Second Unit #238 – Dunkirk (Gäste: Tamino Muth & Fabian Ju)

Wir kneifen die Augen zusammen und können es alle sehen: Zuhause! Bis wir aber von der britischen Zivilbevölkerung gerettet werden können, müssen wir erst noch ausführlich über Dunkirk (Amazon-Link*) reden. Zum Glück haben wir nicht nur Tamino am Start, sondern mit Fabian auch einen neuen Gast in der Sendung! 

Wir reden aber nicht nur über den Film, sondern auch über andere, die über den Film reden. Das sind Enough Talk! mit Ausgabe #26 und der Lichtspielcast mit Podcast Nummer 72. Darüber hinaus verweisen wir in der Diskussion auf dieses großartige Interview mit Nolan und dieses kleine Erklärvideo zur akustischen Illusion, die der Film einsetzt.

[YouTube Direktlink]

Der Film stammt natürlich aus der Feder und dem Regiestuhl von Christopher Nolan. Erneut hat er sich Hoyte Van Hoytema für die Kamera und Hans Zimmer für die Musik rangeholt. Die eher unbekannteren Stars sind Fionn Whitehead als Tommy, Damien Bonnard als French Soldier und Harry Styles als Alex. Daneben spielen Tom Hardy als Farrier, Kenneth Branagh als Commander Bolton und Cillian Murphy als Shivering Soldier.

Wir diskutieren natürlich ausführlich über die technischen Aspekte des Filmes. Bildformate, Sound und Musik. Darüber hinaus versuchen wir die verschiedenen Zeitebenen zu knacken; grübeln über die Frage ob Kriegs- oder Antikriegsfilm und landen natürlich auch bei Nolan und seiner gegenwärtigen Karriere.

In der nächsten Ausgabe gibt es hier das erste von zwei Gastspielen. Christian nimmt sich eine kleine Internet- und Podcastauszeit und lässt deshalb andere Stimmen ans Mikrofon. Deshalb machen Henning und Robert von den Cinematic Smash Bros. mit Sieben Minuten nach Mitternacht (Amazon-Link*) weiter.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

[Download | Länge: 02:41:51 | Größe: 78,0 MB | @2nd_Unit | Facebook.com/SecondUnit | iTunes | Unterstützt uns bei Patreon!]

[Teaser-Bild: cc by 2.0 Sam Greenhalgh]

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  • Familienpapa

    Leider kann auch ich mit Dunkirk momentan noch so gar nichts anfangen: Ihr habt es im Podcast ja schon erwähnt und es ist auch das erste, das einem in den Sinn kommt: Dunkirk verweigert sich so ziemlich allen narrativen Elementen und versteht sich selbst anscheinend als Erlebnis. Aber wegen genau dieser Elemente schaue zumindest ich letztlich Filme. Dass man Figuren als Anker braucht, um an Geschehnisse anknüpfen zu können, wird Nolan nicht spontan vergessen haben, aber ich verstehe einfach so gar nicht, wie das hier trotzdem funktionieren soll. Er war ja eine bewusste Entscheidung, diese elementaren Dinge auszuschließen. Weshalb? Hat das bei irgendwem funktioniert? Ob der Junge im grünen Mantel, der nie etwas Relevantes sagt oder tut, überlebt oder nicht, kann doch keinem Zuschauer ernsthaft am Herzen gelegen haben. Das was passiert mag aufregend sein, aber man fiebert einfach in der Gegend rum anstatt mit etwas mit. Zumindest am Anfang noch, bei mir haben sich Emotionen dann schon bald verabschiedet. Auch finde ich, dass Nolan aus dem Material so ziemlich die langweiligste und uninteressanteste Erzählung generierte: An der ganzen Operation Dynamo sind ein paar untergehende Schiffe und rumstehende Soldaten doch so ziemlich das Irrelevanteste, was man hätte erzählen können! Viel mehr interessieren mich da strategische Entscheidungen seitens der Briten, politische Ein- und Auswirkungen. Bleibt man solidarisch bei den Franzosen oder zieht man sich angesichts der nahezu sicher eintretenden Niederlage zurück? Welche Diskussionen haben da welche Personen geführt? Auch der von Tamino angesprochene Haltebefehl Hitlers oder das speerartige und schnelle Vorrücken der Panzerdivisionen in französisches Terrain. Aber doch bitte nicht sinnlos zusammengetackerte Kriegseindrücke ohne Protagonisten, Dialoge oder historischen Kontext. Sicher, Nolan wollte halt diesen Dunkirk-Moment visualisieren, aber die schlussendliche Rettung kam zu schnell, zu problemlos und fühlte sich auch einfach nicht verdient an – Es waren halt zufällig mal keine deutschen U-Boote oder Flugzeuge in der Nähe. Kein strategischer Trick, kein erbitterter Kampf, kein Ausdruck menschlicher Hoffnung, einfach nur ein bisschen Dusel gehabt. Wie phänomenal stark diese Operation positive Wellen schlug, ist mir sowieso nicht ganz klar. Das Entkommen ist ja nicht zurückzuführen auf eine Qualität der britischen Armee, der Ausdauer des Menschen in scheinbar ausweglosen Situationen oder sonstirgendetwas.

