Second Unit #144 (Birdman)

Weiter geht es mit unserer Suche nach dem “Besten Film aller Zeiten”. Diese Woche nehmen wir uns einen brandneuen Oscar-Anwärter zur Brust. Birdman (Amazon-Link*) verzaubert uns. 

Zu Beginn gibt es (wie immer) ein paar kleine Ankündigungen. Wir sagen Danke an das Rüsselschwein für die DVD-Einsendung sowie an euch alle für die Flattr-Spenden der letzten Woche. Die ersten Antworten zu unserem Kettenbrief trudeln mittlerweile bei Spätfilm und Enough Talk! ein. Auch dafür vielen Dank!

Es gibt außerdem ein wenig Eigenwerbung für weitere Podcasts. Tamino und ich haben neulich mal wieder über Star Wars spekuliert. Gibt es drüben bei SoundCloud. Zu guter Letzt war ich neulich bei PlayTogether zu Gast und hab ausgiebig über Fallout 3 geschwärmt.

Tamino hat uns eine Vanilla Coke zur Verköstigung mitgebracht.

[YouTube Direktlink]

Alejandro González Iñárritu hat das Drehbuch geschrieben und die Regie geführt. Der Film lebt aber vor allem durch den Cast und die entsprechenden schauspielerischen Leistungen: Michael Keaton als Riggan, Emma Stone als Sam, Zach Galifianakis als Jake, Naomi Watts als Lesley und Edward Norton als Mike überzeugen alle und ohne Ausnahme.

Unser Lob ist zwar erwartbar, aber völlig berechtigt. Die Besetzung, die Kamera-Arbeit, die Musik und besonders die Zeigefinger Richtung Publikum, Kritiker und Superhelden-Genre sind reiner Zucker. Wir finden aber auch ein paar kleine Kritikpunkte, sind grundsätzlich aber im Birdman-Fanclub zu finden.

Zum Schluss ordnen wir die Oscar-Verleihungen in unseren größeren “Bester Film aller Zeiten”-Diskurs ein. Kann der Oscar ein Indiz für sowas sein? Oder müssen sich echte Meilensteine erst über Jahrzehnte entwickeln? Sind die Oscar-Verleihungen vielleicht auch einfach zu schnelllebig und zu beliebig, um als echte Qualitäts-Urteile zu gelten?

Nächste Woche widmen wir uns dem neuen “Besten Film aller Zeiten” Vertigo (Amazon-Link*). Zumindest, wenn man nach der Sight & Sound geht.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

[Download | Länge: 2:03:51 | Größe: 59,7 MB | @2nd_Unit | Facebook.com/SecondUnit | iTunes]

[Teaser-Bild: by molrak]

*Amazon-Partner-Links: Über diese Links gekaufte Artikel werfen einen kleinen Obolus für uns ab. Für euch ändert sich nichts, schon gar nicht der Kaufpreis. Wir bedanken uns im Namen unserer Kaffee-Kasse.

  • SGKLX

    Mir war gar nicht bewusst, dass THE DARK KNIGHT RISES teil der Second Unit Filmverschwörung ist. Danke für den Hinweis, ist in den Kanon mit aufgenommen.

    • http://www.secondunit-podcast.de/ Christian

      Walter Mitty, The Dark Knight Rises, Eternal Sunshine of the Spotless Mind, Birdman. Da gehören sicherlich noch mehr dazu. Mullholland Drive auch, oder?

      • SecondUnitTamino

        TAXI DRIVER nicht vergessen!

  • Oliver

    Die Kritik an dem verpufften Ende kann ich in gewisser Weise nachvollziehen. Trotzdem macht auch das zweite Ende für mich Sinn. Riggan ist für mich einfach psychotisch. Sein Schwebezustand am Anfang, die ständige Birdman Stimme in seinem Kopf, die Szene mit der verwüsteten Garderobe sehe ich als Halluzinationen. Sein Freitod bringt diese psychische Störung bei seiner Tochter, die nach angedeutetem Drogenentzug schon vorgeschädigt erscheint, endgültig zum Ausbruch. Für mich keineswegs ein Happy End.

