Second Unit #123 (Chinatown)

Wir sind zurück! Die spontane Krankheits-Pause ist vorbei. Mit frischen und vereinten Kräften stürzen wir uns nach Chinatown (Amazon-Link*).

Zu Beginn bedanken wir uns wie immer bei euren fleißigen Spenden. Wir verköstigen die Diskussion außerdem mit einem grünen Tee.

[YouTube Direktlink]

Der Film wurde von Roman Polanski, einem durchaus umstrittenen Regisseur, gemacht. In den Hauptrollen spielen Jack Nicholson als J.J. Gittes, Faye Dunaway als Evelyn Mulwray und John Huston als Noah Cross.

Tamino und ich outen uns als nicht besonders große Fans des Films oder des Film Noir allgemein. Wir versuchen trotzdem so viel wie möglich aus dem Streifen zu ziehen und bitten wie immer Fans der Materie, uns unter die Arme zu greifen. Im Laufe der Diskussion versuchen wir herauszufinden, wie und wo Polanski den Film Noir zu übersteigen versucht. Zum Schluss gehen wir auf Polanskis umstrittene Geschichte ein. Tamino erwähnt dabei eine Dokumentation über Polanski. Dabei fragen wir uns auch, wie wir als Rezipienten mit den Biografien von Künstlern/Filmemachern/Schauspielern/etc. umgehen sollen. Wie können wir uns selbst als verantwortungsvolle Konsumenten verhalten?

Nächste Woche tauchen wir erneut in die Matrix. Dann schnappen wir uns gleich beide Fortsetzungen und besprechen Matrix Reloaded und Matrix Revolutions (Amazon-Link*) in einem umfangreichen Double-Feature!

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[Download | Länge: 1:42:43 | Größe: 49,6 MB | @2nd_Unit | Facebook.com/SecondUnit | iTunes]

[Teaser-Bild: by Joris Louwes]

*Amazon-Partner-Links: Über diese Links gekaufte Artikel werfen einen kleinen Obolus für uns ab. Für euch ändert sich nichts, schon gar nicht der Kaufpreis. Wir bedanken uns im Namen unserer Kaffee-Kasse.

  • APBeezle

    Chinatown? Noch nie gehört. Und ich dachte ich weiß Bescheid wenn es um Filme geht. Das Problem der geteilten Meinung wird sicher auch am aller liegen. 40 Jahre lassen auch den besten Film alt aussehen. Auch star wars holt heute nicht mehr jedes Kind ab. Ich habe zum Beispiel erst letztes Jahr Blade Renner gesehen, in 4 Anläufen weil ich jedes mal eingeschlafen bin…. Ihr wisst was ich meine.
    Vergesst Bitte nächstes mal nicht die Animatrix, o welche ja vor Teil 2 erschien und sehr schön die Inspiration für Matrix würdigt. Oder wird es dazu einen eigenen Cast geben?

    • http://www.secondunit-podcast.de/ Christian

      Hm, eigentlich wollen wir Animatrix aus Zeitgründen nicht mit reinnehmen. Müssen wir meiner Meinung nach auch nicht, weil wir ja explizit nur die Hauptfilme behandeln und das “Expanded Universe” eben ausklammern. Sonst müssten wir auch noch “Enter The Matrix” durchspielen (zwei Mal sogar wegen der zwei Charaktere) und das kann nun wirklich niemand von uns verlangen ;-P

  • Alex

    Tja, hab ich nie am Stück gesehen, immer eingepennt wenn der in den 90ern im Nachtprogramm lief. Eine abgeschnittene Nase macht halt keinen spannenden Film, genausowenig wie ein Pferdekopf im Bett oder ein Sturmgewehrgemetzel. Für mich waren in meiner Jugend die Filme von Sam Peckinpah aus den 70ern eine gelungene Mischung aus spannender Story und brutaler Gewalt. Ist wohl doch immer der subjektive Eindruck, den ein Film hinterläßt und nicht das IMDB-Rating. Gangsterfilme sind dort durch die Bank überbewertet. My 2 cents

    • Aoi Miyazaki

      Auf IMDB ist alles überbewertet. Bestes Beispiel ist die Marvel Seuche. Guardians auf Platz 58 der besten Filme aller Zeiten, die Seite ist doch kaputt!

