Second Unit #245 – Blade Runner 2049 (Gäste: Tamino Muth & Thomas Jaspers)

Wir hätten da mal ein paar Fragen an euch. Mit Blade Runner 2049 (Amazon-Link*) besprechen wir in dieser Ausgabe einen weiteren Sci-Fi-Meilenstein. Oder etwa nicht? Die beiden weltgrößten Blade-Runner-Fans Tamino und Thomas sind da etwas skeptisch. 

Unseren Gast Thomas findet ihr hier nicht nur als Kaiju- und Godzilla-Experten, sondern auch drüben in seinem Podcast: Die Wundertüte

Unsere Freunde der CineCouch und vom Lichtspielcast werden sich dem Film übrigens auch bald annehmen. Dürft ihr euch gerne reinklicken und durchhören!

[YouTube Direktlink]

Regie führte hier der (großartige) Denis Villeneuve, basierend auf dem Drehbuch von Drehbuch Hampton Fancher und Michael Green, die wiederum die Geschichte von Philip K. Dick als Grundlage nutzen. In der Hauptrolle spielt Ryan Gosling als ‘K’. Außerdem dabei: Dave Bautista als Sapper Morton, Robin Wright als Lieutenant Joshi, Ana de Armas als Joi, Jared Leto als Niander Wallace, Carla Juri als Dr. Ana Stelline, Edward James Olmos als Gaff, Mackenzie Davis als Mariette, Harrison Ford als Rick Deckard und Sean Young als Rachael.

Wir haben viel zu besprechen! Relativ einig sind wir uns über die gelungene, großartige Inszenierung des Filmes. Trotzdem haben wir Probleme mit dem Film, jeder für sich. Für Christian gibt es immer noch Probleme in dem Verhältnis zwischen Menschen und Replikanten; Tamino hat Schwierigkeiten mit der Liebesgeschichte; für Thomas fügt sich der Film nur schwer an den Vorgänger. Auch bei den Motiven legen alle eigene Schwerpunkte. Und trotzdem sind wir noch lange nicht durch mit dem Film!

Nächste Woche übernimmt der #Horrorctober das Programm! Dann geht es mit Life (Amazon-Link*) und Niels von der CineCouch weiter.

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[Teaser-Bild: cc by 2.0 Gage Skidmore]

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  • Anony Mouse

    @tamino: 2048 = 2^11. vll hattest du mal 2048MB RAM o.ä.

    • http://www.secondunit-podcast.de/ Christian
    • SecondUnitTamino

      Haha, so dämlich das klingen mag, aber ich glaube das ist tatsächlich die Erklärung. Da bin ich wohl unterbewusst mehr Informatiker als ich dachte.

  • PatrickSuite

    Sehr schöner Podcast, ihr habt gut ausgearbeitet, was euch nicht zusagt. War für mich gut nachvollziehbar. Thomas war ein toller zusätzlicher Gast, hat eure gewohnte Runde des Wahnsinns gut erweitert.

    Kurz zu meiner Blade Runner Historie: Als mir Alien, 2001 und The Thing gezeigt wurden, war Blade Runner dran im Alter von 14 Jahren. Beim ersten Sichten in dem Alter, war ich zwar fasziniert, aber dennoch insgesamt etwas ratlos und etwas gelangweilt. Erst als ich mit 18 nochmals dem Film eine Chance gab, dachte ich mir: Wie konnte ich diesen Film langweilig finden? Es war eine Faszination geweckt. Die letzten 5 Jahre hatte ich einen Prof, bei dem ich später auch meinen Bachelor absolvieren sollte, der mir seine Blade Runner Hingabe noch näher gebracht hat. Er war damals 13, 14 Mal im Kino.

    Nun und jetzt kam die Fortsetzung (Spoilertime!), ich hab den ersten Blade Runner im Final Cut gesehen mit einem guten Kumpel und bin danach ins Kino gefahren und hab BR 2049 gesehen. Es war einfach toll 5 Stunden in dieser Welt zu verbringen, es gab selten einen so tollen Kinoabend in den letzten Jahre.

    Zu Christian, eigentlich war Alcon dafür zuständig, dass es die Fortsetzung gibt, sie haben schon Mitte der 2000er sich für die Rechte der BR Fortsetzung interessiert, Ende der 2000er war es dann soweit. Sony ist relativ spät eingestiegen, als das Drehbuch und einige Castinggespräche geführt wurden. Falls es interessiert, kann ich mal einen Artikel dazu rauskramen.

    Ich fand es gelungen wie die Welt erweitert und verändert wurde, ein Stadtbild ändert sich in 3 Dekaden halt. Paar einzene Elemente wie die Zeichen der Sowjetunion waren vertraut oder die Fahrradfahrer wie vom 1. Teil.
    Hier ein tolles Video was einige Dinge aus der Welt näher beleuchtet und den Entstehungsprozess zeigt: https://youtu.be/zZNKT2StC2c

    Außerdem eine Frage an Tamino und Thomas: Hätte ihr lieber eine sehr, sehr ähnliche Welt mit den heutigen Mitteln? Mir gefällt, dass Villeneuve und sein Team um Deakins und Gassner (Production Designer in 2049) die Welt weiterentwickeln wollten. Was passiert, wenn weniger Menschen dort leben?