    • SecondUnitTamino

      Durchaus interessante Sichtweise. Hatte ich vor allem aufgrund der schmalzigen Musik am Ende aber nicht so empfunden. Müsste ich dann irgendwann beim zweiten Anschauen nochmal drauf achten.

    • http://www.secondunit-podcast.de/ Christian

      Gefällt mir sehr gut! Macht Sinn :)

  • Heisenberg

    Der Film funktioniert sehr sehr gut auf Deutsch. Er ist astrein synchronisiert
    Ich habe auch mal kurz in die englische Fassung reingeguckt und da ist nicht so der große Unterschied und man muss schon sehr gut englisch können um alles mitzukriegen, da der Film und die Dialoge ja auch ein Wahnsinnstempo haben. Deshalb: absolute Empfehlung für die deutsche Fassung.

    Und ich glaube, dass man den Film unbedingt im Kino gucken muss. Er hat so eine unglaublich virtuose visuelle Kraft, die kommt nur auf der großen Leinwand richtig rüber. Und es gibt doch nichts schöneres als nach einem Film völlig beschwingt aus dem Kino zu kommen und euphorisiert durch die Stadt zu laufen. (So ging es zumindest mir bei BIrdman)

    Interessante Interpretation des Endes habt ihr da.
    Ich sah das anders, für mich sieht seine Tochter zu ihm auf, und nicht zu Vögeln. Die dritte Theorie die ihr auch erwähnt habt, ist für mich auch nicht so abwegig. Aber das beste Ende wäre definitiv der Cut nach dem Applaus gewesen.
    Das ist auch mein größter Kritikpunkt. Deshalb muss ich 0,5 Bewertungspunkte abziehen und gebe nur 9,5 von 10.

    Zu Emma Stone hatte ich auch nie eine besondere Beziehung, aber in diesem Film war sie absolut grandios. Wirklich einmalig. Ich denke ihr Casting hängt stark mit ihrer Rolle in Spider-Man zusammen.

    Die Oscars sind auf jeden Fall nur eine kurzfristige Bestandsaufnahme.
    Das muss sich schon immer noch etwas entwickeln. Bei Birdman könnte ich mir vorstellen, dass der sich in der Filmgeschichte festsetzen wird. Aber wer spricht z.B. heute noch über ARGO, der vor 2 Jahren gewonnen hat? Das ist kein Film für die Ewigkeit.
    Ich finds aber trotzdem immer wieder spannend. Meine Wahl dieses Jahr wäre auf jeden Fall Birdman.
    Der sticht für mich sowas von deutlich heraus. Vor zwei Wochen habe ich THE IMITATION GAME gesehen … guter Film, aber ich habe schon fast wieder alles vergessen. Heute habe ich Foxcatcher gesehen. Absolut grausam. Boyhood war gut, aber sticht nicht heraus. Die ernsthafteste Konkurrenz ist wahrscheinlich Grand Budapest Hotel, der ist ähnlich originär wie Birdman. American Sniper, Selma und Whiplash habe ich noch nicht gesehen, der Inhalt der Filme an sich ist aber auch erstmal relativ Standard. Mal sehen.

    Das Hauptthema des Films war für mich die „Schauspielkunst“ an sich. Und da haben auch die von Tamino erwähnten Szenen gut reingespielt. Der Kuss zwischen den beiden Darstellerinnen, war die totale Überhöhung und Verarschung solcher Szenen, wenn die Schauspielkunst eben keine Kunst mehr sondern nur ins Overacting abgleitet. In die gleiche Kategorie fielen für mich der Dialog zwischen der Tochter und Edward Norton vor ihrem Kuss auf dem Dach und der Monolog von Emma Stone vor ihrem Vater. Danach hält sie kurz inne und ist selbst kurz schockiert. In ihrer Rolle ist sie schockiert über das was sie ihrem Vater an den Kopf geworfen hat, in der Metarolle aber sie selbst als Schauspielerin über ihrer Overacting das sie zuvor gebracht hat.

