussion beenden. Wenn mir dieser Jemand dann einfach sagt, ich sei zu eingebildet, um das Offensichtliche zu begreifen und ich “wolle” ihn ja sowieso gar nicht verstehen, na dann herzlichen Glückwunsch und vielen Dank für die Diskussion. Und wenn mir jemand anders erzählt, dass mit einem künstlichen Regelsystem größere Kreativität erzeugt würde, als wenn ein Künstler völlig frei entscheiden könnte, auf welche Weise und mit welchen Mitteln er künstlerisch tätig sein möchte, dann klingt das für mich schlichtweg absurd, paradox und nicht nachvollziehbar. Das hat nichts mit Engstirnigkeit zu tun oder damit, dass ich immer Recht haben muss und alle anderen Ansichten verachte. Ich verstehe es einfach nicht. Es ist für mich ein Widerspruch.

            Geht es letztendlich nicht einfach nur darum, dass am Ende der bestmögliche Film herauskommt? Und sollten dazu nicht alle möglichen und angemessenen Mittel zumindest in Betracht gezogen werden? Alles andere klingt für mich so, als wolle man lieber einen vielleicht unnötig unspektakulären Film drehen, als sich auch nur dem bloßen Risiko einer zu starken Verfremdung der inhaltlichen Essenz hinzugeben. Man schließt diese Gefahr 100%ig aus – und nicht nur 99%ig , nämlich durch den permanenten Einsatz von klugem Menschenverstand und Reflexion (z.B. ala Nolan) – anstatt die Nach- UND Vorteile modernen Filmemachens anzuerkennen, sie abzuwägen und in einem eigenen künstlerischen Rahmen auszuschöpfen.

          • die_krabbe

            Agree to disagree. Für dich scheint Kreativität das finale Produkt zu sein. Für mich ist es der Prozess des Schaffens. Ich habe nie behauptet, dass man mit allen technischen Mitteln nicht auch kreativ sein kann, aber genau das gleiche beanspruche ich auch für das Weglassen von Mitteln. Und ja, für mich ist gerade dieser beschränkte Umgang mit Ressourcen eine wichtige Form von Kreativität.
            Nichts anderes tun Designer oder Architekten auch. Sie sind beschränkt durch Budget, Lokation, Vorgaben der Auftraggeber usw. Deren Prozess etwas mit diesen “künstlich auferlegten Regeln” anzustellen ist einfach Kreativität. Oder siehst du das in diesem Zusammenhang auch anders? Damit würdest du der gesamten Branche die Kreativität absprechen. Natürlich könnten sich diese viel mehr austoben, wenn sie diese Grenzen nicht hätten, aber gerade durch den engen Rahmen werden doch sehr interessante Dinge produziert.
            Und ich sage ja mit keinem Wort, dass durch die Regeln immer was gutes herauskommt, es ist einfach ein anderer Weg sich mit der Materie auseinanderzusetzen.
            Aber ich fühle, ich habe gesagt, was ich zu sagen habe. Vielleicht hilft dir die Analogie mit Architektur etwas, um meinen Standpunkt zu verstehen.

            Um es auf eins deiner Beispiele anzuwenden. Tränke der Akrobat Alkohol, müsste er gewisse Dinge an seiner Performance ändern, um die Betrunkenheit auszugleichen. Dieser Prozess ist kreativ und, was das wichtige an meinem Punkt ist, das, was das Publikum sieht ist bestimmt nicht besser, als eine nüchterne Performance, aber doch anders und ggf. noch nie vorher gesehen, weil sich niemand mit dieser Beschränkung vorher auseinandersetzen musste. Und das ist mindestens eine Bereicherung für die Kunst.

          • http://www.secondunit-podcast.de/ Christian

            Zu dem Melancholia-Dogma-Problem: Ich kenne den Film ja nicht selbst, nur aus Taminos Erzählungen. Ich sehe aber auch keinen Grund, warum Lars von Trier nicht auch in späteren Filmen Dogma-Elemente eingebaut haben sollte. Aber wie gesagt, ich kann da eigentlich nicht mitreden. Aber für mich ist das ja ur ein Grund mehr, den Film auch mal hier für den Podcast zu gucken ;-)

            Zu der Kreativitäts-Frage: Da hatten Tamino und ich auch schon mal ohne Mikrofon vor der Nase drüber gesprochen. Ich bin auch der Meinung, dass Kreativität gerade erst durch Grenzen hervorgebracht werden kann. Entweder man setzt sich selbst Grenzen oder Regeln (Konzeptalben bei Musik zum Beispiel) oder aber das Medium gibt diese vor (Filme sind ja auch keine 10 Stunden lang). Aber ich kann Taminos Problem damit schon nachvollziehen. Vielleicht greifen wir das Thema ja noch mal kurz in der nächsten Sendung auf.

