Second Unit #152 (Mind Game [2004])

In dieser Woche bearbeiten wir mal wieder unserer Stapel eurer DVD-Einsendungen. Mit Mind Game (Amazon-Link*) haben wir mal wieder einen Anime im Programm. Leider hat uns der David-Lynch-esque Trip eher kalt gelassen.

Zu Beginn der Sendung bedanken wir uns gleich für die nächste DVD-Einsendung. Irgendwie kriegen wir diesen Stapel einfach nicht kleiner.

Das Getränk stammt wie der Film vom Rüsselschwein und ist ein Kaffe mit Durian-Frucht. Die deutsche Bezeichnung als “Stinkfrucht” trifft es wirklich gut und beschreibt das Geschmackserlebnis auch ganz treffend. Leider.

[YouTube Direktlink]

Robin Nishi hat die Comic- und Drehbuchvorlage geschrieben; Masaaki Yuasa und Kôji Morimoto sind die beiden Regisseure.

Nachdem wir schon am Getränk scheitern mussten, lässt uns der Film selbst auch eher ratlos zurück. Wir spoilern zwar, doch lebt der Film definitiv vom visuellen Style und weniger vom Plot. Wir besprechen deshalb auch weniger konkrete Szenen als unseren allgemeinen Eindruck und unsere Probleme mit dem Film. Zum Schluss fragen wir uns auch, ob wir den Film überhaupt verstehen (und wertschätzen) können.

Nächste Woche bereiten wir uns auf den nächsten Kino-Besuch vor. Mit dem ersten Mad Max (Amazon-Link*) schließen wir mal wieder eine weitere Bildungslücke meinerseits.

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[Download | Länge: 1:15:09 | Größe: 36,3 MB | @2nd_Unit | Facebook.com/SecondUnit | iTunes]

[Teaser-Bild: by Hafiz Issadeen]

*Amazon-Partner-Links: Über diese Links gekaufte Artikel werfen einen kleinen Obolus für uns ab. Für euch ändert sich nichts, schon gar nicht der Kaufpreis. Wir bedanken uns im Namen unserer Kaffee-Kasse.

  • Michael M.