  • Gormenghast

    Oh Mann Christian, du hast ja so recht.

    Es gab einmal eine Zeit als man in Plattengeschäften in die Neuerscheinungen reinhören konnte. Ungefähr 20 Stationen mit Kopfhörern und CDs bestückt konnten manuel bedient werden, so daß man sich durch die einzelnen Stücke durchklicken konnte.
    In dieser Phase habe ich mir die schlechteste Musik meines Lebens gekauft, weil ich viel zu sehr auf den Ohrwurm herein gefallen bin, anstatt auf Substanz zu achten.
    Am Schlimmsten war es allerdings, dass ich Meisterwerke die eine längere Hörspanne benötigten von meiner Liste gestrichen hatte, frei nach dem Motto: “Kickt ein Song nicht in den ersten Sekunden skippe ich weiter”. Ich darf gar nicht daran denken was mir alles entgangen ist, o je…

    Zu eurer Diskussion über die geringe Halbwertszeit zu moderneren Filmen habt ihr ja nächste Woche genau den richtigen Mann ausgewählt.
    Ich muss aus dem Gedächtnis zitieren, deshalb keine Garantie auf Exaktheit; aber Hitchcock wurde mal gefragt, was einen Film bei dem Zuschauer langlebig macht, und er antwortete: “Gib ihm in jedem Film mindestens eine Szene, die er nicht vergessen kann, weil er sie noch nie zuvor gesehen hat. Den Rest des Filmes vergisst der sowieso.”

    Und seht mal:

    PSYCHO: Duschszene
    NORTH BY NORTHWEST: Cary Grant auf offenem Feld wird vom Flugzeug gejagt
    THE BIRDS: Tippi Hedren wartet auf dem Spielplatz auf den Schulschluss; ein Vogel setzt sich in den Baum, ein zweiter kommt dazu; die Kamera zeigt einen dritten beim Anflug und dann….
    THE MAN WHO KNEW TOO MUCH: das Konzert !!!!
    VERTIGO: die Kamera, die die Höhenangst demonstriert
    REAR WINDOW: dieser Hinterhof
    etc…etc….

    Wäre ganz schön, wenn sich ein paar Regisseure daran halten würden, oder?

    PS:
    Der Trailer von BIRDMAN flasht!
    Wird demnächst geguckt!!

    • Familienpapa

    • Familienpapa

      Ups. Sollte eigentlich an die Person unter dir gehen!

  • http://cinecouch.net/ Jan

    Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich mich dem vielen Lob über den Film nicht anschließen kann. Die Kamerafahrten sind gut gemacht, aber nicht herausragend. Die Schnitte sind meist arg auffällig (zumindest wurde ich immer wieder darauf gestoßen) und die Morphing-Geschichten auch schon ein ziemlich alter Hut. Wundert mich tatsächlich, dass für euch BIRDMAN visuell offensichtlich etwas ganz neues war (Dabei funktioniert GRAVITY visuell häufig ja genauso und meiner Meinung nach besser).
    Viel mehr stört mich aber an dem One-Take, dass er so unfassbar unmotiviert daherkommt. Warum wählt denn ein Regisseur diese Art der Inszenierung? Das ist mir zu keinem Zeitpunkt klar geworden und wirkt auf mich dementsprechend prätentiös. Wenn euch das aber gefällt, empfehle ich euch an dieser Stelle mal STAY von Marc Forster. Der ist von der Art des Schnitts ganz ähnlich und bindet diese Inszenierung deutlich besser ein – wobei der Film an anderen Stellen krankt.

