Second Unit #225 – #oWEstern: The Revenant (Gast: Tamino Muth)

Ostern steht vor der Tür! Beste Zeit also, um mal wieder einen Western zu besprechen. Das machen nicht nur wir, sondern gleich eine ganze Hand voll Podcasts unter dem Stichwort #oWEstern. Deshalb robben wir in dieser Ausgabe mit Leo und The Revenant (Amazon-Link*) durch den Schnee. 

Beim #oWestern sind außerdem am Start: Lichtspielcast mit Das finstere TalCineCouch mit Die glorreichen Sieben; Spaetfilm mit Kill Bill: Vol. 2 (inklusive Spezial-Gast Arne Gaida); Wiederaufführung mit The Ballad of Cable Hogue und ihr hoffentlich auch!

Der Lichtspielcast hat außerdem in Episode 37 ebenfalls zu The Revenant gepodcastet, Arne hat drüben in seinem Blog eine harsche Kritik zum Film geschrieben.

[YouTube Direktlink]

Alle reden über Leo, aber natürlich sind die Menschen hinter der Kamera nicht zu vergessen! Alejandro González Iñárritu als Regisseur und Co-Autor, Emmanuel Lubezki als Director of Photography. Beide sieht man zwar nicht auf der Leinwand, aber ihr Stil ist in jeder Einstellung erkennbar. In der Hauptrolle leidet spielt Leonardo DiCaprio als Hugh Glass, uns hat aber Tom Hardy als John Fitzgerald besser gefallen. Domhnall Gleeson ist als Captain Andrew Henry dabei.

Wir diskutieren ziemlich intensiv über die Inszenierung, besonders die Kameraarbeit, und streiten über den Sinn von Longtakes und der Kamera als Objekt. Darüber hinaus enttäuschen uns einige der angerissenen inhaltlichen Motive, besonders die Kerngeschichte lässt uns ein wenig kalt. Ganz anders die Darstellung der Natur und besonders die Rolle von Tom Hardy. Und irgendwie landen wir am Ende bei der Frage, wie Inszenierung und Inhalt eigentlich zusammengehören. Hier und so ganz grundsätzlich.

Nächste Woche geht es zwar wieder in den Wald, aber aus ganz anderen Gründen. Dann steht nämlich die Neuverfilmung von Das Kalte Herz (Amazon-Link*) auf dem Programm. Märchen, Deutsche Produktion und dann mit Julie Gaston auch noch eine Filmemacherin zu Gast. Das wird ein Knaller!

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[Teaser-Bild: cc by 2.0 yashima]

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  • http://roempke.me/ Niklas

    Passt ja perfekt, hab ihn grad am Wochenende zufällig erst gesehen :D. Freu mich auf den Cast.

  • http://www.privatsprache.de/ Privatsprache

    Dass du, Tamino, mir so eine Kompetenz zuschreibst, dass ich mich zu eurem Streit äußern soll, macht mich ganz verlegen.

    https://media2.giphy.com/media/rpf0Du8NasK6Q/giphy.gif

    Im Grunde habt ihr aber den Streit doch selbst beigelegt, als ihr herausgefunden habt, dass du, Tamino, den Begriff deskriptiv verwendest und Christian normativ.

    @Christian: Ich muss allerdings sagen, dass ich sowohl logisch-semantisch als auch inhaltlich ganz bei Tamino bin. Sorry!

    Zur Logik: Das hat Tamino doch gut mit dem Haus erklärt. Aristoteles sagt, dass ein Begriff immer eine Grenze ist, der zwei Gruppen von Sachverhalten voneinander unterscheidet. Ich finde es total sinnvoll, von “normalen Filmen” zu sprechen, da erst in der Abgrenzung dazu außergewöhnliche Inszenierungen begrifflich fassbar sind. Du kannst sagen, dass die Grenze falsch gezogen sind und “Filme, die viele Longtakes enthalten” ebenfalls zur Kategorie der normalen Filme gehören. Aber den Begriff abzulehnen, ohne einen Ersatz anzubieten, erachte ich als sinnlos. Denn du gewinnst nichts damit, sondern machst aus einer sagbaren eine unsagbare Unterscheidung. Deswegen musst du wenigstens einen alternativen Begriff anbieten, von dem du glaubst, dass er die Unterscheidung besser erfasst. Aber einfach nur zu sagen “normal gibt es nicht” ist kommunikativ destruktiv, denn am Ende bliebe als Konsequenz nur, zu schweigen und die Diskussion nicht mehr weiterzuführen. Daher wurde euer Gespräch auch genau in dem Moment wieder fruchtbar (In der Substance, der Style war awesome ;) ), als ihr euch darauf geeinigt hattet, lieber von “konventionellen” als von “normalen Filmen” zu sprechen.