    Guten Tag,
    ich höre die Episode gerade noch, aber so 2-3 Dinge fallen mir schon ein. Der Film ist bei mir schon eine Weile her und ich erinnere mich nicht so gut dran, aber schauen wir mal, was dabei rauskommt. Erstmal bin ich bei vielen eurer Punkte mindestens so verwirrt, wie ihr von dem Film. Einmal finde ich es kurios, dem Film Stillosigkeit vorzuwerfen. Man kann den ja häßich finden (schön finde ich den auch nicht), aber Stil hat der ganz gewiss. Auch beim Anfang: ihr meintet, der ginge einfach los. Das ist doch dann aber bei vielen Hollywoodfilmen nicht anders. Da passiert halt erstmal was, bevor die Titeleinblendung kommt. Die Szenen, die ihr als wahllos hinstellt, nehmen, wenn ich mich recht erinnere, schon einige Elemente der Geschichte vorweg und tauchen zum Schluß so nochmal auf. Also einmal bekommt man unwissend eine Vorschau und zum Schluß geht ja quasi alles wieder von vorne los, wo die selben Szenen wieder kommen. Die erfüllen also schon einen gewissenn Zweck. Dann hattet ihr noch die schnellen Schnitte erwähnt, die aber tatsächlich recht typisch für viele Anime sind. Wobei man eben auch sagen muss, dass es nicht “den” Animestil gibt. Es gibt da ebenso viele Stile, wie in Hollywood oder sonst überall findet. Dann hattet ihr ja noch den “lebensbejahenden Esoscheiß”. Ist halt die Frage, ob man das mag oder nicht. Mir geht z.B. das ewige Geschrei nach realistischeren, ernsteren, düsteren Filmen auf die Nerven. Viele nennen das “erwachsene” Filme, mich langweilt es einfach. Und gerade in der japanischen Kultur gibt es seit Jahrhunderten genug Beispiele, wo eine an sich realistische Geschichte mit unrealistischen Elementen versehen wird (z.B. die Samuraigeschichte, bei der plötzlich ein Fuchs durch die Gegend fliegt, sich verwandelt und als Mensch die Feinde besiegt) und auch eine ewig lange Tradition von Genre- und Stilmixen. Wenn man sich halt nicht damit anfreunden kann, wenn da plötzlich ein rauchender Fisch auftaucht oder die Protagonisten in einem Wal landen, dann ist man hier halt schlicht an der falschen Stelle. Deswegen ist der Film aber nicht stillos oder schlecht. Da ist auch wieder die Frage, ob etwas, das einem nicht gefällt, schlecht sein muss. Was die Codes angeht, kann ich schlecht nachempfinden, was ihr nicht versteht und was nicht. Da bräuchte ich mehr Beispiele, was ihr nicht verstanden habt. Ich saß ganz entspannt da und hatte Spaß. Das hat mich alles weder groß überfordert und ich fand das auch alles gar nicht so abgefahren. Vorher habe ich viel gehört und alle sagte, der wäre so irre, da blieb der für mich aber weit hinter den Erwartungen zurück. Nicht das ich den jetzt überragend finde, aber mir machte der deutlich mehr Spaß, als z.B. Inception (den ihr ja, glaube ich, gelobt habt). Was das angeblich verkrampfte “wir müssen ständig noch was krasseres abfeuern” angeht: das ist wie der ewige Vorwurf “Wie kommen die auf den Scheiß? Die haben doch Drogen genommen?”. Den höre ich auch oft und denke mir immer wieder nur: “Nein, liebe Menschen, ich hatte einfach Spaß.”
    Glaubt mir ruhig, für andere ist das ein sehenswerter Film. Ich kenne einige Leute, die den mögen. Aber auch wenn ich eure Kritik maßlos überzogen finde, kann ich schon verstehen, dass man den nicht erträgt.

    Und wenn ich euch wundert, was ich für ein Mensch sein muss, dass ich sowas mag: Ich studiere Japanologie, schaue schon seit vielen Jahren asiatische Filme und mache einen komischen Podcast, der viele Leute vermutlich ähnlich überfordert, wie Mindgame (komdehagens.podcaster.de).

    • Michael M.

      Ach und ihr habt euch ja gefragt, wie ein Land aus solchen Extremen bestehen kann, wie Japan (also dieses völlig überdrehte und die ganze alte Tradition). Es ist sehr simpel: in der Wahrnehmung der meisten Deutschen gibt es keine Zwischentöne. Es gibt entweder Tradition oder Wahnsinn. Über den Rest redet ja auch niemand. Ich habe da eine weile gelebt und meisten war völlig normaler Alltag, wie bei uns auch.

      • Michael M.

        Und mir fällt noch mehr ein… ich sollte erst noch weiterdenken und dann abschicken… jedenfalls habt ihr überlegt, wie das mit den Gottesdarstellungen funktioniert. In Japan gibt es ja primär den Buddhismus und Shintoismus und bei beiden Religionen geht man davon aus, dass es reichlich Götter gibt. Dementsprechend macht man sich da auch keine Gedanken um einheitliche Darstellungen. Es geht einfach alles. Und wie in Dragon Ball, was ihr erwähntet, ist es auch kein Problem, wenn die Götter dann mal sterben oder ihnen sonstwas zustößt. Und war es in Mindgame nicht auch der Gott, der sich munter verwandelte und auch zu dem rauchenden Fisch wurde?
        Der Regisseur machte übrigens früher diese Serie: https://www.youtube.com/watch?v=xNX10LanfiA
        Da wundert mich eigentlich gar kein Quatsch mehr.
        Ihr habt ja auch überlegt, ob Akira und Ghost in the Shell dem geneigten Animefan vielleicht zu sehr Mainstream sind. Die werden aber schon allgemein als Klassiker angesehen und gerade Akira ist animationstechnisch immernoch ganz weit vorne. Sowas aufwendiges gab es sonst, glaube ich, gar nicht mehr oder zumindest sehr selten.
        Jetzt bin ich, glaube ich, wirklich fertig. Ich wünsche noch einen guten Tag.