    Zur (etwas zu) langen Diskussion um die Oscars: Für mich sind die Auszeichnungen auch kein Gradmesser für Qualität, wobei die Best Pictures in der Regel keine Zeitverschwendung sind, selten aber die wirklich besten Filme des Jahres (aber das ist ohnehin arg subjektiv). In der Academy sitzen übrigens keine Kritiker, selbst ein Roger Ebert konnte nie über die Gewinner der Oscars mitentscheiden.

    • http://www.secondunit-podcast.de/ Christian

      Passt für mich wunderbar, weil es um ein Theater-Stück geht und das Theater keine Schnitte kennt. Außerdem ist es hier viel kunstvoller als bei Gravity, weil der Film zum Großteil aus dem Computer kommt und daher Long-Takes keine Leistung sind ;-P

      • http://cinecouch.net/ Jan

        Das Argument kam bei unserer Diskussion auch schon und ich finde, das trifft nicht so ganz den Punkt. Das Theater kennt meiner Meinung nach sehr wohl Schnitte, am deutlichsten durch den Vorhang. ;)
        Problematisch finde ich ja eher, dass viele Morphings und Übergänge im Film ja nur Schnitte ersetzen (Zeitraffer vom Himmel – warum nicht einfach einen Schnitt zum nächsten Morgen?) Toll gemacht ist die Kameraarbeit natürlich trotzdem – und selbst bei GRAVITY sollte man das nicht unterschätzen, da war ja immerhin auch eine Kamera im Einsatz :P

        • SecondUnitTamino

          Für mich geht’s bei der Diskussion eigentlich auch weniger um das Theatermotiv, sondern hauptsächlich darum, dass ich am liebsten fast jeden Film so oder so ähnlich inszeniert hätte wie BIRDMAN. “Warum nicht ein Schnitt zum nächsten Morgen?” Meine Gegenfrage: Warum nicht ein Morphing zum nächsten Morgen? Auch wenn man prinzipiell einen Schnitt machen könnte, warum wäre denn ein Schnitt besser? Weil es 99% aller Filme so machen und man sich daran gewöhnt hat? Genau das verstehe ich an dieser Kritik einfach nicht. Auch wenn es nicht unbedingt sein muss, was genau ist denn SCHLECHT daran, auf Schnitte zu verzichten?

          Für mich war Schnitt schon immer etwas Unreines und ich freue mich jedes Mal, wenn Filme mit wenigen Schnitten arbeiten. Ich empfinde Schnitte meist als mehr oder weniger unangenehm anzuschauen und wenn ich selbst Filme machen würde, dann würde ich sie daher enorm spärlich verwenden. Natürlich heißt das nicht, dass nicht auch gute Schnitte in Filmen verwendet werden, aber ich persönlich habe lieber die guten Longtakes statt der guten Schnitte. Mir gefällt vor allem der Fluss, der durch den Anschein des Longtakes entsteht. Die Kamera bewegt sich harmonisch durch die Szenerie und ändert nicht sprunghaft die Perspektive wie bei einem Schnitt.

          Bei GRAVITY hatte ich im Übrigen nichts gegen die Longtakes, sondern nur gegen das, was sie zeigen: belanglose Charaktere und belanglose Action. Die ersten zehn Minuten im Weltall fand ich auch echt toll anzuschauen, nur danach hat mich der Film mehr und mehr verloren, weil halt nur noch unglaubwürdige und öde 0815-Action zelebriert wird. CHILDREN OF MEN wäre daher vielleicht ein besserer Vergleich, dessen zwei sehr langen Takes zu den tollsten überhaupt gehören, auch wenn sie ebenfalls versteckte Schnitte haben. Der Film hat auch insgesamt äußerst wenige Schnitte und viele kleinere Longtakes. Für meinen Geschmack könnten die meisten Filme so aussehen. Ich bin der letzte, der sich in irgendeinem Film mehr Schnitte wünschen würde.