  • cule0809

    Schöner Podcast wobei ich den letzten Teil interessanter fand. Chinatown ist ein guter Film für mich, den ich aber auch nicht ein zweites mal sehen möchte. Dafür war er auch mir zu langatmig und viele Szenen empfand ich auch eher belanglos. Konnte aber andere Sachen draus ziehen.

    Was Polanski angeht war ich gerade etwas geschockt. Ich war immer nur der Annahme, dass er beschuldigt wird aber nie bewiesen. Ein typischer Fall von “Promi wird verklagt für Kohle.” Dass es aber so abgelaufen ist war mir nicht bewusst und kann ich eigentlich so auch gar nicht tolerieren und für mich ist das immer schwer zu trennen. In Zukunft werde ich mir schon überlegen, ob ich in einen Film von ihn gehe oder nicht.

    Eure Diskussion, ab wann man etwas als Kunst definieren kann, da hätte ich euch noch stundenlang zuhören können. Finde ich sehr interessant. Bin der Meinung, dass es eine Mischung von den beiden Meinungen ist. Für mich gibt es halt ganz klar eine Interpretation vom Künstler selbst, was ja aber nicht bedeutet dass andere nichts draus ziehen können und ihre eigene Interpretation haben dürfen. Schwierig wird es aber, wenn der Künstler sich klar dazu äußert. Dann könnte man eine Diskussion neu aufrollen. Ich merke gerade, es ist ein Fass ohne Boden :D

  • http://www.wiederauffuehrung.de MMeXX

    Ahoi!

    Chinatown würde ich gar nicht unbedingt als “reinen” Film Noir bezeichnen, eher als Neo-Noir bzw. Hommage. Allzu viele “echte” Noirs habe ich zugegebenermaßen auch noch nicht gesehen (The Third Man, Double Indemnity und noch ein paar aus der Fox Noir-Reihe).

    Die Schubladen-Szene empfand ich als ein gutes Beispiel für Jakes Charakterisierung. Er ist hier einfach in eine Sache gestolpert, die a) viel größer ist, als er denkt und b) bei der er zwar merkt, dass irgendetwas nicht stimmt, aber nicht genau weiß, was denn falsch läuft und wonach er genau suchen muss. Daher findet er letztlich auch nichts Brauchbares in Mulwrays Schreibtisch. Das genügt mir im Gegensatz zu Tamino auch bei der Charakterisierung von Gittes. Ohnehin erfahren wir doch über ihn: seine Vergangenheit (Chinatown, jede Menge Kontakte), er hat ein ziemliches derbes/dreistes Mundwerk. Ich denke, er weiß, dass er nicht den besten Beruf hat, versucht aber trotzdem sich nach außen positiv zu geben (Frisör-Szene). Eingebettet ist das dann eben in die Charakterisierung der Stadt Los Angeles. Dieser hitzige, trockene Ort voller Korruption, Lügen und Verderbtheit.

    Was ich an dem Film mag, ist dieses Gefühl der Unsicherheit, dem fehlenden Vertrauen zwischen den Menschen in einer so heißen Stadt. Dies ist wahrscheinlich, was viele als langatmig oder gar langweilig empfinden. Eine ähnliche Grundstimmung fasziniert mich auch bei Polanskis Ghostwriter, der vielleicht zugänglicher ist. Gekonnt eingeflochten finde ich dabei auch den Humor (Sprüche von Gittes, die Grundbuch-Amt-Szene mit Lineal und Husten). Es sind immer die kleinen Sachen, die die “großen” Filme ausmachen. Eine Detektiv-Geschichte erzählen kann jeder. Aber mit so vielen Verirrungen (Jake ermittelt selbst, weil er nicht zum Clown gemacht werden will, gleichzeitig wird er auch beauftragt) und kleinen Einsprengseln versehen, dass ist doch der große Clou.

    “Chinatown” ist sicherlich ein Symbol/Chiffre/wasauchimmer. Es ist Jakes (berufliche) Vergangenheit, es ist seine Gegenwart (Chinesen-Witz, Angestellte bei Mulwray, Wiedersehen mit Lou Escobar) und gewissermaßen auch seine Zukunft. Ich finde es einfach wunderbar, wenn dieses absolut negative Ende (SPOILERSPOILERSPOILER Cross kriegt die Tochter, Evelyn tot, Jake murmelt seinen alten Satz “As little as possible.” und sein Mitarbeiter dann natürlich dieses legendäre “Forget it, Jake. It’s Chinatown.” SPOILER ENDE) die ganze Hilflosigkeit von Gittes zeigt und die Bösartigkeit der Stadt ihre Opfer ordert.