    Zum Inhalt: Hier würde ich sogar noch über Tamino hinausgehen und sagen, dass es auch normativ “normale Filme” gibt. Dahingehend, dass an Filmhochschulen gelehrt wird, wie du Szenen mit Shot – Reaction Shot – Totale filmst, wie du Jumpcuts und Achsensprünge vermeidest, wie du zwischen Close-Up, amerikanischer Einstellung, Halbtotale und Totale wechselst etc. Das wird jungen Filmemacher/innen als “normal” beigebracht: So ist es richtig und was die auf YouTube machen ist falsch … Denk einfach mal an Filmbewegungen wie die Nouvelle Vague oder Dogma ’95. Die haben sich bewusst gegründet, um von der Norm abzuweichen. Wenn du dir zum Beispiel Filme von Truffaut oder Godard anguckst, dann hast du da Reißschwenks statt Schnitten oder Menschen werden von hinten gefilmt oder sind nur halb im Bild. Das war eine Provokation. Die haben das extra gemacht, um nicht normal zu sein. Nicht so wie alle anderen, konventionellen Filme. Von daher finde ich den Begriff inhaltlich auch sehr passend und man sollte sich lieber Gedanken machen, ob Mittel wie der Longtake nicht seinerseits schon zur Normalität gehören. Denn dass Lubezki einen Oscar nach dem anderen gewinnt, zeigt ja, dass er schon längst nicht mehr Underground ist. Die Frage ist eher, ob einerseits sein Stil irgendwann auch so normal ist, dass er andere Konventionen ablöst und was andererseits der nächste heiße Scheiß sein wird …

    So jetzt habe ich genug geschwafelt. Und gehe ins Bett: Gute Nacht und macht bitte was über den einen oder anderen Western! Denn dieser Cast war wieder einmal Schokotorte für die Ohren! =)

    • SecondUnitTamino

      Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, wenn du meiner Meinung bist :-)

      • http://www.privatsprache.de/ Privatsprache

        Puh, Glück gehbat! ;)

  • PatrickSuite

    Oha, das war wieder einer der klassischen “Tamino v. Christian: Dawn Of Filmdiskurs” Diskussion mit der interessanten und amüsanten “normal”- Definierung. Die Episode wird wohl in die Hall of Fame, der besten “Second Unit” Episoden landen.

    Ich bin wohl bei Tamino, wobei ich lieber “konventionell” anstatt “normal” als Filmstil benenne würde, das hattet ihr ja auch in der Sendung erarbeitet. Das Beispiel mit den Häusern war auf dne Punkt genau und wir brauchen nder Sprache ja Defintionen, um diskutieren oder benennen zu können. Zum Beispiel bricht “irreversible” die Filmkonvention, weil die Szenen rückwärts angeordnet sind und nicht chronologisch vorwärts gezeigt werden.

    @Tamino: Hast du “Blue Ruin” gesehen? Dort gibt es einen spannenden Ansatz für einen Revenge-Thriller. Ich möchte nicht spoilern, deswegen poste ich mal de Trailer und verrate den Ansatz der ungewöhnlichen Racheerzählung nicht. Ich kann mir gut vorstellen ,dass der Film dir zusagt: https://www.youtube.com/watch?v=hCXRTdzkDas

    @Tamino: Die Serie heisst “Taboo”, hier mal ein Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=6ZYAQSlIhM4
    Was ich bisher mitbekommen habe, scheint die Serie weniger Handlung, mehr von der Atmosühäre und der Darstellung der Welt zu leben. Klingt ein bisschen wie das, was Du dir für die 2. Hälfte von “Revenant” gewünscht hast.

    Ich hab diese “Ran” geschaut und dagibt es auch viele One-Shoots. hier wurde es dazu benutzt, um den Worten, Acting mehr Luft zu geben. Manchmal hat man gar nicht gemerkt, dass es One-Shoots war, weil die Dialoge so intensiv eingefangen wurden. Das hat mir deutlich besser gefallen. Es war sehr funktioniell benutzt und hat dazu gedient den Zuschauer noch intensiver bei der Geschichte zu sein. Bei “Revenant” wurde ich immer wieder rausgezogen, weil dann plötzlich die Linse beschlagen wurde, weil die Akteure so nah an der Linse waren.