          Ich verstehe auch nicht, wieso eine solche Art der Inszenierung anscheinend auf manche Leute pretentiös wirkt. Wirft man dann auch Aronofsky in REQUIEM FOR A DREAM vor, dass er da im Gegenteil zu prententiös schneide? Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass ich vor einem Film sitze, der einen neuen oder zumindest ungewöhnlicheren visuellen Stil hat, und ich dann geistig meine Arme verschränke und mir denke “pff, im Film sind kaum Schnitte, der Regisseur will doch nur krampfhaft was anderes machen, Hassfilm!” Findest du denn echt, dass der visuelle Stil des Films ÜBERHAUPT KEINEN Sinn macht und jener nur so inszeniert wurde, weil er anders aussehen soll als andere Filme? Es muss einen ja nicht begeistern, aber dem Film im Grunde hauptsächlich vorzuwerfen, dass er anders gefilmt ist, macht für mich keinen Sinn.

          STAY habe ich übrigens vor Ewigkeiten mal gesehen und kann mich kaum noch dran erinnern. Hatte mir nicht sonderlich gefallen, war mir alles zu wirr und stellenweise trotz interessanter Auflösung irgendwie zu random und sinnlos am Ende. Gucke ich mir vielleicht irgendwann noch einmal an, wenn du sagst, dass der Film visuell auch was zu bieten hat, daran kann ich mich nämlich ebenfalls nicht erinnern.

          • http://cinecouch.net/ Jan

            Ich halte den Schnitt generell für wahrscheinlich das beste Stilmittel, dass Filme überhaupt einsetzen können. Was nicht bedeutet, dass Filme ohne oder mit wenigen Schnitten deswegen nicht gut wären – denn auch die nutzen ja (idealerweise) den Schnitt durch Verzicht aus einem bestimmten Grund. In BIRDMAN fehlt mir der Grund, die Schnitte so zu vertuschen, dass der Eindruck eines durchgehenden One-Takes entsteht. Inarritu hat mir zu keiner Sekunde im Film eine Idee davon geben können, weshalb er den Film so inszeniert. Mag sein, dass ich was verpasst habe oder etwas nicht verstehe (glaube ich aber nicht) – daher wirkt der One-Take auf mich prätentiös. Und letztlich sagen viele über den Film, wie toll er gemacht ist (stimmt ja auch) durch die Kameraarbeit. Aber für mich steht die Inszenierung komplett neben dem, was der Film ansonsten tut: Die Geschichte eines Schauspielers erzählen, der nach Beachtung und Bewunderung strebt.

            REQUIEM FOR A DREAM würde ich durch seine Montage-Sequenzen übrigens niemals einen ähnlichen Vorwurf machen. Aronofsky nutzt den Schnitt, um die Abhängigkeit seiner Figuren abzubilden, Schemata darzustellen und damit einen gewissen Sog zu entwickeln. Insofern ein sehr gutes Beispiel: Hier gehen Inszenierung und Inhalt nämlich Hand in Hand, bedingen einander und ergänzen sich.

            Im Übrigen hasse ich BIRDMAN auch nicht, halte ihn aber für weder einen besonders herausragenden Film, noch für einen, der etwas grundlegend Neues macht (aber mal ehrlich, welcher Film schafft sowas heutzutage schon?). Und ich habe mich auch sehr auf den Film gefreut und habe seit der Sichtung immer weniger Positives über ihn zu sagen. Die Idee des One-Takes finde ich nach wie vor super, ich sehe sehr gerne Plansequenzen in Filmen, CHILDREN OF MEN sticht da ja sehr heraus, nutzt die Longtakes aber eben auch gezielt, um unmittelbar am Geschehen teilhaben zu lassen, die Kamera wird sehr präsent und zu einer eigenen Figur. In ATONEMENT gibt es die wundervolle Szene am Strand, in der die Kamera den ankommenden Soldaten folgt und das Geschehen einfängt und ganz für sich steht.