    Und was mir beim Wiedersehen aufgefallen ist: Yelburton, Mulwrays Nachfolger als Chef, ist doch tatsächlich John “Hiiiiiiiiiggins!” Hillerman aus Magnum. :-)

    Polanski als Person ist auf jeden Fall mindestens ein ebenso interessantes Thema. Holocaust-Überlebender, die Ehefrau ermordet, die Missbrauchs-Vorwürfe, die Festnahme bei der Anreise zu Filmfestspielen und dann mit Fußfessel unter Hausarrest gestellt. Ich kann allerdigns nicht viel damit anfangen, wenn man Kunstwerke und ihre Haltung daran an den Personen festmacht. Kann man dann überhaupt Filme von Sam Peckinpah, Klaus Kinski oder auch einer Leni Riefenstahl, um mal nur drei zu nennen, überhaupt schauen? Sicher sollte man, wenn man sich zumindest ein wenig mit den Hintergründen beschäftigt hat, eine gewisse kritische Distanz zu den Personen bewahren. Aber deswegen würde ich noch lange nicht auf ihre Kusntwerke verzichten wollen.

    Ich weiß nicht, ob ihr die FIlme auch gesehen habt, aber vielleicht könnt ihr hier ja noch kurz was zu Polanskis “The Fearless Vampire Killers” (Tanz der Vampire) und “Frantic” schreiben?

  • http://www.kinofilme.com/podcast tyler.fincher

    Endlich dazu gekommen die Folge zu hören. Ja, schade würd ich mal sagen. Schade, dass ihr ‘immer’ noch nicht gut findet. Allerdings kann ich, im Gewissen Maße zumindest, nachvollziehen woher ihr kommt. In der Schublade „Respektiere ich aber liebe/schau ich nicht gerne“ hab ich auch bei mir diverse Klassiker einsortiert; unter anderem “2001″. Trotzdem möchte ich an der Stelle dann mal einen meiner Lieblingsfilme verteidigen.

    And here we go: “Chinatown” ist in meinen Augen einer der Filme welche als Blaupause fürs Filme machen benutzt werden darf und
    sollte. Die Geschichte scheint verzwickt ist aber so wunderbar konstruiert, dass man (oder ich in dem Fall) selbst nach mehrmaligen anschauen immer noch nicht verstehen kann warum sie so nahtlos funktioniert. Der einzige welcher solche verzwickten aber gleichzeig unterhaltsamen Krimis ähnlich gut erzählt, ist James Ellroy. Eine anfängliche Ermittlung geht über in einen Mordfall und mündet in einer Verschwörung um die Wasserversorgung (basierend auf den California Water Wars aus den 20er) sowie eine Geschichte um Inzest; quasi ein Film für die ganze Familie.^^

    Im Drehbuch ist kein Gramm Fett zu erkennen, jede Szene baut auf die nächste auf, kein Moment verschwendet und Details des Falles werden an wichtigen Stellen wiederholt ohne zu langweilen oder in lahme Expositionsszenen zu fallen. “Chinatown” gilt nicht umsonst als Drehbuchprimus. Einer von meinen Lieblingsmomenten ist die Szene wo Gittes im Büro wartet und sich die Bilder anschaut. Solch eine Szene würde heute sofort auf dem Boden des Schneideraums landen. Aber sie ist ein ganz wunderbares Beispiel dafür wie Charaktere in einer Welt leben und mit ihr interagieren. Fincher ist ebenfalls großer Fan dieser Szene und hat ihr in “Sieben” Tribut gezollt: Somersets Gang durch die Bibliothek.