    • SecondUnitTamino

      Danke für deine ausführlichen Worte.

      Das mit der Stillosigkeit ist halt so eine Sache. Mir kommt der Film eben so vor, aber natürlich kann man so eine Äußerung nie vernünftig belegen. Alles hat im Grunde irgendeinen Stil. Es ist ja völlig unmöglich, einen wirklich stillosen Film zu machen, da ein Film eben immer irgendwie inszeniert ist. Für mich war der Film nur absolut all over the place und springt ja auch noch visuell durch verschiedene Inszenierungsweisen. Daher sehe ich hier keine Stringenz und das meiste erscheint mir schlichtweg völlig willkürlich und austauschbar.

      “Da ist auch wieder die Frage, ob etwas, das einem nicht gefällt, schlecht sein muss”

      Als Mensch bewertet man nunmal die Dinge im Leben, denen man ausgesetzt ist, das geht gar nicht anders (zumindest tut man es für sich selbst). Man kann dabei natürlich nie einen Allgemeinheitsanspruch haben, sondern das einzige was man machen kann, ist für andere so verständlich wie möglich die persönlichen Probleme oder Stärken eines Werkes herauszustellen und das habe ich hier versucht. Natürlich gibt es Leute, die den Film mögen, aber zeig mir mal einen Film, den wirklich keiner mag. Da es so einen nicht gibt, könnte ich also nie einen Film als schlecht bezeichnen. Es ist einfach ein persönliches Urteil und mehr soll es auch nicht sein. Dennoch gehört in diesem Falle auch zu meinen persönlichen Urteil dazu, dass ich es schade finde, wenn Leute so immens solche Filme abfeiern. Das ist bei AVATAR genau das gleiche in anderem Gewand. Ich persönlich wünsche mir nur, dass das Publikum etwas mehr erwartet als “guck mal, der Film ist so überdreht, sowas hast du noch nie gesehen”. Genau wie es bei AVATAR nicht reichen sollte, dass das CGI aufwendig ist. Ein überdrehter Stil ist ja ok, genau wie gutes CGI, aber es muss eben noch mehr kommen, vor allem in inhaltlicher Hinsicht.

      “Nein, liebe Menschen, ich hatte einfach Spaß.”

      Das mit dem Spaß haben ist eben der Knackpunkt dabei. Mir hat hier leider gar nichts Spaß gemacht, zumal ich nicht mal verstehe, was hier Spaß machen könnte. Bei den meisten Filmen die ich nicht mag verstehe ich das zumindest ein wenig, aber hier irgendwie gar nicht, da der Film einfach jenseits meiner Rezeptionsfähigkeit zu liegen scheint. Außer man will einfach einen Haufen ziemlich zusammenhangloser Bilder sehen, die maßlos irre sind, sehe ich nicht, was man hier loben sollte. Viel mehr ist der Film nicht, auch wenn es rudimentäre Grundthemen und einen groben narrativen Rahmen gibt. Um ehrlich zu sein hätte man letzteres auch einfach weglassen können und der Film hätte sich für mich genau so leer angefühlt wie damit. Ich habe dabei den Gedanken “hmm, das könnte ich auch machen”. Ein Mensch mit einem rauchenden Fisch als Kopf. Jo, ähm, wie wäre es mit einem dreiköpfigen Elefanten, der Samba tanzt und dabei mit lila Schildkröten jongliert – und katsching, wir haben die Fortsetzung des Films. Das war jetzt sehr vereinfacht und destruktiv formuliert, aber im Grunde trifft es meine Haltung zum Film ziemlich genau. Inhalt sehe ich nicht wirklich und einen kohärenten, ausgearbeiteten Still eben auch nicht. Wie gesagt, das ist meine Meinung und die kann und soll Fans des Films nicht “widerlegen”. Es ist hier für mich inetwa wie mit Religiösität: ich verstehe es nicht, ich mag es nicht und ich kann nicht im mindesten in diese Sphäre eindringen.