    Übrigens wirkt auf mich – jemand ,der selbst Filme dreht – wahrheitsgetreu, dass kein künstliches Licht benutzt wurde. Das sieht man eigentlich ganz gut, wenn die Sonne hochsteht, das ist dann halt nicht so super genau, weil zwischendurch Wolken erscheinen. Außerdem wurden große Reflektoren benutzt, um gewisse Gesichtspartien so zu beleuchten, dass gewisse Gesichtsparteien nur “dunkeln” sind. Hier seht ihr ein Beispiel in klein: http://pbblogassets.s3.amazonaws.com/uploads/2015/09/Diffusion.jpg
    Und hier mal ein Unterschied, was ein Reflektor ausmachen kann lichttechnisch: https://s-media-cache-ak0.pinimg.com/564x/ea/07/9a/ea079a880de66709a97f2a1cf931bb4d.jpg
    Es gab wohl nur eine Szene, wo ich glaube, dass dort künstliches Licht genommen wurde. Nämlich das beim Lagerfeuer, da wirkt auf mich das Licht, nicht wie ein Lagerfeuer, sondern eher künstliches Licht.
    Außerdem hat Tom Hardy mehrere Rollen absagen müssen, weil die Dreharbeiten sich um 3 Monate verschleppt haben. Nachteil am natürlichen Licht: Man hat viel, viel weniger Zeit zu filmen. Zum Beispiel hat Terrence Malick “Tree of Life” wohl über Monate nur 2 Stunden geshootet, weil er möglichst viel von der Golden Hour im Film haben wollte.

  • http://www.secondunit-podcast.de/ Christian

    Erstmal ein großes Dankeschön für eure Kommentare hier. So stelle ich mir das hier vor, so muss das hier weitergehen <3

    Zu der Definition: Meine grundsätzliche Abneigung gegenüber dem Begriff "normal" im Filmdiskurs ist die Tatsache, dass ich sowas in der Rezeption überhaupt nicht nutzen möchte. Klar könnten wir uns hier jetzt in wahnsinnig komplizierter Auseinandersetzung streiten, was ein "normaler" Film ist. Ich halte diese Diskussion grundsätzlich schon mal für unsinnig, weil es nicht eine einzige filmische Norm gibt, sondern eben generell Konventionen (die immer im Wandel sind) und in speziellen Genres, Epochen, Kulturen und Filmarten. Eine "normale" Dokumentation ist nicht zu vergleichen mit einem "normalen" Animationsfilm oder einem "unnormalen" Stummfilm oder einem "unnormalen" japanischem Rachethriller.

    Aber gut, gehen wir einfach mal davon aus, dass wir den "normalen" Film definieren können. Mein Problem damit wäre, dass folglich jeder andere Film, jede Filmsichtung sich an dieser Definition von "Norm" messen lassen und positionieren müsste. Und das halte ich für absoluten Unsinn, weil ich dann den Film nicht mehr für sich wahrnehmen kann, sondern immer nur im Vergleich zur Norm. Das mag bei funktionalen Dingen wie Häusern, Tischen oder Stühlen ja noch ganz sinnvoll sein, weil sie einen Zweck erfüllen. Aber Filme? Kunst? Oder Gesellschaft? Was bringen uns in diesem Kontext bitte schön Normen, außer große Kopfschmerzen und schmerzvolle Scheindiskussionen.

    Kurzum: Ich will Filme nicht aus dem Prisma einer Norm wahrnehmen, sondern verstehen was sie sind.

    Wobei das natürlich auch schon wieder relativierbar ist, denn eigentlich trägt jeder von uns ganz persönliche filmische Normen aka Konventionen mit sich herum. Deshalb war Tamino damals so sauer bei MIND GAMES, der keine einzige seiner Normen erfüllen konnte. Deshalb feiere ich LA LA LAND so ab, weil er alle meine bekannten filmischen Normen sprengt. Deshalb kritisieren alle Marvel, weil diese Filme ihre eigene filmische Norm immer und immer wieder selbst erfüllt, anstatt sie zu brechen. Hm. Mist.

    Werde ich am Ende dieser Diskussion etwa zum Relativisten? HELP ME!

  • http://mateschrank.wordpress.com/ Dave vom Mateschrank

    Also ich fand eure “Normalitätsdiskussion” höchst eigenartig und stehe dabei eindeutig auf Taminos Seite. Wenn 99 % der Filme das so machen, kann man es “normal” oder “konventionell” sehen und es auch so nennen. Stell dich vor ein Kino, Christian und gehe die Filme durch, die gerade laufen und du wirst auf die Quote von 99 % zu 1 % kommen.

    Außerdem möchte ich euch bei der Geographie korrigieren: Der Film spielt im Mittleren Westen im Gebiet des heutigen US-Bundesstaates South Dakota. Es basiert ja lose auf der Geschichte dieses Trappers:

    https://en.wikipedia.org/wiki/Hugh_Glass

    Und das Burj Khalifa steht in den VAE und nicht in Saudi-Arabien.