    Aber das Script ist nur eine der vielen Stärken des Films. Der mysteriöse Score (geschrieben und vertont in 10 Tagen), die schöne Ausstattung sowie die gesamte Optik des Films. Chinatown sieht heute noch besser aus als manch andere Filme wo man der Meinung ist, dass 1000 Farbfilter den Look eines Filmes ausmachen. Der Schnitt ist zum niederknien: ökonomisch, nicht überhastet und
    genau das richtige Tempo. Der Editor Sam O’stehen hat dazu ein schönes Motto gehabt: Movie first, scene second, moment third (aus seinem Buch “Cut to the Chase”). Und ich glaube da wäre so eines eurer Probleme. Fokussierung auf WOW-Momente.Das funktioniert vielleicht im Blockbusterkino aber sonst ist diese Herangehensweise nicht gerade förderlich fürs Filme schauen. Wenn man nach sowas Ausschau hält, kann man doch nur enttäuscht werden. Mal abgesehen davon, dass der Film für mich solche Momente bietet. Sie sind nur eben nicht groß und opulent in Szene gesetzt, was sie auch nicht sein müssen.

    Eure Kritik, dass wir über Gittes nicht genug erfahren kann ich allerdings nicht ganz nachvollziehen. Selten hatten Krimis eine so auf den Punkt genau definierte Figur. Sowohl sein anfänglicher überheblicher Stand sowie sein darauf folgender Wandel als er seinen moralischen Kompass immer wieder richten muss sind hervorragend und ganz klar erzählt.

    Und manche Zitate hier sind einfach herrlich: “Course I’m respectable. I’m old.Politicians, ugly buildings, and whores all get respectable if they last long enough.”

    Die Tatsache, dass die meisten Leute “Chinatown” lieben weil sie Noir mögen mag vielleicht stimmen, trifft auf mich zumindest nicht unbedingt zu. Mag einige Vertreter des Genres aber habe auch lange nicht genug davon gesehen um als Liebhaber dieser Gattung durchzugehen. Ich liebe Chinatown weil es einer der bestgemachten Filme aller Zeiten ist. Punkt. Für mich als Highlight und Primus wenn es ums Storytelling an sich geht. Und deswegen finde ich den Film weder lahm oder träge sondern extrem unterhaltsam mit einem hohem Wiederschauwert.

    PS: Du fandest Network richtig mieß? Gerade wo meine Ohren aufhört haben zu bluten, fängt der Tamino mit sowas an :D

    Und weil ich gerade noch Bock drauf habe, hier meine Top 3(4) von Polanski. :D

    1. “Chinatown”
    2. “Der Ghostwriter”
    3. “Der Pianist”/”Die neun Pforten”

    • SecondUnitTamino

      Sehr interessant, danke für deine ausführliche Antwort. Dass man die ruhige Art, den langsamen aber stetigen Aufbau und den Schnitt von Chinatown bewundert, kann ich mir auf jeden Fall vorstellen, nur kommt aus diesen Aspekten nur mein Respekt – für großes Viewing Pleasure reichen sie mir nicht. Vermutlich ist das bei dir so ähnlich wie es bei mir mit CARLITO’s WAY ist, wo ich mir bei jedem Tracking Shot die Finger lecke und ich daher den Film eine ganze Ecke besser finde als manch anderer.

      Hehe, tja, was NETWORK angeht kann ich leider nicht mal sagen, ich würde den Film irgendwie respektieren wie ich es bei CHINATOWN tue. Den fand ich einfach nur total stumpf, übermäßig plakativ und vom Thema her nicht die Bohne interessant. Dass die Medien jeden noch so irren Scheiß hemmungslos ausschlachten versteht sich irgendwie von selbst für mich. Die Message war damals in den 70ern vielleicht noch etwas erleuchtender, aber ich persönlich dachte einfach nur: “ja danke Film, das sehe ich selbst, wenn ich mittags meinen Fernseher einschalte”. Ich war einfach auch noch nie ein Freund von Satiren. In meinen Augen haben die meistens ziemlich genau einen einzigen Punkt, den sie machen wollen, und der wird dann in 120 Minuten immer und immer wieder auf den Zuschauer eingeprügelt (und nicht elegant entwickelt was ich mir wünschen würde). Das ist mir einfach zu wenig. Wenn ich da an WAG THE DOG oder DR. STRANGELOVE denke, empfinde ich das ähnlich, obwohl ich die Filme zumindest witzig und unterhaltsam fand trotz ihres geringen Inhalts. NETWORK fand ich öde inszeniert, mit belanglosen Charakteren bevölkert und inhaltlich nahezu leer. Hat mir einfach gar nichts gegeben. Bei mir scheint es leider oft so zu sein, dass ich nicht im mindesten erkenne, was manche so faszinierend in gewissen Filmen finden (ZODIAC von Fincher, den wir hier vor Urzeiten auch mal heaben ist da vermutlich das krasseste Beispiel, denn da erkenne ich wirklich zu 0% was da irgendjemanden faszinieren sollte). Und ich denke genau da kann ich dann nächste Woche wieder einsteigen, wenn Christian mir seine Liebe zu SOCIAL NETWORK erklären soll. Ich glaube, diese Filme mit “Network” im Titel, funkionieren für mich nicht.^^