      • Michael M.

        Ja, ich kann schon nachvollziehen, wie du das meinst. Der Punkt ist nur, das solche Stilwechsel z.B. im Anime eben nichts ungewöhnliches sind. Sowas gibt es tatsächlich recht häufig. Wie eben auch Wechsel bei Stimmung und Genre. Ein Freund fand z.B. eine Animeserie ganz famos. Sie begann als Comedy und wurde irgendwann recht düster und ernst und mit diesem Wechsel hat er aufgehört zu schauen, weil er damit nicht zurecht kam. Wenn man da aber ein wenig drin ist, ist das gar kein Problem.
        Auch die sinnlose Aneinanderreihung von Szenen ist längst nicht so sinnlos, wie du glaubst. Die Alltagsszenen zu Anfang spielen halt auf z.B. spätere Teile des Films an usw.. Das Problem ist halt das man, wenn man direkt zu Anfang schon keine Lust mehr hat, noch unaufmerksamer schaut, als man es sonst vielleicht getan hätte. Damit wird es natürlich noch viel anstrengender und unlogischer. Man will ja nur das es vorbei geht. Es ist auf jeden Fall ein Film, den man nicht unvorbereitet oder in der Falschen Stimmung schauen sollte und schon gar nicht unter Zwang. Da kann man keinen Spaß haben.
        Was den Goldfisch usw. angeht müsste ich mir das tatsächlich nochmal anschauen, es ist eben doch schon lange her. So wie die Japaner ihre Kois verehren würde es mich nicht wundern, wenn der doch was zu bedeuten hätte. Aber wie gesagt, selbst wenn es einfach nur Quatsch ist, würde mich das nicht stören. Da bin ich von japanischer Kunst abgefahreneres gewohnt.

        Letztendlich ist es aber auch gut, wenn Leute den Film nicht mögen. Aber ist es schade, wenn Leute sowas abfeiern? Ich sehe es lieber, wenn Leute etwas großartig finden, das in meinen Augen 100%ig und mit Wonne gegen die Wand gefahren wurde, als wenn sie Transformers oder anderen seelenlosen Dreck feiern, der nur drauf aus ist den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen.

        • Michael M.

          Da fällt mir noch was zu dem ganzen Unsinn ein: man darf selbstverständlich nicht vergessen, dass in japan Humor komplett anders funktioniert, als bei uns und gerade die Leute, die da mitgearbeitet haben, nochmal einen recht speziellen zu haben scheinen.

  • cule0809

    Also ich habe den Film irgendwann abbrechen müssen. Mir wurde es dann echt zu viel. Bin nun auf den Podcast gespannt, den ich heute im Park hören werde :)

    Habe kürzlich auch wieder einmal Mad Max gesehen und freue mich daher auch schon auf diese Besprechung hehe und auf den neuen Kinofilm bin ich ebenfalls gespannt.

    • SecondUnitTamino

      Das klingt doch so, als würden wir uns hier einig sein ;-) Hab mir auch gewünscht, den abzubrechen, aber ich drufte nicht.

      • Michael M.

        Mit Mad Max wirst du mehr Spaß haben, versprochen. ;) Habt ihr eigentlich nur den ersten Teil noch nicht gesehen, oder die anderen auch nicht? Denn der große Knüller ist ja der zweite.