    Abgesehen von der “Normalitätsdiskussion” fand ich die Folge sehr gut und stimme euch weitestgehend zu.

    • SecondUnitTamino

      Das mit dem Standort des Gebäudes ist mir später auch noch eingefallen, aber dann war es zu spät. Immerhin habe ich nicht behauptet, dass es in Bayern stünde.

      Ich dachte aufgrund der Landschaft, dass es etwas nördlicher als die USA sein müsste, aber hatte es leider nicht recherchiert. Danke für die Berichtigung.

      Die normal-Diskussion war definitiv etwas off-topic und ich bin auch nicht so richtig glücklich damit. Da wir aber ja seit Beginn der Sendung immer auch um ein lebendiges Gespräch bemüht sind und nicht alles haarklein durchstrukturieren wollen, kommt es natürlich manchmal vor, dass man sich dann etwas in Details oder nur semi-releveanten Aspekten verrennt. Solange das bei uns nicht zu extreme Ausmaße annimmt – und den Eindruck habe ich bisher nicht – kann ich damit leben, wenn etwas Derartiges hin und wieder mal passiert.

  • Fabian Ju

    Toller, sehr interessanter Podcast!
    Nochmal zu dem, was Tamino bzgl. Longtakes gesagt hat: Ja, auch ich sehe sehr gerne wenn die Kamera lange drauf hält, jemandem folgt, sich dreht und wendet und besondere Dinge macht (Lubetzki ist einer meiner lieblings-DPs). Dafür muss es meiner Meinung nach aber einen Grund geben, da JEDE Entscheidung in einem Film begründet werden können muss/sollte.So gibt es mehrere Gründe, warum ein Dialog in Shot-Reverse Shot gefilmt wird. Die agierenden Personen stehen z.B. zu weit für einen Kameraschwenk auseinander (gerade bei in intensiven Szenen genutzte Close-Ups können beinahe unmöglich mit Kameraschwenk gedreht werden, ohne dass die Zuschauerschaft Brechanfälle bekommt), durch die Schnitte werden gegenteilige Meinungen visualisiert, etc.

    mMn darf in einem “bedeutunsvollen” Film nichts einfach nur gemacht werden, weil es cool ist – anders ist das bei FIlmen wie Transformers. Longtakes gehören auch dazu. Gut eingesetzte Longtakes findet man bspw. bei “Atonement” (https://www.youtube.com/watch?v=QijbOCvunfU), Children of men, The Protector (https://www.youtube.com/watch?v=RHtpN0ypQuc) oder Goodfellas. All die genannten LT können auf die jeweilige Narration des Films zurückgeführt und damit begründet werden. Bei Revenant kamen mir manche Entscheidungen allerdings auch fragwürdig vor. Ja, die Anfangssequenz ist wirklich genial und auch die Szene, wo Leo auf seinem Pferd flieht ist klasse umgesetzt. Oder diese Szene hier: https://www.youtube.com/watch?v=5MouolRNd_A. Aber warum z.B. die von Tamino besagte Szene nach der Fluch auf dem Floß als Longtake gedreht werden musste, erschließt sich mir nicht.

    Aber zu dem Film an sich. Hier teile ich die von euch genannten Probleme. Hugh Glass ist als Person irgendwie ungünstig geschrieben. Man sieht fast nie, wie sehr er seinen Sohn liebt und kann deswegen auch nicht ganz seine Motivation zur Rache verstehen. Und dafür, dass Leo in der ersten Hälfte echt als Humanitätsideal, um Goethes Iphigenie mal heranzuziehen, charakterisiert wird, geht er in der zweiten Hälfte dann doch recht roh und stumpfsinnig vor. Aber wer weiß, ob Iñárritu nicht damit was über den Moralverlust von Menschen aussagen will, *Augenroll*.
    Generell hätte man die zweite Hälfte des Films einfach raus schneiden sollen. Ich war richtig überrascht, nicht im positiven Sinne, dass Leo noch mal einen auf Liam Neeson macht und sich rächen will. Dass die Rache seine Motivation um zu überleben war, hat mir der Film irgendwie nicht, oder nicht gut genug, kommuniziert. Die zweite Hälfte hätte vielleicht einen eigenständigen Film ergeben können. Immerhin ist der Showdown ja wirklich packend inszeniert. Naja, das Ding am Ende mit der Virten Wand hätte man auch noch bleiben lassen können.

    Insgesamt würde ich dem Film aber auch 63 von 100 Punkten geben, da die Musik, die Schauspieler, die Kamera (im Großen und Ganzen) und die erste Hälfte insgesamt schon ziemlich überzeugend waren.