    Außerdem hat die Bildsprache sich ja geändert, da wäre meiner Meinung nach das Barocke Element unpassend gewesen mit der minimalistischen Bildsprache von Deakins, die mich teilweise extrem an Tarkovsky Stalker erinnerte. Außerdem wird doch im Text zu Beginn des Filmes gesagt, dass Wallace Company das Leben der Bürger etwas verbesserte, dadurch fand ich den etwas sauberen Look nachvollziehbar.

    Tamino hat mich aber auch nochmal darauf aufmerksam gemacht, dass die Action viel motivierter und interessanter benutzt wird. Da bin ich voll bei Dir.

    Was mir wirklich gut gefallen hat, war dass die philosophischen Fragen gestellt wurden rund um Joi, Geburt eines Replikanten, haben Replikanten eine Seele. Außerdem wurde DIE Frage, ob Rick nun ein Replikant schön erweitert mit dem Zusatz: Hey, vielleicht wurdest Du gebaut, um mit Rachel ein Baby zu zeugen. Es ist so schön, dass man die Frage nicht eindeutig beantwortet hat. Der verrückte Flöten Ridley hat ja bewiesen wie man es in Alien: Convenant falsch macht. Die Frage wurde offengehalten und erweitert. Wie schön und clever!

    Ich hab überraschend mit K gelitten als die Widerstandsgruppe ihm sagte: “Wie, du dachtest, du wärest das geborene Kind? Das dachten wir alle mal.” Ich finde es mutig, diese erstmal klassische Heldenreise so invertieren. Ich hatte wirklich Mitleid mit K. Wie ging es euch da?

    Für mich waren die weitergedachten Szenen vom 1. Teil clever: Die Bienen, das Holzpferd, die Jacke von Joi, Sex mit einer Künstlichkeit.

    Ich bin voll bei Christian, was die Rolle von Joi angeht: Für K. ist sie keine Illusion, erst als er das große Werbeschild mit Joe erlebt, ist für ihn klar, dass es nicht echt war. Diese emotionale Entscheidung wird ja relevant, weil K zischendurch den Namen Joe gegenüber Deckard benutzt. Ein wichtiger Punkt, warum K. sein Schicksal akzeptiert, dass er nur eine Nebenrolle spielt, damit Deckard seine Tochter sehen.

    Zu Christians Punkt mit dem Wunder: Dave Bautista erwähnt das dem Wunder und erörterter nicht weiter, weil K ihn dann tötet ehm ich meine in Ruhestand versetzt. Noch relevanter: Der Zuschauer soll das Wunder erleben durch die Augen von K: Der natürliche geborene Replikant. Diese Reise wird ja erlebbar gemacht durch die Detektivarbeit und Reise von K. Es wäre ein anderer Film, wenn man das schon so früh erzählt hätte.
    Madam zeigt übrigens auch die Mauern etwas auf, weil sie sich etwas rassistisch gegenüber ihn äußert, aber doch eine Faszination für ihn hat und mit ihm schlafen will.

    Ich sehe auch einige Schwächen des Filmes und er ist weit weg fehlerfrei zu sein, aber die positiven Punkte wiegen so stark, dass ich einfach begeistert bin.

    Meine negativen Punkte an BR 2049:

    - Die Musik ist nicht besonders kreativ, bisschen Vangelis hier und Zimmer BRUMM da. Passte in einigen Einstellungen sehr gut, aber da wäre noch viel mehr Luft nach oben gewesen. Mich hätte interessiert wie der Soundtrack vorher aussah.
    - Niander Wallace hätten 2, 3 Szenen mehr gut getan, damit wir mehr über dessen Motivationen oder Talente erfahrén oder man streicht den Wallace und gestaltet Lov um, dass sie interessanter wird. Praktisch der weibliche Roy Batty, aber halt nicht zu 1:1. Vielleicht hätte sie die Revolutionsgruppe organisieren können.
    - Die Revolutionsgruppe war halt voll für die Katz, die Szene mit K, wo er erfahrne hat, dass er nicht das Kind ist, war zwar gut, aber ansonsten war die Gruppe unnötig.
    - Ich mochte das Finale im Wasser nicht. Das passte nicht zum Rest des Filmes.

    Wer übrigens ein tolles Hörspiel von dem Ausgangsmaterial von Dick hören möchte, hier, viel Spaß: https://youtu.be/jsILXXly4OQ

    Ich bin gespannt auf die Zweitsichtung im Kino. Der Film beschäftigt mich einfach noch Tage nachdem Kino. Ich hab mir die 3:35 Stündige Doku zum erstne Teil angeschaut “Dangerous Days”. Empfehlenswert! Ich freue mich schon auf die Blu-Ray und das Artbook von BR 2049, um mehr über die Welt zu erfahren. Es lässt mich einfach nicht los.

    • PatrickSuite

      Kleines Post Skriptum:

      So wie ich das verstanden habe, wollte Wallace die Replikanten benutzen, um die Macht in der Welt übernehmen. Dafür musste er alle Zeugen töten, die von der natürlichen Geburt von einem Replikanten wussten. Den sonst bestand die Gefahr, dass sich die Replikanten gegen ihn formieren. Er hat ja die Replikanten wie Sklaven benutzt/ getötet.