        • SecondUnitTamino

          Ich kenn alle und mochte den ersten schon immer am liebsten.

    • cule0809

      Zur Strafe musste Christian ja das Getränk trinken. Wenn er wieder in Leipzig ist wird er es wohl wieder trinken müssen. Ich werde dich rächen!

  • Familienpapa

    Ich wollte gerade noch etwas zum Thema Japan schreiben. Aber das hat ja schon Michael M. übernommen. Ergänzend möchte ich nur eine Frage beantworten, die irgendwann in der Mitte von Tamino gestellt wurde: “Auf der einen Seite das Stoische und dann aber wieder das völlig Abgedrehte. Wie passt das zusammen?” So oder so ähnlich war die Frage. Und die Antwort liegt doch völlig auf der Hand: Es passt sehr gut zusammen. Stelle dir einfach ein sehr hohes und starres Gebäude vor (also die kulturelle und disziplinierte Seite der Kultur). Irgendwo muss der Druck doch entweichen. Ein kleiner Knackser reicht. Eben gerade weil kulturell bedingt so viele Dinge verpönt sind und man sich an einen strikten Verhaltenskodex halten muss, möchte man danach um so stärker ausbrechen und davon abweichen, für kurze Zeit zumindest. Das liegt einfach in der Natur des Menschen. Und dass sie den Westen nachahmen, ist auch nicht verwunderlich. Schließlich besitzt dieses Volk einen großen Stolz und Ehrgeiz und möchte international konkurrieren. Dass sie dann kopieren und versuchen, ihre Mitvölker noch zu übertreffen, ist eigentlich eine logische Konsequenz. Im Prinzip entsteht so eine fleischgewordene und lebhafte Karikatur westlicher Lebensarten und das führt natürlich zu sehr witzigen Ergebnissen. Höchst absurde Game Shows, zum Beispiel. Ich habe mich in “Lost in Translation” schief gelacht, als Murray in der TV Show aufgetreten ist.

    Und noch kurz an Christian: Ja, Mathematik kann nicht falsch sein. Aber die Aussage 3+3=6 ist auch nicht allgemein wahr. Im Körper F_4 beispielsweise ist 3+3=2. Und bevor du fragst: Ja, es hat Anwendungszwecke und auch einen Sinn, einen solchen Körper algebraisch zu definieren, besonders für die Informatik ;)
    Ansonsten eine schöne Episode, ich lauschte gern.

    • SecondUnitTamino

      Schön, das dir mein Ge-rante gefallen hat.^^ Deine Aussagen in Bezug zum Ausbrechenwollen in Japan klingen logisch.

      Über das Mathebeispiel hätte ich gerne noch mehr in der Folge geredet, aber das wäre sonst wohl etwas zu sehr off-topic gewesen. Du scheinst da ja durchaus bewandert zu sein, also hier noch ein paar Gedanken dazu.

      Ich hab zwar keinen Plan von Mathe, da ich Philosophie studiere, also quasi von allem und gar nichts eine Ahnung habe, aber in Bezug auf die Frage ob man Filme “falsch” gucken kann würde ich genau so sagen, dass man auch in Mathe alles und nichts als falsch bezeichnen kann. Was ist denn Mathematik? Ein Katalog von Regeln und Definitionen, auf die sich die Menschheit / eine Gruppe von Menschen / “man” geeinigt hat. Wenn ich jetzt behaupte, dass für mich eine Wurzel das Quadrat einer Zahl ist, dann würde ich das als genauso falsch bezeichnen wie wenn jemand meint, einen Lynch-Film könne man in der gleichen Weise gucken wie Star Wars. In beiden Fällen lässt sich allerdings letztendlich in keinster Weise die Aussage wirklich als falsch bezeichnen, da die Argumentationskette immer irgendwann an einen Punkt gelangt, an dem eine willkürliche Festlegung steht, die man teilen kann oder nicht. Die Qualitäten dieser Festlegungen lassen sich meiner Meinung nach nur anhand ihrer Praktikabilität bewerten. Mathematik funktioniert so wie sie ist, also sollte man sich an ihre Regeln halten und sie nicht falsch benutzen. Aber wenn ich jetzt daherkomme und für mich einfach alle Regeln neu definiere, kann mich kein Mathematiker widerlegen. Er bräuchte dazu etwas wie die “Zehn Gebote der Mathematik”, die damit einen göttlichen Geltunsanspruch hätten und keine bloßen definitorischen Festlegungen sind.