      • http://www.kinofilme.com/podcast tyler.fincher

        “Network” bietet doch so viel mehr als nur eine Aussage die der Film über 120 Minuten lang breit tritt.^^ Oh, auf eure “The Social Network”-Folge freu ich mich dann auch mal. Teile da nämlich Christians Liebe zu. Der Film ist grandios. Aber hast du bis jetzt noch nicht gesehen?

        • SecondUnitTamino

          Doch doch, sonst würde ich hier nicht mit so harten Aussagen um mich werfen :-) Hab den einmal geschaut als er recht neu war und war not impressed.

      • Deekin

        Hm, gilt BRAZIL nicht auch als eine Satire? ;-)

  • Deekin

    Puh, es ist schon wieder einige Jahre her, seit ich Chinatown gesehen habe. Was mich am Film, glaube ich, unter anderem fasziniert hat, war die Art und Weise, wie das Wort “Chinatown” in den Film eingebaut worden ist. Gittes deutet ja zumeist immer nur auf dieses Ereignis von damals an und weigert sich die meiste Zeit über, genauer darauf einzugehen. Doch dies gab der Hauptfigur eine besondere Note und fütterte bei mir diesen Eindruck, dass dieser Charakter größere Einsichten in die Natur der Sachen/Menschen besitzt, als er offen zur Schau stellt. Auch frage ich mich, ob Vietnam und Watergate, welche ja während der Veröffentlichung des Films noch frisch waren, einen EInfluss auf den Film hatten. In diesem Sinne fand ich es interessant, dass “Chinatown” eine verschlossene Geschichte besitzt, welche im Hintergrund der eigentlichen Handlung schwelt und nur sporadisch aufblitzt.
    Jedoch kann ich euch sehr gut verstehen, wenn ihr sagt, dass euch der Film nicht gerade Höhenflüge beschert hat. Bei mir war das Seherlebnis, Polanski-typisch, aufgrund der Unaufgeregtheit und der ziemlich subtilen Vorgehensweise immer mit einer gewissen Anstrengung auf meiner Seite verbunden. Doch der ruhige, sehr klare Erzählstil hatte im Nachhinein schon etwas für sich. Oh mann, ich muss den echt mal wieder schauen…

  • http://www.nightcrow.de JB

    Ich habe mir den Film in Vorbereitung auf diese Ausgabe mal angesehen um auch nachvollziehen zu können worüber hier geradet wird. Jetzt kann ich die Episode besser genießen.

  • http://www.nightcrow.de JB

    So, bin nun durch mit dem hören und fand die Diskussion zum Film sehr interessant und den Teil üner Polanski sehr informativ.

    Anbei, “Die neun Pforten” finde ich auch nicht schlecht.

  • http://weltamdraht.blogsport.de/ jacker

    Schöner Podcast, ich sehe aber vieles anders als ihr zwei ;)

    Zunächst muss ich sagen, dass ich CHINATOWN auch nach mehrfachem Sehen super finde. Und zwar aus den Gründen, die viele andere hier in ausführlichen Texten schon beschrieben haben. Gittes schlecht/unzureichend charakterisiert? Sehe ich ganz anders, fast jede Szene offenbart irgendwelche Kleinigkeiten, die sich immer weiter zu einer stimmigen Figur addieren. Auch seine Reaktionen auf die ihn umgebenden Dinge offenbaren seine moralische Ausrichtung in meinen Augen sehr stimmig. Die Langsamkeit der Inszenierung muss man natürlich mögen, ich persönlich liebe das an Filmen der Siebziger (und natürlich auch bei neueren, damals war es aber sehr gängig). Außerdem ist mir zu keiner Sekunde langweilig, weil jedes Gespräch und jede noch so kleine Szene dazu dient, die Handlung voranzutreiben. Den Fall, die Ermittlung, die Charakterisierung, einfach alles. Für mich ein wirklich gelungener Film :)

    Und farblos? Ich weiß zwar was ihr meint, aber in meinen Augen strahlt der nur so vor Farben – was einen tollen Kontrast zur Abgründigen Story bildet. L.A. ist hier absolut genial eingefangen – ist euch eigentlich aufgefallen was für eine starke Stimmung die alles dominierende Leere erzeugt? Fast nie sind auf den Straßen ausser Gittes andere Menschen unterwegs.