      Auf der anderen Seite, war sein Ego gekränkt, dass es wohl Tyrell geschafft hat natürliches Leben unter den Replikanten zu ermöglichen. Die eine Gefahr waren für seinen Machtanspruch.

    • http://www.secondunit-podcast.de/ Christian

      Mein Problem mit dem Stichwort “Wunder” ist einfach, dass es nichts “wundervolles” (in beiden Blade-Runner-Filmen) gibt. “Wunder” sind für mich das Gegenteil von Philosophie: Sie sind warm, sie sind übermenschlich, sie sind nicht in Sprache zu fassen. Für mich sind die Filme aber immer kalt und verkopft *shruggemoji*

      • PatrickSuite

        Ist aber nicht die Entstehung eines Lebens einer kompletten neuen Lebensform (Natürliche Replikantin) sowas wie ein Wunder? Eine Anomalie sozusagen.

        Und der komplette Film arbeitet sich doch ab, dass K seine Menschlichkeit findet. Die Maschine wird zum Menschen sozusagen und das erleben wir auch mit. Daher kann ich deinen Punkt rational verstehen, aber nicht nachempfinden oder zustimmen.

        • http://www.secondunit-podcast.de/ Christian

          Natürlich ist das Entstehen von Leben ein Wunder! Aber mein Problem ist ja: Das wissen wir nur aus Dialogen. Wir sehen kein Entstehen von Leben. Uns wird das immer wieder nur gesagt. Show, don’t tell vermisse ich da…

  • Sultan-of-Swing

    Ganz toller Podcast. Thomas als Gast ist auch immer eine Bereicherung und zusammen mit Christian und Tamino ergeben sich immer super Filmgespräche.

    Ich bin der gleichen Meinung wie Patrick.

    Spoiler:

    Alle die von dem Kind wussten mussten sterben. Wallace hatte Angst, dass Replikaten sich ohne seine Kontrolle vermehren.
    Für die Replikanten ist Geburtenkontrolle schlecht, da sie halt wieder Sklaven wären. Sie möchten als Volk frei sein und zum Menschsein fehlte ihnen bis jetzt noch die Geburt.Sie sind damit nicht mehr geschaffene, sondern erschaffende.
    Der Rest der Menschheit hat deswegen ein Problem damit, da ja Replikanten deutlich Stärker sind und eine Übernahme dementsprechend schlecht für die Menschheit ausgehen könnte.

    Christians Erkenntnis mit dem Hologramm hatte ich zum Schluss auch. K erkennt an, dass das Hologramm eine Programmierung seiner Wünsche ist und dass er durch Taten und nicht durch Geburt einzigartig bzw. besonders werden kann.

    Das Hologramm schickt die Prostituierte auch nicht aus Eifersucht weg, sondern weil halt eine Prostituierte, die auch noch ein replikant ist, am ende des Aktes wirklich nicht mehr gebraucht wird. Es ist halt eine Ware mit der man nicht sehr gut umgehen muss, wahrscheinlich auch aufgrund des Replikantenstatus.

    Ich bin ja auch kein Abspannschauer, aber Blade Runner hat mich, wie die meisten in meiner Vorstellung veranlasst sitzen zu bleiben.

  • Familienpapa

    Ich bin über eure Probleme sehr überrascht und meine waren (abgesehen von geringfügiger) auch komplett woanders. Ich gehe mal wirklich nur auf die von euch genannten Punkte ein. Für meine ganzen Gedanken zur Audiovisualität, den Set Designs, die ganzen politischen Untertöne und eigene Interpretationen bräuchte ich mehr Zeit, als ich gerade habe.

    Zur Eröffnungsszene: Klar war die in BR besser. Aber mit solchen Vergleichen tust du dir keinen Gefallen, Tamino. Da brauchst du nicht mehr ins Kino gehen. Wenn sich BR2049 an BR messen lassen muss, dann auch jeder andere Sci-Fi-Film und wir können das Genre eigentlich dicht machen. Abgesehen davon finde ich das Intro im neuen auch äußerst gelungen: Sapper Morton ist als Charakter einfach nur toll. Wir sehen ihn zwar nur wenige Minuten, aber die Art, wie er in seiner kleinen Baracke auf kleiner Flamme seinen Knoblauch kocht (oder was das war), wie er diese kleine, drahtige Brille um seinen massiven Schädel windet, erzählt sehr viel von einem zurückgezogenen, einsamen Menschen, für dessen Geschichte ich mich sofort interessierte. Ich kann mich nicht entsinnen, jemals schon mal schneller in einem Film involviert gewesen zu sein. Auch bleibt dieses Setting und seine letzten Worte ja noch zentral für die gesamte Geschichte. Der karge Baum aus dem seltenen, echten Holz ist sehr symbolisch (auch wenn mich religiöse Thematiken nicht sonderlich interessieren) und gleichzeitig auch Rachaels Grab. Einmal im Film sagt Mariette, der Baum sei schön, woraufhin K nur erwidert „it’s dead“. Schon dieser kurze Dialog erhält dadurch viel mehr Gewicht und macht klar, wie die Figuren momentan in der Geschichte stehen und welche Einstellungen sie vertreten. Generell mag ich Filme immer dann, wenn die Schönheit in den kleinen Dingen und Gesten steckt (wie z.B. bei Miyazaki). Gerade fällt mir da bspw. noch die Bienenszene ein. K hat in seinem ganzen Leben noch niemals eine Biene gesehen und greift da mit vorsichtiger Naivität einfach mal in den Hort der Fruchtbarkeit rein, der inmitten einer völlig desolaten und verstrahlten Wüste steht. Wie schön und paradox war denn bitte dieses Bild? Da dröhnt einem das Trommelfell vom ohrenbetäubenden Lärm der Maschinen in der Großstadt und Minuten später hört man nur ein leises Summen friedlich umhersurrender Bienen. Auch völlig ohne Öko-Botschaft hat mir dieser kleine Einfall sehr gefallen.
    Oder wie spöttisch Gaff sein Origami Schaf zu K rüber schiebt, der neuen Replikantenart, die nicht mehr rebelliert und gehorsam ist wie ein Schäfchen.