      So möchte ich “falsch” allerdings gar nicht benutzen, da dann wirklich nichts mehr als falsch bezeichnet werden könnte. Ich will daher auf eine sinnvolle Benutzung des Wortes im Sinne des Common Sense und in Hinsicht auf einen produktiven Diskurs hinaus.

      Bei einem Film ist das offensichtlicherweise nicht ganz so einfach, aber ich behaupte, dass man einen Film falsch – in jedem sinnvollen Sinne dieses Begriffs – geguckt hat, wenn man ihn aus vollkommen unsinnigen Gründen nicht mag bzw. ihn nicht in Hinsicht auf seine Intention geschaut hat. Man hat einen Film falsch geschaut, wenn man ihm keine angemessene Chance gegeben hat, sein intendiertes Potenzial zu verwirklichen. Wenn man dies dann bei einer erneuten Sichtung tut, muss das nicht zwangsläufig heißen, dass er einem dann besser gefällt, aber erst dann würde ich ein Urteil überhaupt als berechtigt ansehen. Sich vor BLADE RUNNER zu setzen, nicht richtig aufzupassen und am besten noch zwischendurch im Internet surfen und dann zu sagen, der Film habe zu wenig Action ist für mich inetwa so, wie mit einer Kettensäge einen Nagel in die Wand hauen zu wollen und danach bei amazon einen negativen Testbericht für die Säge zu schreiben, da dies ja nicht funktioniert habe. Man darf BLADE RUNNER gerne für seine fehlende Action kritisieren, aber dann bitte nur in Hinsicht auf eine persönliche Präferenz und nicht in einem als produktiv gedachten Filmdiskurs. Also dann im typischen Sinne: “der Film ist nichts für mich” und nicht als “der Film funktioniert nicht”.

      Verschiedene Filme haben für mich genau wie andere Dinge im Leben verschiedene Motive und Funktionsweisen. Wenn man sich nicht dafür interessiert, wie ein spezieller Film operieren soll und ihn deswegen wirklich und wahrhaftig nicht verstanden hat, dann hat man ihn für meinen Geschmack falsch geschaut. Im gleichen Sinne wie es falsch ist, eine Wurzel als Quadrat zu bezeichnen. Was sagst du als Mathematiker / Informatiker dazu? :-)

      • Familienpapa

        Hi Tamino,

        interessante Frage. Ich sehe das aber leider genau so wie du, also werden wir hier nicht argumentieren können.Mathematik funktioniert anders als alle “üblichen” Naturwissenschaften. Sie ist ein vollkommen geistiges Konstrukt und hängt nicht von einer Substanz ab. Biologie, Chemi, Physik, etc. sind Wissenchaften, die beobachten und beschreiben, also eine “Welt” brauchen. Man kann aber letztlich keinen Beweis für die Gültigkeit einer Formel bringen, egal wie oft man ein Experiment wiederholt. Schließlich hat man nach Newton noch etwa 200 Jahre an der klassischen Physik festgehalten, da man keine Abweichungen messen konnte. Dass man (Einstein) irgendwann feststellt, dass diese Formeln alle nicht stimmen und nur in geeigneten Systemen (genauer: Systeme, die verglichen mit der Vakuum-Lichtgeschwindigkeit selbst kaum eine Geschwindigkeit besitzen) brauchbare Näherungen liefern. Das gibt natürlich Anlass zur Vermutung, dass solche Löcher vermehrt und vor allem überall in allen Wissenschaften versteckt sind. Selbst die Quantenphysik behauptet von sich nur, die “momentan passendste und mit allen Messergebnissen zufriedenstellendste” Theorie zu sein. Man kann das alles nun als falsch bezeichnen, solange es sich nicht beweisen lässt. Da sich das aber vermutlich nie beweisen lassen wird, ist das keine schlaue Herangehensweise.