            Um deine zentrale Frage zu beantworten: Das visuelle Konzept von BIRDMAN gefällt mir nur im Ansatz, die Ausführung leuchtet mir aber nicht ein.

            Und um noch einen Satz zu STAY zu sagen: Bis auf das visuelle Konzept hat der Film auch nichts zu bieten, aber dafür lohnt sich der Film schon ;)

          • SecondUnitTamino

            Ich hör mir gerade euren Podcast an und man kann deine Begeisterung für den Film echt in jedem Satz spüren^^

            Ich geb dir auch Recht, dass in COM die Longtakes eine noch viel beeindruckendere Wirkung haben als bei BIRDMAN, aber dennoch würde ich bei Letzterem auch sagen, dass sie das Gefühl der Involviertheit des Zuschauers in diesen kleinen Kreis der Theatergruppe verstärken. Viel mehr Konzept muss für mich da auch nicht sein, da ich wie gesagt auch ohne großartigen Sinn dahinter Longtakes einfach immer gierig verschlinge. Für mich muss man eher einen Schnitt begründen.

            Ich glaube wir unterscheiden uns darin, dass du den Schnitt quasi als die “primäre Daseinsform” des Films ansiehst und ich das Longtake. Für mich weicht gefühlsmäßig jeder Film mit einem Schnitt von seiner Reinform ab. Das kann er auf gute (CLOUD ATLAS) oder auf schlechte (BOUNRE Filme) Weise tun, aber auf einem emotionalen Level werden mich Sequenzen ohne oder mit wenigen Schnitten immer mehr berühren oder beeindrucken. Diese Szene aus DONNIE DARKO, die ich auch im dazugehörigen Podcast so gelobt habe, könnte ich mir wirklich den ganzen Tag angucken.

            https://www.youtube.com/watch?v=qsyfGwlf_l0

          • http://www.enoughtalk.de jacker

            “Was nicht bedeutet, dass Filme ohne oder mit wenigen Schnitten deswegen
            nicht gut wären – denn auch die nutzen ja (idealerweise) den Schnitt
            durch Verzicht aus einem bestimmten Grund. In BIRDMAN fehlt mir der
            Grund, die Schnitte so zu vertuschen, dass der Eindruck eines
            durchgehenden One-Takes entsteht.” In einer Szene wird keaton gefragt, ob es ihm gut ginge. Er sagt was inder Art von “ich bin völlig fertig, ich schlafe nicht mehr, …”. DAS ist der Grund. Ein Schnitt markiert ja häufig eine Auslassung – durch die Illusion der vollkommenen Kontinuität existieren diese Auslassungen nicht mehr. Es gibt keine Ruhepausen mehr. Das Leben ist nur noch ein stetiger Drift von Moment zu Moment. Durch den weirden Jazz-Drum-Soundtrack wird dieses gefühl der Fiebrigkeit noch verstärkt. Einzig, dass der Film bei den zwei Himmelperspektiven den Zeitraffer nutzt, anstatt völlig ohne Bezug zur vergangenen Zeit von Szene zu Szene zu schweben, ist schade, weil es eigentlich mit der Machart und (meiner Auffassung der) Intention bricht.

    • Familienpapa

      Ich finde eigentlich, dass der Regisseur sehr wohl deutlich macht, warum er seinen Film ‘schnittlos’ dreht. Es geht schließlich um einen gescheiterten Schauspieler, der es nochmal wissen will und sein Glück am Broadway versucht. Diesen hektischen, schnelllebigen und stressigen Lebensstil, der an dieser Theaterinstanz stattfindet, unterbewusst in einem Film mit zu transportieren, ist gar nicht mal so einfach. Dadurch, dass nie ein Schnitt stattfindet und man ständig von Geschehen in Geschehen rutscht, entsteht beim Zuschauer ein ähnlich stressiges Gefühl. Man kommt, dem Protagonisten gleich, nie zur Ruhe. Hier ein unkontrollierbarer Schauspieler, dort Stress mit der Tochter, dann die Konfrontation mit der Kritikerin, dann die nächste Bühnenaufführung. Der Film schläft nie. Nichtmal in der Nacht. Das ganze wird dann noch vom omnipräsenten und nervösen Jazz Gedrumme unterstützt. Ich hatte wirklich das Gefühl, während des Films seien mir dutzende graue Haare gewachsen und ich wäre geistig etwa 10 Jahre gealtert.
      Bei mir hat das leider letztendlich dazu geführt, dass mich der Film sehr genervt hat und ich einfach wollte, dass er vorbei ist. Also ist Inarritu wahrscheinlich genau das gelungen, was er beabsichtigt hatte. Meinen Respekt dafür hat er, aber ich werde mir seinen Film definitiv kein zweites mal mehr anschauen.