    Zur Atmosphäre: Ja, die ist im alten besser. Aber auch einfach deshalb, weil sie dort unschlagbar ist. Welcher Film hat denn bitte eine dichtere Atmosphäre als BR? Ich kenne keinen und ich habe auch nicht erwartet, dass man eine solche Atmosphäre wieder erzeugen kann. Schlicht und ergreifend deshalb, weil das nicht geht. BR ist ja inzwischen mehr als nur ein Film, man kennt und liebt ihn schon so viele Jahre, teilt diese Liebe mit so vielen anderen Menschen, dass die damit verbundenen Emotionen weitaus komplexer sind als das, was man im Kino bei einem neuen Film jemals fühlen könnte. Alleine der Look und das gröbere Design tragen schon dazu bei. So etwas kann man nicht rekreieren und das ist auch in Ordnung so. Denn wenn man diesen einmal ausklammert, wird man feststellen (zumindest ich tue das), dass es sonst nicht wirklich etwas Vergleichbares gibt im Sci-Fi-Genre und BR2049 da schon mit an der Spitze thront. Vielleicht noch Dark City, aber zumindest bei mir nur aus ähnlichen Gründen wie BR und wegen meiner Schwäche für gritty Film Noir. Ihr seid euch alle einig, dass die Sets extrem stimmig sind (ganz zu schweigen von den nicht erwähnten, traumhaften Innenarchitekturen im Wallace Gebäude), siedelt ihn aber nur im Durchschnitt an? Das leuchtet mir nicht ganz ein. Wie Christian schon sagte ist es mittlerweile selbstverständlich, dass Sci-Fi gut aussieht. Aber SO gut sieht sonst nichts aus (außer eben BR und Alien), ich finde auch, dass das hier nicht ausreichend gewürdigt wurde von euch.

    Zur Love-Story: Ich sehe ehrlich gesagt gar nicht, worin da das Problem besteht. Im Jahr 2017 ist es doch nahe liegender, sich in eine KI zu verlieben als in einen komplett fertigen, synthetischen Menschen. Die Frage nach der Fähigkeit, „artifizielle“ Dinge zu lieben, stellt sich inzwischen natürlich in Bezug auf KIs und den Weg über Joi zu gehen ist einfach der nächste, logische Schritt. Und sowieso: Wie geil ist denn bitte dieser vorgehaltene Spiegel? Da sitzen wir im ersten Teil und denken darüber nach, ob man sich tatsächlich in einen solchen Replikanten verlieben kann. Und nun sitzen wir da und sehen einem Replikanten zu, der darüber nachdenkt, ob man sich tatsächlich in eine KI verlieben kann.

    Zu “dem Geräusch” von Jois USB-Stick: Das ist nicht nur irgendein Geräusch, sondern Prokofjews „Peter und der Wolf“. Hat das echt keiner von euch in der Kindheit gehört? Das kann ich nicht glauben, ihr habt es bestimmt nur vergessen. Trotzdem: Dringend mal nachholen, tolle Lehrstunde in Sachen Musik. Und natürlich auch ein schönes Augenzwinkern auf inhaltlicher Ebene: In diesem Stück wird allein durch die Wahl verschiedener Instrumente, Akkordfolgen und Klangmotive Stimmungen erzeugt, die sehr visuelle Assoziationen schaffen. Sehr ähnlich ist Joi ja auch nur ein Instrument, das auf fast schon algorithmische Weise Emotionen bei seinem Nutzer evozieren soll (z.B. durch das Einreden, er sei etwas Besonderes), indem es einen Charakter und eine Persönlichkeit simuliert. Auch ist natürlich die erklingende Melodie (welche die von Peter ist) die harmonischste, beschwingteste und euphorischste im ganzen Stück, was ihren Existenzzweck sehr schön zusammenfasst: Gute Laune beim Nutzer produzieren, „joy“ eben.
    Ich halte es auch nicht für ausgeschlossen, dass Joy von der Widerstandsgruppe umprogrammiert wurde, um K zu seiner Quest zu animieren. Durch die ständigen Zweifel, er könnte besonders oder einzigartig sein, wird seine innere Unruhe genährt, die ihn letztlich die ganzen Mysterien aufdecken lässt. Vielleicht hat die Widerstandsgruppe herausfinden können, welchen Modellen der Nexus 9 die echten Erinnerungen implantiert wurden. Schließlich lädt Joi eine Anhängerin in die Wohnung ein, sodass diese ihren Tracker platzieren kann, der sie letztlich zu Deckard führen wird.