    • SecondUnitTamino

      Sicherlich ist es richtig, dass man für gewichtige artistische oder handwerkliche Entscheidungen in Filmen schlüssige Begründungen heranführen können sollte, aber bei so etwas Basalem wie einem einzelnen Schnitt in einer vielleicht nicht einmal zentralen Szene ist das schlichtweg nicht immer möglich. Es gibt fast immer unzählige Möglichkeiten wie man eine Szene hätte filmen oder editieren können und man kann es auch immer irgendwie oberflächlich begründen. Die Frage ist hierbei natürlich, ab wann man etwas als wirkliche Begründung durchgehen lässt. Man könnte schließlich auch sagen, dass man schneide, weil ein Longtake zu aufwendig oder teuer wäre, die Kamera nicht genug Platz für Bewegung habe, der Film bald fertig werden müsse etc. Ich denke über solche Gründe reden wir nicht, sondern über inhaltliche. Niemand kann mir erzählen, dass man in einem Film auch nur ansatzweise für jeden Schnitt eine inhaltliche Begründung finden kann. Manchmal muss es auch einfach “irgendwie” gemacht werden und solange der Zuschauer dem Geschehen folgen kann, ist es dann in Ordnung. Nicht jeder Schnitt in einem Film kann eine artistische Entscheidung sein, die meisten sind pragmatische. Da sollte man sich keine Illusionen machen.

      Was ich insgesamt in der Sendung sagen wollte ist, dass ich das Gefühl habe, dass es ein Longtake für manche Menschen anscheinend extra inhaltlich, also in Bezug auf das Drama oder die Themen des Films, begründet werden muss, einfach da es nicht der Norm entspricht, während eine konventionelle Inszenierung dies anscheinend nicht muss, da “man Filme ja eben so mache”(?) Und wie ich oben ausgeführt habe, halte ich es für ziemlich übertrieben zu erwarten, dass sich ein jeder Schnitt immer artistisch schlüssig begründen ließe. Pragmatische Gründe, wie die, die du oben auch aufgeführt hast, gibt es dagegen zuhauf. Ich möchte ja auch nicht immer ein Longtake haben, aber am liebsten immer, wenn es geht. Manche Szenen sind viel zu schnell in ihrem Ablauf oder spielen vielleicht in einem Lüftungsschacht, durch den James Bond kriechen muss. Dann macht natürlich ein Longtake wenig Sinn. Aber man könnte es in unserer modernen, hoch budgetierten Filmlandschaft generell so viel häufiger benutzten und das finde ich schade.

      Ich zeichne in erster Linie pragmatische Gründe wie Kosten und Planungsaufwand dafür verantwortlich, dass Filme generell so “viel” schneiden. Dadurch ist diese Art zur Norm geworden und bei einem Aufbrechen dieser Norm wird der Zuschauer erst einmal vor den Kopf gestoßen, was positiv oder negativ sein kann. Bei Actionszenen sieht man das am deutlichsten. Mit 2-3 Schnitten pro Sekunde kann auch ein filmischer Fight zwischen Christian und mir so aussehen, als ob wir uns wir uns wirklich prügelten. Für so etwas wie das von dir zitierte Longtake aus THE PROTECTOR braucht man allerdings fähige Martial Artists, Stuntmen, eine umfangreiche Planung, viel Zeit für die Umsetzung usw. Daher kann einen diese Szene so enorm beeindrucken, obwohl die Story des Films nun wirklich nicht gerade toll ist. Leider wird das natürlich kaum in der Weise gemacht, weil man einen halbwegs ansehnlichen Fight auch viel einfacher zusammenbekommt. Für das (ja eh etwas bescheuerte) Drama von THE PROTECTOR ist das Longtake vollkommen irrelevant. Aber als Begründung dafür, dass ich es in dem Film großartig finde, kann ich anführen, dass der Film ein Actionfilm ist und ich mich daher an seiner aufwendig inszenierten Action erfreuen kann. Als inhaltliche Begründung in Bezug auf die Story des Films würde ich das nicht bezeichnen, aber dennoch halte ich diese Begründung für absolut schlüssig, weil ich THE PROTECTOR ja in erstr Linie schaue, um mich durch seine tolle Action unterhalten zu lassen.

      Um jetzt auf THE REVENANT zurückzukommen: kann ich nicht als Begründung anführen, dass ich es schätze, wenn ein Film, der in einer wundervollen Natur spielt, diese auch auf ruhige, wundervolle Weise einfängt? Ich erfreue mich daran erst einmal einfach, völlig unabhängig davon, ob das jetzt für die Figuren relevant ist oder nicht. Was ist denn das Argument dafür, die Natur weniger schön einzufangen? Da würde mir jetzt höchstens einfallen, dass dies vielleicht von inhaltlichen Aspekten ablenken könnte oder es schlichtweg nicht darum gehe? Aber wer sagt denn, dass nicht auch darum ginge?