        Nunja, zurück zum eigentlichen Thema: Man sollte Begriffe wie falsch oder richtig hier anders benutzen. Franz Liszt benutzte in seinen Stücken Akkorde, die allgemein als für das menschliche Ohr unharmonisch gelten. Ein Gemälde von Monet kann auch nicht falsch sein, wenn der Mond ein wenig oval geraden ist. Es ist doch schlicht ein Abbild eines Objekts vor seinem inneren Auge. Und nicht anders verhält es sich mit der Mathematik. Man beginnt mit einem axiomatischen System. Ich fordere die Eigenschaften a,b,c,d,… und daraus spinnt sich sofort ein Faden der Logik weiter, der nur noch richtige Folgerungen liefert (oder falsche, wenn man von dem, was man tut, nicht viel versteht. haha). Insofern können Aussagen wie ‘Falsch’ oder ‘Richtig’ nur für Folgerungen getroffen werden, nicht aber für die gesamte Mathematik.

        Aber wie du schon richtig erkannt hast, lässt sich dieser Faden immer zu seinem Ausgangspunkt zurückverfolgen und damit zu einem Punkt gewisser Willkür. Du könntest freilich eine Tamino’sche Wurzel definieren, die den Elementen a und-a jeweils das Element a² zuordnet. Weniger sinnvoll ist das nicht, alle bekannten Operationen bleiben doch erhalten, nur in der Notation ist das ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Wie sagt man so schön, Namen sind Schall und Rauch. Deswegen fängt man in den ersten Stunden des Mathematikstudiums auch damit an, eine binäre Verknüpfung * auf einer Menge zu definieren (auch bekannt als “Multiplikation”), um damit anschließend zu beweisen, dass 1*0=0 ist. Das ist nämlich nicht selbstverständlich und braucht schon eine ganze Menge Axiome. Ich habe auch ganz schön die Augen aufgerissen, als ich gesehen habe, wie man dort einen Vektor einführt. Die Schule brennt einem ein, dass es ein simpler Pfeil wäre, der eine Länge und eine Richtung hat. In der Mathematik ist er indessen einfach nur ein Element eines Vektorraums und kann somit auch eine Funktion, eine Matrix oder ein Polynom sein. Und ja, das heißt, man kann Winkel zwischen Polynomen ausrechnen. Auch wenn das eigentlich jedem Verstand widerspricht und bei mir damals für ordentlich Kopfschmerzen gesorgt hat.
        Am Ende bleibt für den (im Allgemeinen) faulen Menschen natürlich nur die Frage nach der Pragmatik. Da das Addieren und Multiplizieren in unserer dreidimensionalen Welt (zumindest erfahren wir momentan nur diesen Ausschnitt) ein sehr nützliches Werkzeug ist, orientiert sich die Mathematik natürlich daran und möchte Ergebnisse zu Tage fördern, die Physikern und anderen Wissenschaftlern zu Hilfe kommt. Ohne das gesamte Tensorkalkül hätte Einstein seine Theorien nicht entwickeln können. Allzu abgekoppelt von diesem praktischen Kontext, also als rein theoretische Geisteswissenschaft, sollte man sie eigentlich “Logik” nennen, nur hätte sie dann keinerlei Nutzen abgesehen von einem Gehirntraining. Insofern würde ich es nicht als falsch deklarieren, wenn jemand eine Wurzel als Quadrat bezeichnet. Es wäre wahrscheinlich einfach ein bisschen sinnlos rebellisch und wenn er dann später in die Forschungswelt eintritt, muss er den gemeinsamen Nenner, auf den man sich geeinigt hat, früher oder später ohnehin annehmen. Ein bisschen rebellieren gehört aber immer dazu! ;) Planck haben sie auch alle ausgelacht, als er postulierte, Energie existiere nur in diskreten Portionen und hat kein kontinuierliches Spektrum. Heute eigentlich ein klarer Gedanke, genau wie man “weiß”, dass ein Wasservolumen auch nur ein ganzzahliges Vielfaches des Volumens eines Wassermoleküls sein kann und somit nicht jeden beliebigen Wert annehmen kann.