      • http://cinecouch.net/ Jan

        Interessanter Ansatz, der mir teilweise auch einleuchtet und nachvollziehbar erscheint. Das von dir beschriebene Gefühl hat sich bei mir jedoch nicht eingeschlichen, insofern wäre Inarritu dann wohl bei mir gescheitert. Ich empfand den Film nämlich nicht als ruhelos, auch wenn die Kamera nahezu unablässig in Bewegung war. Es kam bei mir auch nicht das Gefühl auf, dass andauernd irgendwo eine neue Baustelle für Riggan ansteht, weil wir ihm eben nur folgen und bis auf wenige Ausnahmen gar nicht mitbekommen, was in seinem erweiterten Umfeld passiert.

  • Markus

    Kurze Frage: Gibt es schon einen Veröffentlichungstermin für VERTIGO?

    • http://www.secondunit-podcast.de/ Christian

      Wir nehmen heute auf. Mit Glück schaff ich es heute schon, das Ding fertig zu machen. Sonst zum Anfang der Woche :)

  • cule0809

    Finde es toll, dass ihr den Film geguckt habt. Habe ihn mittlerweile schon zum zweiten Mal gesehen. Für mich ein schöner Rundumschlag gegen das Kino und von euch eine tolle Diskussion. Mich hat das Ende nicht so gestört, wobei ich mir auch nicht sicher bin was das soll. Freu mich schon den Film dann bei mir gucken zu können :)

  • http://www.enoughtalk.de jacker

    Witzig. Das Ende würde ich auch kritisieren, obwohl ich es ganz anders verstanden habe: Wie jemand anders hier schon schrieb, ich dachte auch, dass sie nicht zu den Vögeln, sondern zu ihrem fliegenden Papa hoch guckt. Hab ich so verstanden, weil ich dachte Keaton hätte durch den “echten künstlerischen” Erfolg nun so weit zu seinem(r) Selbst(sicherheit) zurück gefunden, dass er nun endgültig mit seinem Birdman verschmolzen ist. Mit ihm sozusagen ins Reine gekommen und nun unterwegs zu neuen Taten. Würde irgendwie auch zur Traumverschwrung passen: Geläutert fliegt er als Birdman gen Himmel.

    Aber irgendwie passt mir das nicht so recht von der Aussage. Es würde ja mitschwingen, dass ein Opfer des Systems Hollywood sich erst durch das Erschaffen wahrer Kunst selbst finden konnte und seine niederen Taten der Franchise-vergangenheit hinter sich lassen konnte. Ich finde Blockbuster in Summe wahrscheinlich einfach nicht scheiße genug, um das ohne mit der Stirn zu runzeln zu unterschreiben. Ebenso das Kritik gebashe. Klar, einige Kritiker halten übelst ihre Elite-Flagge hoch, nutzen ihre Kritik primär zur Selbstdarstellung ihrer absurden Fremdwort-Sprach-Künstelei und (vor)verurteilen alles, was nicht reinste Ultrakunst ist (oder halt Spaß machen soll). Aber wieso rechnet gerade Innaritu, der IMMER absoluter Kritiker-Liebling war, mit denen ab? Raff ich ned so recht. Vielleicht ist der ganze Film aber auch kein Schlag GEGEN, sondern nur Kommentar AUF DAS Sytsem Hollwood/Superstar/Publikum?