      Und in Bezug auf die erwähnte Dialogszene nach der Flucht, könnte ich bei einer konventionellen Inszenierung doch genauso fragen, warum man denn kein Longtake benutzt hätte. Es ist eben nicht die Norm und es wäre schwieriger durchzuführen, aber sind das artistische oder inhaltliche Begründungen? Indem du nach der Begründung für das Longtake fragst, setzt du indirekt die konventionelle Inszenierung als den default, obwohl man sich bei dieser genauso fragen könnte, warum diese denn so und nicht anders gemacht worden wäre. Nun handelt es sich bei dieser Szene weder um eine optisch beeindruckende noch um eine inhaltliche Schlüsselszene. Es gibt schlichtweg keine entscheidenden Gründe dafür, hier auf jeden Fall die eine oder andere Methode wählen zu müssen. Nur ist die des Longtakes die für meinen Geschmack zig mal schöner anzusehende. Inhaltlich funktioniert sie nicht mehr oder weniger als die konventionelle, aber sie hat zusätzlich noch einen erhöhten Schauwert aufgrund der Dynamik, ich würde vielleicht sogar sagen: der Erhabenheit der Kamera. Und daran kann ich mich enorm erfreuen, weswegen ich THE REVENANT trotz der inhaltlichen Schwächen 7,5/10 Punkte gegeben habe. Ich denke ca. 2 davon kommen durch die Kamera.

      • Fabian Ju

        Da stimme ich dir grundsätzlich zu. Dass man alles auf irgendeine Art und Weise begründen kann, trifft ja nicht nur auf die Welt des Films zu. Und auch, dass ich einen Longtake inhaltlich gerne begründet haben würde, stimmt. Das sehe aber unabhängig davon, ob etwas konventionell ist oder nicht, da ein guter Film prinzipiell jede einzelne Entscheidung, also auch jeden einzelnen Schnitt, begründen kann. Dass das in der Praxis nie oder nur sehr selten vorkommt, sehe ich aber ein. Um eine Aussage noch einmal zu erklären: in manchen Making-Ofs oder Audiokommentaren bekommt man zu sehen bzw. zu hören, dass eine bestimmte Szene als Longtake geplant war und auch als solche gedreht wurde, aber dann etwas zwischen geschnitten wurde, um entweder die Narration, die Dramatik oder die Rhythmik des Films nicht zu stören. Und so will ich das auch haben. Wenn man einen Longtake sieht, der alles miteinander vereint, wie z.B. bei “Children of Men”, dann hätte ich das auch gerne in jedem Film.

        Dagegen, dass Revenant in manchen Szenen die Natur auf beeindruckende Art und Weise einfängt, ist überhaupt nichts zu sagen. Darum geht es ja auch in dem Film. Und die erwähnte Dialogszene würde für mich persönlich ohne Longtake vermutlich einfach besser funktionieren, aber das ist wahrscheinlich höchst subjektiv.

        Einigen wir uns einfach darauf, dass insgesamt mehr Filme Longtakes einsetzen sollten. Der eher mittelmäßige “Life” hat das ja auch getan und als Einführungssequenz funktioniert es ganz gut.

  • http://nightcrow.de/ Night Talker

    Ich kann mich immer noch nicht daran gewöhnen dass Tamino hier als Gast aufgeführt wird. Für mich ist er Bestandteil dieses Podcastes wie auch Christian. Ich hoffe Tamino steigt irgendwann wieder fest mit ein. Ihr beiden seit ein richtig gutes Team.

    • SecondUnitTamino

      Dankeschön, aber in der Frequenz wie inzwischen ich dabei bin geht “Gast” schon in Ordnung.

  • http://cinecouch.net/ Jan

    Sehr lebhafte und emotionale Diskussion – so wünscht man sich das, wenn als “Gast” Tamino genannt wird.