    Es ist leider wie schon bei den letzten Nolan Filmen: Ich habe keinerlei Interesse, den Film nochmal zu sehen und das ist immer ein schlechter Indikator. Viel lieber würde ich einen gut recherchierten Artikel über die angesprochenen Themen lesen oder eine Dokumentation sehen. Christian hatte die Frage ja kurz in den Raum geworfen: Was bleibt denn nach dem Film? Eine Soundkulisse, über die man sich 5 Minuten im positiven Sinne austauschen kann. Dann war es das, gähnende Leere, ein inhaltliches Nichts und viele Erklärversuche, warum dieser kompetent gemachte Film so merkwürdig und unergiebig ist – vorausgesetzt eben, man wurde von dem Erlebnis nicht völlig vereinnahmt. Und mich hat da leider nichts vereinnahmt, nicht mal meinen kleinen Zeh.
    Wenn ich ein bisschen böse bin, würde ich den Film etwa so zusammenfassen: Da stehen vier Reihen britischer Dudes rum, deren Funktion im Film nur aus ängstlichem in die Luft gucken und gelegentlichem Ducken besteht. Dann sehen wir 90 Minuten repetitive Plotpoints, in denen sie auf Schiffe klettern, die dann sinken und am Ende sind über Nacht auf einmal alle in Sicherheit. Häh? Nichts, was wir davor gesehen haben, hatte Konsequenzen oder Auswirkungen für den Verlauf des Films. Die Verschiebung der Zeitebenen ist, das behaupte ich jetzt einfach mal, ein nicht weiter tiefer greifendes Stilmittel, um den Film etwas aufzulockern und weil sich Nolan so ein Spiel mit Erzählstrukturen nicht verkneifen kann. Ein Gimmick. Zumindest hatte ich zunächst den Eindruck, er würde später mit einem erzählerischen Kunstgriff um die Ecke kommen und die anfängliche Abstinenz von Bezugspunkten erklären, als Cilian Murphy als erste Figur voll und ganz in zwei Ebenen gleichzeitig vertreten war – Pustekuchen, hätte auch genauso gut ein anderer Soldat sein können.
    Hätte man diesen Bezug zu wenigstens ein paar Soldaten gehabt, hätte man die Ausweglosigkeit und die immer wieder aufs neue zerstörte Hoffnung in besagten “Ertrink”-Momenten nachvollziehen können, so hingegen wirkte es einfach ermüdend. Besonders, als dann zu allem Überfluss auch noch völlig sinnlose Dramaturgien links und rechts dran geklebt wurden: Da öffnet sich das Schiebefenster des einen Piloten nicht und er droht zu ertrinken (Gähn, ernsthaft? Muss das jetzt wirklich auch noch sein? Und gleich 5 Minuten?) oder der Sohn des alten Mannes fliegt die Treppe runter und ist tot (WTF? Einfach nur WTF?! Habe sehr laut auflachen müssen wenigstens). Ebenso wie diese völlig bescheuerten Grabenkriege mal wieder thematisiert werden müssen und sich die Soldaten im Schiff vor lauter Verzweiflung auf den Franzosen stürzen. Letzten Endes können wir doch festhalten, dass wir die Schicksale beliebiger “Charaktere” beliebig alternieren können, ohne dass der Film sich wesentlich ändert. Nein, Moment. Dann hätten wir wenigstens keine peinlich miefigen Pathos-Momente, aber darauf gehe ich jetzt nicht extra ein, das habt ihr schon zerpflückt.