    Zu Wallace: Seine Ziele sind natürlich nobel, seine Absichten aber nicht. Er sieht darin ja nicht das Freiheitsmotiv, das die Replikanten darin ausmachen. Für ihn sind Replikanten „disposable work force“, ein Mittel zum Zweck. Als Arbeitssklaven zu halten, die die wahren, echten Menschen in die Sterne befördern. Und natürlich zur Befriedigung seines Gottkomplexes. Gelingt ihm dieser Kunstgriff vor den Replikanten, raubt er dem „Miracle“ all seine Bedeutung und macht es technisch begreifbar. Damit wären die Replikanten wieder dort, wo sie vorher waren. Nur mit einem neuen Feature versehen, einer neuen App quasi. Nichts, das aus echter Liebe oder unsterblicher Hoffnung (zu geborenen Wesen zu werden) entstanden ist. Das mag zwar etwas geschwollen klingen, ich denke aber, dass zum Menschsein unbedingt dieser Glaube an etwas Übernatürliches, Metaphysisches gehört. Dieses Greifen nach den Sternen, das Wallace eben sprichwörtlich entmystifizieren möchte.
    Seine ablehnende Haltung gegenüber diesen romantischen Motiven zeigt sich ja auch in seinen Produkten Luv (love) und Joi (joy). Liebe und Freude sind für ihn produzierbare Ware mit Zweck. Ein notwendiges Übel zum Überleben. Etwas, das in Anspruch genommen werden muss für das Überleben und den Fortbestand seiner Replikanten, oder natürlich etwas um Kinder zu zeugen. Ich denke nicht, dass es Zufall ist, dass seine rechte Hand – also diejenige, die damit beauftragt wurde, das Kind zu finden – Luv heißt.
    Und nicht ohne Grund ist Wallace blind, sind doch die Augen die Spiegel zur Seele (wie ihr auch schon im Podcast zum BR erwähnt habt), etwas, das ihm anscheinend fehlt. Sehr passend, wie diese Fehlstelle bei ihm kaschiert wird durch etwas Technisches wie die fliegenden Drohnen.
    Ich bin überzeugt davon, dass man aus diesem „Love and Joy“-Theme noch einiges rauskitzeln kann, das dann ein paar rätselhafte Momente sinnvoll erklären kann, konnte aber während meiner 3 stündigen Sichtung nicht sämtliche Eindrücke sofort verarbeiten und mich dann wieder darauf konzentrieren; um das alles mal ein bisschen eruieren zu können, werde ich den Film erst nochmal schauen müssen. Zu klären ist nämlich definitiv noch, weshalb es einen so nicht-ambivalenten Bösewicht gab und K dazu gezwungen ist, Luv brutal zu ermorden. Natürlich auch, weshalb sie K zurücklässt. Ebenso verstehe ich noch nicht ganz, weshalb Luv das Device zerstört, auf dem Joi ist. Dieser sadistische Moment passte gar nicht zu ihrer Einführungsszene, in der ihr eine Träne über die Wange rollt, nachdem Wallace die Replikantin umbrachte.
    In einem kurzen Video dazu meinte einer (so ungefähr): Joy was something he [K] could only see and hear, but never actually touch. And by the end joy is crushed by love. In the film love is both beautiful and cruel, but ultimately he kills her to save Deckard and reunite him with his daughter. For Deckards love to live, he has to destroy love himself.
    Vielleicht ist es auch so, dass Luv von der eben angesprochenen Umprogrammierung Jois weiß und will, dass K realisiert, dass ihn die Untergrundbewegung als Handlanger ausnutzte.
    Ich bin jedenfalls noch sehr damit beschäftigt, diesen Charakter zu verarbeiten, den ich während des Schauens eigentlich so in die Roy Batty Sparte gerückt hatte, bevor er dann bis zum bitteren Ende kämpft.

    Zur Action: Die Action zwischen Deckard und K fand ich auch nicht sonderlich prickelnd, bei der „Scavenger“-Szene muss ich aber ein deutliches Veto einlegen. „Sie ist vollkommen irrelevant für irgendwas“? Zuerst ist sie natürlich sehr wichtig, um die Welt jenseits der Stadt zu verstehen. Die bedrohliche Atmosphäre tritt als Akteur erstmals in den Vordergrund: Wenn du die Stadt verlässt, holen die Scavenger halt eiskalt deinen Spinner vom Himmel, zerlegen ihn in seine Einzelteile und schlachten dich. Ohne diese Szene hat man doch überhaupt kein Gefühl für die braune Ebene da draußen, könnte genauso gut auch voller gutmütiger Farmer sein. Wie dynamisch die darauf inszenierte Konfrontation zwischen ihnen und K inszeniert ist, fand ich auch bemerkenswert. Das hatte ordentlich Wumms und rief mir in Erinnerung, dass K eine rücksichtslose Tötungsmaschine sein kann und nicht nur ein sensibles Bürschchen ist, das gerade ein paar innere Konflikte durchlebt. Die Wucht und Geschwindigkeit seiner präzisen Attacken hat die ruhige Atmosphäre toll kontrastiert und ich fand sie definitiv stylischer und härter als vieles, was ich sonst so an Handgreiflichkeiten aus Filmen kenne. Zum Finale habe ich ja schon etwas gesagt – da steckt was drin, ich kann es riechen! Sehen aber leider noch nicht.