        Aber ich schweife schon wieder ab, dieses Prinzip nun auf Filme zu übertragen, klingt wirklich nach einem irrwitzigen Unterfangen. Ich verstehe dein Argument und würde meins vielleicht so formulieren: Jeder Mensch hat beim Schauen eines Filmes eine gewisse Haltung. Genau wie aber auch jeder Film eine Art Haltung besitzt. Wenn ich gerade vom Sport komme, noch außer Atem bin und mit Gedanken bei der Planung des nächsen Tages stecke, ist es nicht sinnvoll, mich mit einem tiefgreifenden Thema zu beschäftigen, das meine volle Aufmerksamkeit verlangt/verdient, wie es bei erwähntem Blade Runner der Fall ist. Lustlosigkeit oder Desinteresse (also das, was du mit “nebenbei im Internet surfen” meintest) sind für mich also in diesem Sinne auch eine Haltung. Deshalb würde ich sagen, dass man einen Film falsch schauen kann. Und zwar genau dann, wenn diese beiden Haltungen nicht kompatibel sind. Manchmal weiß man das vorher nicht, aber man sollte genügend Vernunft besitzen und die Sichtung vertagen, wenn das Gefühl aufkommt. Ich schraube ja auch keine 60 W Glühbirne in eine 40 W Fassung. Gehen tut das schon irgendwie, ich kann aber auch einfach warten, bis ich die passende Birne habe. Ich denke, du weißt, worauf ich hinaus will.

        Achja, mich stört es zumindest nicht, wenn ihr in euren Folgen mehr über Mathematik philosophiert! :) Dafür gerne 10 Minuten mehr. Ein sehr verhasstes Gebiet, aber völlig zu Unrecht. Bietet es doch so viel Schönheit, Harmonie und Ästhetik. Aber ich verstehe natürlich, dass diese Meinung nicht oft vertreten wird.

        Grüße

  • Oliver

    Daumen hoch für den lebensbejahenden Scheiß.

  • LiteratUrwaldschrat

    Ich musste so lachen Christian,
    “falsch gucken/Toaster”

    kam so unerwartet..
    danke euch beiden für die echt gelungene Audio- Choreographie (Sendung).

    Vielleicht mögt Ihr im Sommer “auf” der LiteratUrwaldbühne auftreten?
    Ihr könntet einen Urwald- Podcast…

    Ich baue hier noch an der In& Outdoor Lesebühne im Nationalpark Jasmund auf Rügen.

    Als Gage kann ich allerdings nur Urlaub im Ferienhaus anbieten,
    85qm, getrennte Schlafzimmer, Wohnzimmer, Küche, Duschbad,
    kleiner Garten.

    Vögel beobachten:
    Kranich,
    Adler,

    Milan,
    ..Wlan

    überall im Haus.

    (Die Vögel nicht)

    Das “Haus Landruh Ensemble” zieht ~

    den imaginären Federhut.

    Wenn jemand Filme wirklich sieht~
    für den ist Second Unit gut.

    PS Parole: Currywurstboot = 1 Espresso oder

    ..Dr Pepper Gratis ( 8;