    Mein Text wirkt vielleicht etwas polemisch, aber ich rege mich deshalb etwas auf, weil Nolan sein großes Potential ständig an die Wand fahren muss! Großes Budget ist meiner Meinung nach inzwischen einfach Gift geworden für die Qualität, ich will wieder einen Insomnia. Weniger Bombast, dafür messerscharfe Dialoge, gut durchdachte und dynamische Charakterkonstellationen und inhaltlich ergiebige Plots. Nicht jeder Film muss das haben, deshalb hake ich Dunkirk also zunächst als gescheitertes Experiment ab und hoffe, dass da nächstes Mal wieder was bodenständigeres kommt.
    Bei der Kriegsfilmdebatte bin ich übrigens ganz bei Tamino: Für mich ist Dunkirk weder Kriegs- noch Antikriegsfilm. Nicht nur fügt der dem Genre nichts hinzu, was nicht schon dutzende andere Vertreter weitaus besser getan hätten, er thematisiert eigentlich nichts, was den Krieg wirklich auszeichnet und von anderen “Tragödien” abhebt. Gerade das vom Menschen geschaffene Übel ist dabei nämlich essentiell und der Feind bleibt dafür zu nebulös. Ich würde ihn als Eventfilm bezeichnen und finde den Vergleich mit Titanic sehr gelungen.

    • http://www.secondunit-podcast.de/ Christian

      Was mir gerade erst beim Lesen deines Kommentars auffällt: Wir kriegen ja auch irgendwie gar nix von der Heimatfront mit! Wenn es um den Dunkirk-Moment geht (und den habe ich als die Hoffnung durch zivile Menschenhand und eben _nicht_ militärische gedeutet!), dann fehlt da schon irgendwie auch der Dunkirk-Moment an der britischen Küste. Oder?

      Hatten wir da nicht ganz kurz sowas? Ich kann mich kaum mehr erinnern, aber das scheint mir ein Indiz zu sein, warum sich der Pathos eher leer anfühlt. Die Schiffe sind einfach da.

      • Familienpapa

        Ich habe jetzt nochmal eben etwas recherchiert:

        - “One thing is certain, it was a turning point, the symbolic moment at which the British people came as close as they ever have, in their long and gnarled history, to defining themselves.
        We have ‘the Dunkirk spirit’ a certain backs-to-the-wall belligerence, a solidarity in adversity, a willingness to get through the longest, darkest nights together.”

        Oder kurz und knapp:

        - “(Britain, idiomatic) The spirit of the British public pulling together to overcome times of adversity.”

        - “Willingness by a group of people who are in a bad situation to all help each other.”

        Anscheinend geht es da wirklich besonders um die zivilen Schiffe, die über den Kanal aufgebrochen sind und so selbst die Nicht-Soldaten gewissermaßen zu Helden wurden. Ich kenne mich mit britischer Geschichte nicht aus, aber es scheint etwas Großes und Wichtiges gewesen zu sein, dass die Nation einmal als Ganzes dasteht und zusammenhält. Da kann ich die Euphorie und den Stolz schon eher verstehen, im Film kommt es jedoch so rüber, als würden die Leute halt die heile Rückkehr ihrer totgeglaubten Söhne und Töchter feiern, wenn sie den Soldaten lachend Bier in den Zug reichen, so vollkommen losgelöst von irgendeinem Nationalgeist. Sinnvoller wäre also eine Szene gewesen, in denen diese Leute den Fahrern der Schiffe dieses Bier gereicht hätten. Aber Nolan hat diesbezüglich ja – wie gesagt – nichts erklärt oder kontextualisiert, deswegen habe ich keine Ahnung, was genau er da am Ende aussagen wollte.

    • SecondUnitTamino

      Kann es sein, dass der “Protagonist” Tommy ein wenig aussieht wie du? Ich habe dich ja nur einmal im real life gesehen, aber irgendwie musste ich an dich denken bei seinem Anblick ;-)

      • Familienpapa

        Was meinst du mit “sieht aus wie ich”? Das BIN ich! Habe doch letztes Jahr die Profession gewechselt. Als nächstes kommt dann Bodybuilding. Ich machs wie Arnie, nur rückwärts.