    Zu Fortsetzungsthemen: Das von Thomas bemängelte Fehlen neuer Ideen kann ich auch nicht bestätigen. Im Film stecken doch zahlreiche Themen, die so in BR noch gar nicht thematisiert wurden.
    Die nächste Evolutionsstufe synthetischen Lebens: Die Geburt. Was sagt die Geburt über den Menschen aus? Bedeutet es zu leben, wenn man geboren wurde? Alleine der Genpool bestimmt noch nicht die Existenz, das ist klar. Am Ende ist ironischerweise K derjenige und nicht Deckards Tochter, der ein Leben in “Freiheit” genoss und sich verwirklichen durfte, seinen Platz und Zweck im Leben fand, während das frei geborene Kind hinter Schloss und Riegel eingesperrt war – nicht gelebt hat.
    Und den Teil mit der KI hatte ich ja bereits angesprochen.
    Auch abgesehen davon wird der Plot inhaltlich um schöne, neue Facetten erweitert. Wenn das Programm Joi nur auf der Klaviatur K’s spielt, war dann das Verhältnis zwischen Deckard und Rachael tatsächlich echter? Genau wie Joi von Wallace könnte auch Rachael von Tyrell zum perfekten Instrument der Sinne geschaffen worden sein. Auch wurde die neue Generation, also das Nexus-9 Modell meines Wissens von Wallace kreiert, der seine Replikanten nach dem Short zu urteilen zu willenlosen Sklaven machte. Wie konnte sich K dann dennoch gegen ihn stellen? Das lässt sich hier jetzt bestimmt noch ewig so weiterführen, aber ich mache mal Schluss vorerst.

    Das Allerwichtigste beim neuen BR2049 ist für mich eine Sache: Ich habe große Freude daran, über den Film nachzudenken, habe seit meinem Kinobesuch vor bald zwei Wochen auch tatsächlich keinen Tag verbracht, ohne auch nur mindestens einmal wieder gedanklich in die neue BR-Welt aufzubrechen. Mit absoluter Sicherheit stecken da noch tonnenweise Aspekte drin, die über die Jahre in bestimmt zahlreichen und durchdachten Analysen noch zu Tage gefördert werden und ich kann es auch kaum erwarten, den Film nochmal zu sehen. Dass Blockbuster so einen Enthusiasmus verursachen können, hatte ich schon fast vergessen. My body is ready for Dune.

    • SecondUnitTamino

      Ich denke wir sollten das auf jeden Fall wie üblich über Skype ausdiskutieren, aber “kurz” gehe ich mal auf ein paar Punkte ein.

      1. Hier gehe ich generell mit dir mit, nur finde ich das alles bei weitem nicht so ansprechend, wundervoll oder herausragend wie du. Es war eine solide und stimmungsvolle Eröffnungssequenz, mehr nicht (aber auch nicht weniger). Es berührte mich aber wenig, wie eben eigentlich alles im Film. Und das Bild mit den Bienen verstehe ich nach wie vor nicht. Was haben Bienen mit Fruchtbarkeit zu tun? Stehen die nicht in erster Linie für Fleiß? Es ist ja nicht so, dass im Bienenstock nur ge…. wird.

      2. Der Film sah für mich ziemlich gut aus, ja, allerdings nicht überragend und ich habe in den letzten Jahren dutzende Filme gesehen, die mindestens genau so gut aussahen. Ich fand z. B., dass der neue GITS sogar etwas besser aussah. Ich habe jedenfalls nicht das Gefühl, dass hier irgendetwas bahnbrechendes geleistet wurde und in der Hinsicht kann ich Thomas verstehen, denn es sieht inzwischen fas jeder große Sci-Fi Film einfach gut aus. INTERSTELLAR war audiovisuell stärker, ebenso TFA, und auch sowas wie ELYSIUM sah richtig klasse aus, aber das reicht eben alleine einfach nicht aus, wenn man inhaltlich nicht mitgehen kann. FURY ROAD im Gegensatz hat für mich dutzende Bilder, wo ich feuchte Augen bekomme, wenn ich nur den Freeze Frame sehe; THE REVENANT konnte mich mit seine Kameraarbeit und Authentizität begeistern. Hier habe ich darartige EUphorie niemals empfunden, auch wenn, wie gesagt, viele Bilder durchaus stark waren. Aber als Wallpaper würde ich mir davon z. B. keines zulegen. Das liegt vielleicht daran: was ich in der Episode nicht so richtig erwähnt habe ist die Künstlichkeit und Sterilität, die sich hier durch den ganzen Film zieht. Die Welt hat sich im direkten Kontrast zum Erstling überhaupt nicht echt angefühlt und das ist möglicherweise auch ein Grund dafür, warum ich während der gesamten Sichtung keine tolle Atmosphäre wahrgenommen habe. Alles fühlte sich irgendwie fake oder vom Erstling kopiert an (vor allem das Wallace-Gebäude). Es war so eine Art schön inszenierter Schein, der aber dadurch keine Kraft hatte.