  • http://www.grindthatauthority.de/ PlayStar

    Gestern Birdman gesehen und hole gerade eure Folge nach. Zur Traumverschwörung: Ich denke, das wichtigste Indiz ist, dass der Film nach dem vermeintlichen Selbstmord auf der Bühne zum ersten Mal seit langen (oder zum ersten Mal?) einen Schnitt macht. Der “echte” Film hört auf und wir sind nun in einen Epilog, der, äh, was auch immer bedeuten soll. Und dann wachte Hal verstört auf und wunderte sich über seinen Traum, in der er ein Drogendealer war. ;)

    (Spoiler für das Ende von Breaking Bad.) https://vimeo.com/91034065

  • Weltraumhirsch

    Also mit dem Ende habe ich eindeutig weniger Probleme, als ihr im Cast. Nuchts wäre für mich vorhersehbarer gewesen, als der gescheiterte Schauspieler, der in seinem finalen Act wirklich drauf geht, als großes Opfer und Fingerzeig an alle. Das haben wir so oder so ähnlich schon viel zu oft gesehen. Stattdessen bekommen wir das Happy End. Wobei, ist es das wirklich? Der gescheiterte Schauspieler scheitert selbst dabei seinen melodramatischen Abgang durch Suizid unsterblich zu machen. Ich finde da liegt viel mehr Tragik im Film und der Geschichte, es ist viel unvorhersehbarer…und grade dieser doppelte Boden mit dem Happy End und Hollywood und dann doch nicht das vermeintliche Bad Ending. Ich finde grade das was der Film macht so viel smarter und viel logischer!

    Schnittgewitter geht mir auch auf den Sack, wenn man 80er Jahre Filme schaut mit langen Takes, ist das echt Entspannung pur.
    Was mich am Film am meisten begeistert hat, ist der kleine Mikrokosmos, den der Film erschafft. Die kleine Ecke Straße und das verwinkelte Theater, das wirkt alles sehr echt und durch die Kameraführung wird man Teil der Welt.

    Das Vermischung von Fiktion und Realität fand ich ebenfalls sehr cool. Auch der Sprung vom Dach und der lange Flug haben mich da nicht rausgerissen. Im Gegenteil dachte ich da, ok, jetzt springt er wirklich…es war eher ein Spannungsmoment, weil man ihn außerhalb des Zimmers nicht groß hat “hexen” sehen…also wusste man nicht, was macht der Film.

    Dass die Kritikerin schwache Argumente hatte und eher Bösewicht war, fand ich ebenfalls sinnvoll. Das ist doch letztlich worum es geht. Dass Filmbewertungen letztlich völliger Humbug sind und komplett irrelevant. Weil es zu 80% von subjektiven Empfindungen beeinflusst ist und sich Kritiker häufig für etwas besseres halten, eine richtigere Meinung haben als andere, weil sie tiefer drin sind, durch viele gesehene Filme sich selbst einen gewissen Status andichten etc.
    bei ihr ist es auf die Spitze getrieben, weil sie was gegen ihn als Person hat. Sehr oft geht man an Filme mit einer ganz bestimmten Erwartungshaltung ran und will ihn z.B scheitern sehen…dann findet man alle möglichen Argumente dagegen, was eher ein akademischer Akt, als Wissen oder Wahrheit ist. Denn wenn man sich nur genug Mühe gibt, kann man selbst den größten filmischen Müll (Tommy Wiseau) als Perle der Filmgeschichte hinstellen (siehe Taminos Ausführungen zu The Room). Von daher ist Filmbewertung letztendlich irrelevant und Filmanalyse so viel wichtiger und gehaltvoller

    • SecondUnitTamino

      Ach, du hast doch THE ROOM einfach nur nicht verstanden!