  • TheMiddlist

    Ich habe Dunkirk auch neulich irgendwann gesehen (Deutsch, 3D) und irgendwie kann ich mich Taminos Nitpicks und der Ratlosigkeit gegenüber dem Film ziemlich anschließen. Der Film mag vielleicht sein was Nolan wollte, aber womöglich ist das was Nolan wollte tatsächlich nicht besonders sinnvoll? Mir hätten mehr Exposition und gewöhnliche Filmelemente auch besser gefallen. Ich habe z.B. nie verstanden, wie nah und wo die Deutschen eigentlich sind und warum die das machen was sie machen, was den Film tatsächlich wie einen Katastrophenfilm wirken lässt wo hinter den Ereignissen ja auch kein menschlicher Plan steht. Zum Teil wirkte der Film dadurch für mich komplett unrealistisch und beliebig. Im ersten Teil kommt immer wenn grade Spannung und Panik gebraucht wird 1-3 Flugzeuge oder so (eine ganze Staffel hatten die wohl nicht????) und versenken die erstaunlich schnell sinkenden Schiffe der Engländer – aber wenn die kleinen Boote auftauchen passiert erstmal nichts und selbst das eine Flugzeug was auftaucht kann durch unrealistische Manöver ausgeschaltet werden. Die kleinen Schiffe sind sofort ein Zeichen der Hoffnung und alle jubeln, dabei könnten sie theoretisch sofort zerstört werden und nur dadurch dass sie da sind, ist eigentlich noch nichts gewonnen. Es ist als wechselt der Film da komplett die Stimmung und die Haltung zur Realität. Der erste Teil hat mich auch noch an Titanic erinnert was durchaus auf seine Weise funktioniert – aber leider bleibt der Film nicht dabei sondern wird irgendwann für mich auch zu pathetisch.
    Vieles war mir auch komplett unklar. Ein paar Standardszenen mit hohen Militärs mit einer Karte und einem Dialog à la “Da stehen X Divisionen Nazis. Hier halten die Franzosen die Stellung noch, aber wenn die Deutschen hier und dort durchbrechen, dann sind wir verloren” oder so wären hilfreich gewesen. So kam es auch zu keinerlei Entwicklung der Bedrohung und ich hatte keinerlei Gefühl dafür, wie viel Zeit den Soldaten am Strand eigentlich noch hatten und was für Kämpfe um den Strand herum eigentlich stattfanden. Es wäre auch irgendwie nett gewesen, wenn die Französische Armee einmal mehr wäre als 1-3 Typen (und ein paar Dialoge darüber was die Französische Armee gerade macht hätte gereicht um zu zeigen, dass es sie gibt und sie etwas tut) aber das ist definitiv kein reines Nolanproblem, das war ja bei Wonder Woman noch schlimmer (und da noch unangebrachter als hier).

    Was mir zur Diskussion um die indischen Soldaten und die britischen Soldaten am Strand noch aufgefallen ist: Die Engländer sahen immer nach erstaunlich wenig aus und hatten außer drei Lastwagen anscheinend nichts dabei (und die Franzosen und so weiter anscheinend auch nicht). Soweit ich weiß hatte die Britische Armee durchaus mehr Gerät dabei und es waren einfach mehr Leute, was den Strand auch deutlich voller machte. Aus was für Gründen auch immer hat Nolan also bestimmte Aspekte ausgeklammert wie zum Beispiel die Kolonialtruppen oder britische Panzer und was die sonst noch dabei hatten. Dünkirchen Stadt selbst sah auch erstaunlich gesund aus, dafür dass die Stadt belagert und bombardiert wurde – da passt einiges nicht und meiner Meinung nach leidet der Film auch darunter. Manchmal ist er unglaublich drastisch in der Darstellung der Ausweglosigkeit der Lage und dann wieder erstaunlich clean. Manche Dinge sollen sehr realistisch sein, andere Aspekte werden einfach weggelassen. Kolonialtruppen zu haben wäre allein schon deshalb gut gewesen, um die Englischen Truppen etwas besser auseinanderhalten zu können, ich wusste am Anfang überhaupt nicht wer am Strand wer ist, was etwas nervig war.
    Naja, für mich ist der Film in der Summe zwar als Idee gut aber die Umsetzung ist irgendwie seltsam. Der Podcast dagegen war mal wieder sehr spannend. Meiner Ansicht zum Thema (Anti)Kriegsfilm: Für mich ist der Film tatsächlich kein Kriegsfilm weil man die Deutschen komplett durch einen ausbrechenden Vulkan oder so ersetzen kann – es ist irgendwie eher ein Katastrophenfilm, der in Teilen auch gut funktioniert aber dann irgendwie zu pathetisch wird.