    Ich schließe mich mal kurz den vielen Vor-Kommentatoren an: Euer Gespräch war insgesamt toll, vor allem der Diskurs über Rachefilme am Ende und hat einen etwas unglücklichen Lauf am Anfang genommen. Über den Begriff “normal” kann man lange streiten, ich sehe ein, dass der Film sehr wertend eingestuft werden kann, weil etwas “unnormales” für mich zumindest erst einmal abwertend klingt. Der Begriff der Konvention passt da schon eher – und klar, sind Konventionen im Wandel, aber sie werden eben auch erst durch Wiederholungen gefestigt, was im Film zum Beispiel in der Auflösung eines Dialogs im Schuss/Gegenschuss-Verfahren durch Montage bemerkbar wird. Insofern bin ich in dem Punkt schon eher auf Taminos Seite, wobei ich wiederum den Schnitt/die Montage als DAS wichtigste Mittel des Films generell halte. (und damit gleich wieder von Taminos Standpunkt abweiche :D)

    Die schnellen Schnitte eines BOURNE-Kampfs ist für mich genauso eine Leistung wie die Plansequenzen eines CHILDREN OF MEN. Vielleicht ist auch hier die Begrifflichkeit wichtig: Tamino spricht ja eher vom Schnitt (als “Trennendes”) – Christian (und ich auch) spricht eher von “Montage” (also das “Verbindende”); und darin liegt ja ein großer Unterschied.

    BTW: Dass ein Longtake eine größere Hürde am Set darstellt als ein Shot-Reverse-Shot würde ich ohnehin bezweifeln. Jede neue Kameraeinstellung bedeutet eine neue Ausrichtung von Licht und Ton, die Schauspieler*innen müssen sich öfter in die Situation hineinversetzen und können seltener im Flow agieren – das ist mitnichten günstiger oder geht schneller (klar, ist das nicht auf ALLE Dialogszenen, Kampfszenen, etc… anzuwenden, aber wir haben ja keine Allgemeinheitsansprüche hier).

    • SecondUnitTamino

      Darüber haben wir ja schon damals bei BIRDMAN gesprochen, wenn ich mich richtig erinnere :-) Ein Schnitt ist sicher gleichermaßen eine Trennung wie eine Verbindung (als Montage, Arrangement oder Sinnverknüpfung), da stimme ich zu, aber für mich persönlich wirkt die trennende Dimension meist stärker, vor allem im direkten Konsum eines Werks. Ein Schnitt hat etwas Abruptes an sich. Das Bild verschwindet in einem Moment und es kommt sofort ein neues aus dem Nichts, ohne einen Übergang. Der Blickwinkel ändert sich, man muss sich neu ins Bild finden. Das passiert natürlich alles in Bruchteilen von Sekunden und funktioniert auch, wenn vernünftig geschnitten wird, aber ich empfinde Schnitte generell als anstrengender aufzunehmen als Schwenks (oder Überblendungen). Wenn ein Film es mit Schnitten stark übertreibt, verliere ich den Überblick über das Gezeigte (besonders in Action) und bekomme davon dann manchmal sogar Kopfschmerzen. Von Longtakes dagegen kann ich nie genug bekommen. Sie sind angenehmer zu verarbeiten und strahlen für meinen Geschmack außerdem eine quasi inhärente Qualität aus, etwa so wie ein scharfes Bild oder eine tolle Soundqualität. Derlei Dinge würde ich immer vorziehen, außer es gibt plausible Gründe, die dagegen sprechen. Ein Longtake ist für mich im Grunde schlichtweg erhabener und in einem abstrakten Sinne “qualitativ hochwertiger”. Daher erscheint mir ein Film mit wenig Schnitten per se als der überlegene, es sei denn, Schnitte werden sinnvoll (z. B. bei Ortswechseln oder Zeitsprüngen) oder artistisch (wie in CLOUD ATLAS, REQUIEM FOR A DREAM) benutzt. Dann kann auch ich sie wertschätzen, aber wenn sich mehrere Figuren an einem Ort befinden und dort einen Dialog haben, würde ich eigentlich so gut wie immer ein Longtake wie in THE REVENANT präferieren.