      3. Auf mein persönliches Problem mit der Love-Story bist du hier nicht so recht eingegangen. Ich hatte ja im Grunde das Gefühl, dass der Film diese kaum thematisiert hat und am Ende habe ich mich daher gefragt, ob man das nicht alles hätte rausstreichen können. Im ersten Film ist Deckards Beziehung zu Rachael ein integraler Bestandteil des Inhalts, während es sich hier eher wie ein Subplot anfühlt, der nichts mit Philosophie zu tun hat, sondern uns eher mit dem an sich so kalten Protagonisten mitfühlen lassen soll. Ich fand’s ok, aber Lob wirst du für so etwas nicht von mir hören.

      4. Interessante Info, aber von “Peter und der Wolf” habe ich ehrlich gesagt noch nie gehört. Ist vermutlich kein Metal, oder? Ich kenne “Hurz”, ist das so ähnlich? Da geht’s nämlich auch um Tiere.

      5. Wallace hat mich während der Sichtung ziemlich kaltgelassen. Ich find’s übrigens spannend, wieso er dir anscheinend nicht so auf die Nerven geht wie Nathan in EX MACHINA. Über den hast du dich doch endlos ausgelassen, aber sind das nicht zwei recht ähnliche Figuren? Nur haben wir hier halt genau zwei Szenen mit ihm und in beiden empfand ich ihn als etwas dick aufgetragen in seiner Kaltblütigkeit. Mit ihm konnte ich eigentlich gar nichts anfangen und war am Ende einfach nur verwundert, dass mit seiner Figur nichts mehr gemacht wurde. Vielleicht hilft hier eine zweite Sichtung.

      6. Also komm, als ob mir diese eine, vom Plot vollkommen isolierte Szene irgendein Gefühl für die filmische Welt vermittelt hätte. Anscheinend leben da draußen Leute, ja. Wie überleben sie auf verstrahltem und trostlosem Boden? Weiß ich nicht. Warum leben sie da? Weiß ich nicht. Wie viele sind das? 100? 100 Millionen? Für mich war das eine bedeutungslose Action-Szene, auf die ich auch hätte verzichten können. Und eine 30 sekündige Standard-Ballerszene kann auch isoliert betrachtet mein Actionherz nicht erfreuen. Es hat auch nicht geholfen, dass es einfach nur dämlich ist, dass die Menge K nicht innerhalb von, ähm, 0,1 Sekunden erschossen hat. Er kriecht gemächlich aus dem Wagen und bringt dann alle um. Die Scavenger da draußen sind also skrupellose und… zögerliche Idioten? Wer hätte ahnen können, dass ein Polizist, den wir gerade abgeschossen haben, bewaffnet sein könnte. Die Szene ist jetzt natürlich nicht sonderlich gravierend, klassifiziert den Film aber wie so vieles auch hier als mittelmäßige Kost.

      7. Ich sehe eigentlich thematisch nichts, was nicht im ersten Teil schöner zur Geltung gekommen wäre. Über die Beziehung von Joi und K habe ich, wie gesagt, bei der Sichtung überhaupt nicht nachgedacht, da ich mich vom Film dazu nicht eingeladen fühlte und es bei der Sichtung ja anscheinend auch falsch verstanden habe, was Joi genau sein soll. Dieses ganze Geburts-Thema hat mich auch nicht sonderlich interessiert, da ich die philosophische Dimension darin nicht so richtig sehe. Wenn ein Wesen ein Bewusstsein hat, ist es doch vollkommen irrelevant, ob es sich fortpflanzen kann oder nicht. Das wäre dann nur noch eine Art “Bonus”. Lebt eine Maschine, nur weil sie sich reproduzieren kann? Ich empfinde das als recht deutlich zu beantworten – ganz im Gegensatz zu der Frage nach dem Bewusstsein, die ich gerne mit Joi thematisiert gefunden hätte. Einzig die politische Ebene schien mir hier neu hinzukommen – nur damit sie am Schluss einfach VOLLKOMMEN im Sand verläuft. Aber da muss ich wohl auf PROMETHEUS 2, ähm, BLADE RUNNER: EXTINCTION warten.

      8. Im Gegensatz zu dir habe ich bisher eigentlich nicht wirklich über den Film selbst nachgedacht, sondern ausschließlich versucht zu verstehen, warum er auf in meinen Augen so absurd großes Lob trift. Inetwa so wie mit 2001, über dessen mögliche Bedeutungen ich auch nie nachdenke, weil es mich wirklich überhaupt nicht interessiert, eine inhaltliche Leere mit willkürlicher Bedeutung zu füllen, aber es dennoch interessant finde, was andere gerade an diesem Film so schätzen. Ich habe beim neuen BR von mir selbst aus einfach keine Themen ausmachen können, die ich spannend gefunden hätte. Philosophisch war da für mich nicht wirklich was neues dabei und die politische Ebene wirkte wie 5 Minuten vor Schluss hineingeworfen. Der Film wirkte auf mich sogar manchmal fast wie eine Banalisierung des Ersten.

      Dann noch zwei Sachen von mir, die ich nicht mehr in der Sendung erwähnt habe.