    • SecondUnitTamino

      Nolan hat soweit ich weiß im heutigen Dunkirk gedreht und daher sieht die Stadt so unversehrt aus. Damals war sie aber in der Tat ein ziemlicher Trümmerhaufen aufgrund der langen Bombardierung. “Katastrophenfilm” trifft es für mich wohl auch am besten. Ich bin nach wie vor erstaunt, wie manche Menschen den Film so sehr auf den Krieg selbst beziehen und in der Hinsicht anscheinend von ihm sogar richtig bewegt werden. Arne von Enough Talk benutzte z. B. die Formulierung “Mahnmal gegen den Krieg” als Umschreibung für den Film, was ich schon für eine waghalsig starke Formulierung halte.

      • TheMiddlist

        Ja ich hatte auch irgendwo gelesen. Das ist aber auch ein komisches Verständnis von Authenzität. Was bringt es am Originalschauplatz zu drehen, wenn der einfach nicht mehr so aussieht wie damals, wobei ich sagen muss, dass die Nordsee und wie sie sich an dieser Stelle anfühlt (ich war genau in der Gegend schon mehrere Male in Urlaub) ganz gut eingefangen war. Wenn Nolan mal einen Film über das alte Rom macht, dreht er auch einfach am Originalschauplatz und lässt alles so wie es halt heute dasteht oder wie soll ich mir das vorstellen?
        Ein Mahnmal gegen den Krieg sehe ich auch gar nicht. Abgesehen vom Film an sich ist die Situation auch irgendwie komplett ungeeignet dafür da es sich ja im Grunde um eine Rettungsaktion handelt – im Falle der Franzosen sogar um die Rettung der Armee aus dem eigenen angegriffenenen Land. Selbst wenn es in dem Film um nichts anderes gegangen wäre als “Vom Feind eingekesselt zu sein ist Mist und verursacht menschliches Leid und jede Menge Tote” dann sagt das meiner Meinung nach nicht allzu viel über Krieg an sich aus. Bei den Antikriegsfilmen, die im Ersten Weltkrieg und im Vietnamkrieg spielen ist die Ausgangssituation ja eine ganz andere.

  • TheMiddlist

    Was ich vorher noch vergessen habe zu schreiben – Fabian hat mir total gut gefallen!

  • http://mateschrank.wordpress.com/ Dave vom Mateschrank

    Freut mich, dass meine Expertise hier gefragt ist. Wie Christian schon korrekt anmerkte, ist der Zweite Weltkrieg nicht genau mein Thema – ich schreibe eine geschichtswissenschaftliche Doktorarbeit zu Zentralasien von 1919 bis 1933 – basierend zu einem großen Teil auf britischen und britisch-indischen Akten.

    Wie Christian es korrekt wiedergab ging das Britische Empire im Jahr 1918 siegreich aus dem Ersten Weltkrieg hervor und war danach größer als jemals zuvor. Mit der neuseeländischen Besatzung von Deutsch-Samoa wurde der lang gehegte britische Kolonialtraum wahr, dass es keinen Längengrad auf der Erde geben würde, an dem die Sonne scheinen würde und auf dem es keine britische Kolonie geben würde. Außerdem gewannen die Briten die deutschen Kolonien in Ostafrika und damit ein zusammenhängendes Kolonialreich von Ägypten bis nach Südafrika. Britisch-Indien, die „Perle des Britischen Empires“, wurde im Ersten Weltkrieg gegen deutsche Intrigen verteidigt (die Deutschen hatten eine Expedition nach Afghanistan geschickt, um das Land in den Krieg hineinzuziehen). Das Empire war somit das größte Reich aller Zeiten geworden.

    Doch es sollte nicht dabei bleiben. Die folgenden zwei Jahrzehnte hatte das Empire einen konstanten Niedergang erlebt. Vor allem japanische, US-amerikanische und teilweise sogar deutsche Konzerne hatten den Briten in Lateinamerika, Afrika und Asien wichtige Marktanteile abgenommen. Außerdem hatten antikoloniale, nationalistische und kommunistische Revolten Kolonien Großbritanniens und seiner Verbündeten weltweit bedroht. Die Generationen, welche von Kenneth Branagh und Mark Rylance im Film dargestellt wurden, hatten vor der Schlacht von Dünkirchen zwei Jahrzehnte des Untergangs des Britischen Empires erlebt.