    Ein Bißchen was zum Film-Noir. Ich bin da auch absolut kein Spezialist, aber eins weiß ich: ein alter Krimi ist nicht zwingend auch ein Film-Noir. Der Noir war doch in den frühen Vierzigern die totale Gegenthese zum vorherigen Hollywood Kino. Vorher waren Filme nur dazu da eine Heile Welt vorzugaukeln. Ein strahlender Held kämpfte dafür sie wiederherzustellen und besiegte das eindeutig böse. Dann gingen alle frählich nach Hause. Zwischentöne gab es nicht. Der Film Noir begann sich plötzlich mit gesellschaftlichen Abgründen zu beschäftigen, stellte die heile amerikanische Welt in Frage, erlaubt Blicke hinter die Fassade und führte erstmals den gebrochenen Helden ein. Der Gute war nicht mehr so eindeutig strahlend gut, speziell moralische Dilemmata und Grautöne tauchten erstmals auf. Nicht umsonst lies die krasse Bildsprache die Städte plötzlich bedrückend und schmutzig erscheinen. Insofern ist der Noir irgendwie die Dekonstruktion des ganz klassischen Hollywood-Mythos (und CHINATOWN definitiv ein starker Neo-Noir). Heute sind diese Elemente natürlich Gang und Gebe, daher bemerken wir das kaum noch – in den 1940ern war es aber völlig neu. Schöne Seite dazu: http://der-film-noir.de

    Eure Diskussion am Ende, war wieder erste Sahne (hier nochmal schwarz auf weiß: derartiges “Abschweifen” ist IMMER erwünscht). Ich bin da in den vielen Punkten mal bei Christian und mal bei Tamino. Für mich zählt bei der Rezeption eines Werkes ganz klar das was ich daraus ziehen kann, nicht konkret, was der Macher mir sagen will. Deswegen mag ich bekanntermaßen ja auch Filme so gern, die für mich als Projektionsfläche dienen. Ich will lieber zu eigenen Gedanken motiviert werden, als mich direkt auf die Suche nach denen des Machers zu begeben. Deswegen will ich einen Film auch immer erstmal ohne Sekundärquellen für mich selbst einordnen. Über den sehr kryptischen Lynch Film LOST HIGHWAY z.B. hab ich erst nach dem dritten Durchgang angefangen zu lesen, weil ich mir vorher ausschließlich meine eigenen Gedanken machen und Interpretationen entwickeln wollte. Hilfsquellen werden für mich erst interessant, wenn ich meine eigenen Gedanken mit denen anderer vergleichen will. Ich würde auch nie über Filme lesen, bevor ich sie sehe. Kurz noch zur Kunst allgemeinen: Eben beschriebenes impliziert natürlich nicht, dass ein Baum Kunst ist, auch wenn ich die Form eines Baumes schön finden kann, ist er keine Kunst. Den Baum auf besondere Weise zu fotografieren, oder zu zeichnen schon, denn für mich ist in der Kunstdefinition essentiell, dass dem Kunstwerk ein menschlicher Schaffensprozess voraus geht. Kunst ist in meinen Augen auch nur das, was einen gewissen technischen Skill beinhaltet (deswegen ist zeitgenössische Kunst in meinen Augen auch oft Bullshit). Kunst muss außerdem nicht immer eine starke Intention haben, weil sie auch einfach wirken kann – das ist dann Selbstzweck, keine Frage, aber was daran schlecht/schlimm sein soll, konnte ich noch nie verstehen, weil ein sinnlicher Reiz, egal ob akustisch, visuell, fühlbar, einem ja auch wenn er sinnfrei ist, etwas geben kann.

    Epic Quote übrigens: “Man merkt also, wenn man philosophisch denkt, kommt man zwangsweise irgendwann zu dem Ergebnis, dass alles nur schlecht ist!”. Herrlich!