      Einen der wichtigsten Kritikpunkte für mich: die endlose Langsamkeit. Wenn ich APOCALYPSE NOW mit seinen 3,5+ Stunden Laufzeit schaue, dann klebe ich die gesamte Zeit am Bildschirm. Bei vorliegendem Werk hat mich die sinnlose Zähigkeit allerdings ziemlich oft angeödet oder sogar genervt. Wie K halt bei jeder neuen Location erstmal in Zeitlupe einen Fuß vor den anderen setzt empfand ich einfach als frustrierend lahm. Das hat für mich atmosphärisch gar nichts etabliert sondern war einfach nur zäh.

      Und letztendlich hat der Film einfach den schlichtweg unlösbaren Makel, dass er eine Fortsetzung ist. Ah, er macht den Test, wie im ersten Teil. Oh, Gaff macht immer noch Origamis (die Szene war außerdem eine ziemlich unangenehme Entmystifizierung des Charakters). Ja, da ist die Polizeistation und da: das Tyrell-Building. Oder um Rich Evans zu zitieren: “AT-STs, AT-STs!” Es gibt Welten wie Mittelerde oder das Star Wars Universum, wo ich nichts gegen Fortsetzungen oder anknüpfende Geschichten habe, aber bei einem Monument wie Blade Runner geht das einfach nicht. Stell dir vor es kommt nächstes Jahr LOST IN TRANSLATION 2 raus, in dem es darum geht, dass sich die beiden nach Jahren wiedersehen und dann über ihr derzeitiges Leben und die Bedeutung der damaligen Erlebnisse reflektieren. Man kann so etwas grausam schlecht machen wie meistens oder halbwegs vernünftig (wie in BR 2), aber letztendlich bleibt das einfach etwas, was ich nicht sehen will. Ich will nicht wissen, was mit Deckard und Rachael passiert. Es ist nicht nur nicht relevant, sondern die Offenheit des Ende des Originals ist Teil der Kraft der gesamten Geschichte. Und dann haben sie ein Kind bekommen und Deckard musste sich verstecken und die ganze Welt ist untergegangen usw. Wenn man eine Fortsetzung machen will, dann kann man wohl so eine Geschichte erzählen, aber kann ich so eine Geschichte ähnlich stark genießen? Nein, für mich ist das einfach nicht möglich.

      Ich war bei meiner Sichtung von Beginn an bei einem Viewing Pleasure von 4-5 Punkten. Emotional hat sich bei mir nichts gerührt, ich empfand die filmische Welt als unzureichend etabliert (trotz Scavenger-Ballerei) und inhaltlich habe ich entweder altbekanntes wiedergesehen oder neues (Joi, Replikantenaufstand) als nicht ausreichend entwickelt empfunden. Ich habe dann nach reiflicher Überlegung gnädige 5,5 gegeben, da ich den Film vor allem auf der technischen Ebene respektiere, den Soundtrack mochte und er ein paar schöne Szenerien hatte. Ich werde ihn sicherlich irgendwann nochmal schauen, aber momentan habe ich noch nicht wirklich Lust dadrauf.

  • David Herger

    Für mich keine Frage: Blade Runner 2049 zählt schon jetzt zu einem der besten Sci-Fi-Filme aller Zeiten und auch zu den besten Fortsetzungen überhaupt – und das ist angesichts der Brillanz von Ridley Scotts Blade Runner ein echte Leistung. Villeneuve hat es mal wieder geschafft und sich nach nun schon fünf fantastischen Filmen in einer Reihe (kenne ihn erst seit Enemy und Prisoners) für mich damit schon jetzt zu einem der verlässlichsten Meister-Regisseure des 21. Jahrhunderts gemausert. Ich bin ein riesiger Verehrer von Blade Runner und hatte nicht mal ansatzweise daran geglaubt, dass 2049 dem Original das Wasser reichen könnte, aber genau das hat er tatsächlich geschafft – und das als gänzlich eigenständiges, auf eigenen Füßen stehendes Werk, das sich in respektvollen Maßen vor seinem Vorgänger verneigt. Denn 2049 ist nicht etwa wie im Fall von Star Wars VII nur ein schöner Aufguss altbekannter Zutaten, sondern sowohl inhaltlich wie visuell extrem originell und innovativ. Und damit meine ich gar nicht mal nur die brillante Kameraarbeit des für den Oscar längst überfälligen Roger Deakins (den er für 2049 hoffentlich endlich erhalten wird), das phänomenale Setdesign, welches sich überraschend stark von den urbanen L.A.-Szenerien des Vorgängers abhebt, und den atmosphärischen Klangteppich von Zimmer und Wallfisch, mit welchem sich die beiden würdevoll vorm großen Vangelis verneigen und der bei mir seit Tagen schon in Dauerschleife läuft – sondern auch den emotionalen Kern der Geschichte, getragen von der tragischen Geschichte des von Ryan Gosling gespielten K. Seine ganz besondere Beziehung zu Joi (ich fühlte mich mehr als angenehm an Spike Jonzes Her erinnert), seine Verbindung zu Deckard und sein Schicksal… ich hätte es nicht erwartet, aber in emotionaler Hinsicht hat mich 2049 noch mehr abgeholt als Blade Runner (hier war ja insbesondere Rutger Hauer im großen Finale des Films dafür zuständig). Und das kann ich gar nicht genug anerkennen.

    Sehr viel mehr zu Blade Runner 2049, seinem Vorgänger sowie Es/It und mother! könnt ihr in der 28. Folge Kinokost hören: https://soundcloud.com/kinokost