    Doch nicht nur ging das Empire global unter – auch die zweite Hälfte der 1930er Jahre lief katastrophal für Großbritannien. Durch die britische und französische Appeasement-Politik konnte sich das Deutsche Reich 1938–1940 Österreich und die Tschechoslowakei eingliedern – mit dem tschechoslowakischen Staat verlor Großbritannien einen seiner wichtigsten Verbündeten in Mitteleuropa. Durch den Polenfeldzug im September 1939, diplomatischen Druck auf Rumänien und neue Wirtschaftsverträge mit letzterem südosteuropäischem Land verlor Großbritannien schon im ersten Kriegsjahr zwei weitere Verbündete in Osteuropa. Kein guter Start.

    Mit Kriegsbeginn begann die Verlegung von britischen und britisch-indischen Soldaten nach Frankreich – insgesamt machte die ‚British Expeditionary Force’ (BEF) circa 400.000 Soldaten aus. Doch es kam zu keinen größeren Kampfhandlungen. Im Mai 1940 marschierte dann die Wehrmacht in Dänemark und Norwegen ein und Großbritannien verlor somit zwei weitere Verbündete – dieses Mal in Nordeuropa. Während des so genannten „Norway Debacles“ verloren die Briten circa 4.500 Soldaten, konnten aber immerhin den norwegischen König retten – dieser ging dann nach Großbritannien ins Exil.

    Ebenso im Mai 1940 begann dann der Westfeldzug der deutschen Wehrmacht. Bereits am 14. Mai kapitulierten die Niederlande, zwei Wochen später Belgien. Kurz vor der belgischen Kapitulation begann die Schlacht von Dünkirchen. Doch wie korrekt von Tamino angemerkt gab Hitler am 24. Mai den Befehl, dass die deutschen Panzer – die vor der Stadt standen – nicht in die Stadt hineinfahren sollen. Bis heute gibt es keinen Konsens unter Historikern, warum dieser Befehl erfolgte. [1] Die Deutschen wussten wohl nicht, wie viel Technik die Briten in der Stadt hatten (und vor allem nicht, dass die Briten schon die meisten ihrer Panzer vorher aufgegeben hatten). Darüber hinaus muss man bedenken, dass Frankreich noch nicht geschlagen war und die Deutschen vielleicht die Panzer eher für die Entscheidungsschlacht gegen die Französische Republik aufheben wollten (zum Zeitpunkt der Schlacht hatten die Deutschen zwar Lille und Teile der industrialisierten Gebiete Nordfrankreichs eingenommen, standen aber bei weitem noch nicht in Paris – geschweige denn in Orleans, Lyon oder Nantes). Außerdem hatte der deutsche Luftwaffenchef Hermann Göring vorgeschlagen, dass die Luftwaffe die BEF in Dünkirchen ausbombardiert – das wäre auch für die Deutschen sicherer gewesen bei möglichen vielen britischen Panzern.

    Insgesamt zogen 300.000 der circa 400.000 alliierten Soldaten aus Dünkirchen ab. Das war aber keineswegs ein alliierter Erfolg. Den Deutschen gelang es, ein Drittel der britischen Schiffe zu versenken.[2] Von den circa 120.000 französischen evakuierten Soldaten wurden die meisten kurz darauf nach Cherbourg in der Normandie wieder über den Kanal verlegt, um die finale Schlacht zur Verteidigung der Dritten Französischen Republik (1870–1940) zu schlagen.

    Ein weiterer Aspekt, der bei der Evakuierung von Dunkirk oft vergessen wird, ist der Umstand, dass bei Dünkirchen auch die britisch-indischen Einheiten der Westfront abgezogen worden sein müssten. An der Westfront hatten vier Kompanien (also ca. 320–1.000 Soldaten) der britisch-indischen Armee gedient.[4]

    Die Anwesenheit der britisch-indischen Soldaten ist auch ein guter Aufhänger, an dem Mythos etwas zu kratzen. Bevor jemand mit kontrafaktischer Geschichtsschreibung anfängt: die britisch-indische Armee war zu Hochzeiten im Zweiten Weltkrieg 2,5 Millionen Mann stark und die britische Armee wäre nicht am Ende gewesen, wenn sie die BEF nicht aus Dünkirchen hätten evakuieren können – das Empire bestand nämlich auch so weiter. Nach dem Ersten Weltkrieg hatten alle Dominions (Kanada, Südafrika, Australien, Neuseeland und Neufundland) eigene Armeen und waren teilweise eigenständig. Die Dominions wären auch die Rückfalloption gewesen: Im Falle einer deutschen Invasion des britischen Festlandes wären die königliche Familie und Teile der Verwaltung nach Kanada evakuiert worden – die Regierung wäre in die Midlands gegangen.