      Wie man aus den Kampfsequenzen bei Bourne auch nur irgendetwas ziehen kann, ist für mich wirklich ein absolutes Rätsel. Ich habe schon öfter gehört, dass man aus beiden Arten des Einfangens einer Actionszene etwas ziehen könne, nur frage ich mich: was denn? Hier verbinden oder arrangieren die Schnitte ja nichts, sondern verwirren nur. Ich habe schon immer Actionsequenzen geliebt, aber bei einem hektischen Gewackel der Kamera oder einer verhackstückten Actionszene denke ich einfach nur, dass man es mieser wirklich nicht mehr inszenieren kann. Als einzigen Daseinsgrund etwas per se erstmal “schlecht” zu filmen – das nenne ich so, weil der Zuschauer ja nicht mehr richtig erkennt, was eigentlich gerade passiert und das schließlich der grundlegendste Aspekt einer jeden Einstellung sein sollte – sehe ich nur ein Einfangen von Verwirrung oder Hektik in dem dargestellten filmischen Moment auf einer Metaebene. Wenn derlei Dinge allerdings meinem generellem Sehvergnügen zuwider laufen, dann kann ich daraus so gut wie nichts ziehen. Ganz ähnlich ist das in der Eröffnungssequenz von IRREVERSIBLE, wo ich die artistische Intention schon mehr wertschätzen kann als in einem Bourne, aber gleichzeitig einfach nicht ehrlich sagen kann, dass ich mir eine derart anstrengend eingefangen Szene gerne anschaue. Das Vergewaltigungs-Onetake später strahlt dagegen eine Rohheit und Kälte aus, die artistisch genau so treffend ist, nur gleichzeitig auch vernünftig zu konsumieren ist. Daher halte ich letztere für die weitaus stärkere Szene. Ich will eine Szene – egal wie schrecklich ihr Inhalt ist – als Zuschauer in erster Linie immer sehen und ihr Gezeigtes erkennen wollen. Wenn dies nicht gegeben ist, kann der artistische Beweggrund noch so groß sein, sie wird mir nicht gefallen, wenn ihr Konsum mir auf die Nerven geht. Und bei Action ist es ja nun gerade so, dass sie mich als Zuschauer in irgendeiner Weise beeindrucken soll. Wenn ich aber nicht mehr erkenne, wer da gerade wem auf die Mütze haut, dann könnte man die Szene auch gleich weglassen. Das ist für mich inetwa so wie einen Dialog ohne Ton zu zeigen. Wo ist der Witz dabei?

      Wieso du vermutest, dass ein Longtake nicht aufwendiger sei als andere Methoden erschließt sich mir nicht und deckt sich außerdem nicht ansatzweise mit dem Eindruck, den ich aus B-Rolls etc. gewonnen habe. Bei OLDBOY haben sie da z. B. gezeigt, wie die Crew mehrere Tage an der Hammer-Kampfszene planen und arbeiten musste, um am Ende die ca. 1 Minute im Film zu haben. Mit Schnitten kannst du erstmal alles filmen wie du willst und erst im Editing vernünftig arrangieren. Man kann alle möglichen Einstellungen versuchen, und so viele 10 Sekunden Takes aufnehmen wie man will. Bei einem Longtake musst du dir ALLES vorher genau überlegen und wenn du auch nur EINE Sache ändern willst muss wieder ALLES neu durchgezogen und gefilmt werden. Wie könnte letzteres nicht die deutlich aufwendigere Methode sein? Bis auf das Editing erscheint mir im Grunde JEDER Aspekt in einem Longtake gleichermaßen schwieriger zu planen wie umzusetzen zu sein.

      • http://www.secondunit-podcast.de/ Christian

        Eine Bemerkung und eine Frage noch mal zu dem Thema Schnitt:

        Die Bemerkung: Du vergleichst gelungene Longtakes (Birdman, Revenant) mit schlechten Schnitten (Bourne). Das ist irgendwie ein bisschen schief und unfair ;-P

        Die Frage: Wie hast du es eigentlich mit Theater? Wäre ein gefilmtes Theaterstück nicht automatisch deine Idealform von Film? Keine Schnitte, alles in einem Take.

  • Sultan-of-Swing

    Eure Diskussionen über Normal und Schnitt/Onetake sind für mich ein absolute Höhepunkte von Second-Unit.

    • http://www.secondunit-podcast.de/ Christian

      Danke :D

  • http://greifenklaue.wordpress.com/ Ingo Schulze

    Was mich verwundert, dass ihr gar nicht darauf eingeht, dass es eigentlich eine Literaturverfilmung ist, die wiederum auf realen Erlebnissen basiert. -> https://de.wikipedia.org/wiki/Hugh_Glass
    Vermutlich wegen Eures Anspruchs, dass ein Film für sich alleine stehen soll?
    Das erklärt aber für mich doch so einiges, z.B. den Bärenangriff, der zentral für die reale Geschichte ist. Ich fand, dass die langen Schnitte auch zu einer Art Pseudo-Doku-Stil führt, quasi das ganze realer wirkt.

    @Normal/unnormal. Eigentlich versteh ich doch eher Taminos Position, kann aber in zwei Punkten auch Christian nachvollziehen. Erstens kann man unnormal wertend auffasen, z.B. wie in “Du bist ja unnormal.” und zum anderen kann ich zwar in einzelnen Kategorien gucken, was typisch {oder hollwood-typisch} {evtl. das bessere normal?} ist, aber es gibt nicht den typischen Film. So ähnlich wie “Man ist mehr als die Summe seiner Einzelteile”. Sprich, auch der nach typischen Kategorien gedrehte Film wird in absoluter Minderheit gegenüber Filmen sein {und darum vielleicht wieder etwas außergewöhnliches}, als die, die in einer oder mehr Kategorien abweichen.