          • http://www.facebook.com/alexgalax3000 Alex Galax

            Komische Diskussion. Ob Regeln und Grenzen die Kreativität fördern oder nicht, liegt doch alleine beim Künstler und das muss jeder für sich entscheiden. Natürlich kann man Vermutungen anstellen und diskutieren ob das in einem konkreten Fall so gewesen seien könnte – es bleiben aber Vermutungen.

            Für mich persönlich bedeutet Kunst aus den Vollen zu schöpfen, ich wäre sonst unzufrieden mit dem Endprodukt, weil man dies oder das hätte besser machen können. Solche Regeln funktionieren wahrscheinlich am besten in einem Lernprozess um andere Wege zu beschreiten. Aber das sieht jeder anders.

    • ben_

      Ich habe Dogma ’95 vor allem als ein GEMEINSAMES Experiment verstanden. Wenn man ein “Manifest” hat, und mehrere Teams den gleichen Regel gehorchen müssen, dann bilden die Filme, die man hinterher bekommt, ein Spektrum dessen, was im Rahmen dieser Regeln möglich ist. Und je breiter dieses Spektrum wird, je beeindruckender die einzelnen Filme werden, desto mehr sagt es über die ganze Unternehmung aus. Auch wenn Dogma nun keine große Kinotradition geworden ist, so finde ich die Erfolge eben WEGEN des starren Rahmen schon sehr beeindruckend.

  • Heisenberg

    Bin heute endlich dazugekommen den Film mal anzugucken und danach die Sendung zu hören.

    Ein echt krasses Ding, ein Brett von einem Film.

    Die Inszenierung ist auch wirklich ungewöhnlich, aber auf jeden Fall unglaublich zielführend und stimmig. Hat mich sehr beeindruckt.

    Das ist so einer von diesen Filmen, zu denen man sich mal zwingen muss. Aber jetzt reichts auch erst mal wieder ;-)

  • Heisenberg

    Nachtrag: nächstes Jahr kommt ein neuer Film des gleichen Regisseurs in die Kinos: The Hunt mit Mads Mikkelsen

    hat ein ähnliches Thema: http://www.youtube.com/watch?v=9Umv4CyxTdg

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  • http://weltamdraht.blogsport.de/ jacker

    Gute Sendung, weil es witzig ist euch beim beschreiten völlig neuen Terrains zuzuhören.

    Meine Auffassung vom Sinn der Dogma-Bewegung:

    Filmemachen auf das essentiellste herunter zu brechen. Was leider in großen Produktionen leider oft viel zu kurz kommt. Nämlich auf die Menschen, die Dynamik zwischen ihnen und die Geschichten die sich aus ihrem Miteinander entwickeln. Und keine der Regeln ist in meinen Augen sinnlos, oder blöd. Denn jede der Regel verbietet dem Regisseur auf andere Art Augenwischerei zu betreiben. Es soll einfach nur das zählen was erzählt wird und NICHTS anderes. Tamino z.B. äußert sich ja etwas skeptisch über das Verbot an Requisiten. Ich sehe das ganz anders: Da es einzig um Charaktere und Geschichte gehen muss / soll / darf, ist es doch ganz logisch, dass ein Drehort nicht verschönert wird. Weil kein Ort zu hübsch, oder zu karg sein KANN um Kulisse für die jeweilige Szene zu sein – denn eine Szene zwischen Menschen kann überall stattfinden. Wo ist egal. Und demnach in einem Dogma-Film auch wie das Drumherum aussieht. Requisiten hin zu bringen ist einfach verboten, weil es genau in die falsche Richtung geht -> vom wesentlichen abzulenken.

    Wie die Krabbe schon in eurer Diskussion schreibt: viele Filme sind inhaltlich absolut schlecht und völliger Standard-Kram. Bombast-Optik und Ton können da ganz leicht drüber hinweg täuschen. Das geht halt bei Dogma nicht.

    Und noch was zu den sehr überzeichneten Charakteren: SInd sie tatsächlich. Der extreme Choleriker allen voran. Ich habe FESTEN aber als eine Art Experiment des menschlichen Verhaltens aufgefasst. Schmeißt man extreme Gegensätze in einen Behälter entstehen extreme Spannungen und irgendwann extreme Entladungen. Die Figuren sind teils extrem, jeder verhält sich aber seiner Natur gemäß doch wieder relativ natürlich. Und dadurch entwickelt sich die extreme Dynamik die FESTEN hat! Insofern ist es doch stark zu sehen wie sehr der Dogma Ansatz hier bereits aufgeht! Ihr mochtet den Film ja auch sehr und wenn man in sich geht und fragt ‘warum mochte ich den?’, dann kommt man zwingend zum Punkt der Figuren. Aller Charakteristiken beraubt, derer man sonst einen Film (auch) mögen kann, bleibt nur die Geschichte und die ist so verdammt gut, dass sie einen umhaut!