    Alles in allem lässt sich also sagen, dass Dünkirchen kein Wendepunkt oder kein Erfolg der Briten war, sondern eine mäßig erfolgreiche Evakuierungsoperation nach einer verheerenden militärischen Niederlage, wobei letztere nur noch durch den Verlust von Singapur an die Japaner im Jahr 1942 getoppt wurde. Das Empire bestand aber weiterhin und hätte für den Fortbestand Großbritanniens gesorgt.

    Besonders wichtig für den Film ist aber zu wissen, dass basierend auf der Evakuierung aus Dunkirk ein britischer Nationalmythos entstand, der die „besondere Rolle“ Großbritanniens in der Geschichte betont – und seine Parallelen in ähnlichen Erzählungen des 19. Jahrhunderts hat.[5] Das ist – meiner Meinung nach – auch wichtig für den Film von Nolan.

    Zu der Frage mit der Öffnung des Fensters der Spitfire muss ich sagen, dass ich kein Luftwaffenexperte bin. Ich habe mir aber sagen lassen, dass es stark davon abhängt, wie das Flugzeug abstürzt. Ich hatte mich nur gefragt, warum der Pilot nicht schon vorher rausgesprungen ist (aber wie gesagt – da bin ich kein Experte).

    Den Film an sich fand ich großartig – nur gedämpft durch ein paar Aspekte. Ich sehe den Film größtenteils als Antikriegsfilm, von denen wir in den vergangenen Jahrzehnten leider viel zu wenig hatten (‚Männer, die auf Ziegen starren’ war da eine Ausnahme). Der Pathos am Ende hätte nicht sein müssen, das sehe ich aber als typisch-britische Deutung dieser Mythoserzählung. Das bringt ein paar Minuspunkte, aber sonst fand ich den Film klasse.

    [1] Ronald Atkin: Pillar of Fire – Dunkirk 1940, Edinburgh 1990, S. 120.
    [2] nationalinterest.org/feature/dunkirk-deserves-attention%E2%80%94-it-was-no-miracle-21780
    [3] Ebenda.
    [4] bbc.com/news/world-asia-india-40724861
    [5] Christopher Coker: Dunkirk, and Other British Myths, in: The National Interest, Nr. 22 (1990/1991), S. 74–82.

    • SecondUnitTamino

      Sehr spannend finde ich die Frage, ob – wenn man von deutscher Seite die BEF in Dünkirchen vernichtet oder gefangen genommen hätte – dann eine sofortige Invasion Englands Erfolg hätte haben können. Manche Historiker scheinen das für möglich zu halten, wohingegen andere sagen, dass Nazi-Deutschland nie die britische Lufthoheit hätte bezwingen können. Weißt du da zufällig noch etwas zu (obwohl du ja sagtest, dass es nicht dein Fachgebiet ist)?

      • http://mateschrank.wordpress.com/ Dave vom Mateschrank

        Wie gesagt – alles unter Vorbehalt: Aber soweit ich es weiß, konnten die Deutschen doch nicht die Lufthoheit über die Inseln erringen, da die Briten das Radar eingeführt hatten. Eine Invasion ohne Lufthoheit hätte in einem militärischen Desaster enden können und wäre nicht versucht worden. Außerdem begannen die Briten ja im August 1940 mit der Bombardierung des Reiches, was zu irrationalen Reaktionen der Luftwaffenführung führte (die erste alliierte Bombe auf Berlin traf übrigens den einzigen Elefanten im Berliner Zoo).

        Und warum ich auf das Empire verwies: Selbst wenn die BEF zerstört worden wäre – das Empire lebte (vorerst) weiter. Die Briten kontrollierten die Meerengen vor Somalia, den Suezkanal, die wichtigen Häfen in Indien, Ost-, Süd- und Westafrika sowie Kanada. Die Dominions hätten größere Truppenverbände aus Australien, Neuseeland (der Krieg im Pazifik war damals nur auf China beschränkt), Indien, Südafrika, Neufundland und Kanada nach Großbritannien verlegen können, die dann gegen die Deutschen gekämpft hätten.

        Ich denke, auch ohne ein “Wunder von Dunkirk” wäre eine Invasion der Inseln unrealistisch gewesen.