Second Unit #142 (Possession [1981])

Das (inoffizielle) Lieblingsfilm/Müssen-Wir-Unbedingt-Besprechen Double-Feature geht in dieser Woche mit Possession (Amazon-Link*) weiter. Und wie! der Film ging uns ziemlich unter die Haut. 

Zu Beginn machen wir kurz Werbung für die (anstehende) Mini Unit zum Liebster-Award, in der wir die Fragen der Wiederaufführung beantworten werden. Außerdem sagen wir mal wieder Danke für eine DVD-Einsendung und eure Flattr-Spenden. Logo!

Tamino hat uns zum Film einen kleinen Likörchen mitgebracht. Passt!

Warnung! Ihr vermiest euch eine wichtige Film-Erfahrung, wenn ihr euch den Trailer oder weitere Infos zu dem Film vorher reinzieht! Lasst unseren Podcast deshalb auch erstmal lieber liegen und guckt den Film zuerst. Vertraut uns. GUCKT DEN FILM ZUERST!

[YouTube Direktlink]

Der Film ist eine Low-Budget-Produktion von Andrzej Zulawski, der das Drehbuch schrieb und die Regie übernahm. In den Hauptrollen spielt sich besonders Isabelle Adjani als Anna / Helen die Seele aus dem Leib; Sam Neill überzeugt auch als Mark. Heinz Bennent als Heinrich komplettiert das Trio.

Unsere (mal wieder sehr ausführliche) Diskussion dreht sich um die Produktionsbedingungen; die für uns wichtigsten Film-Momente sowie die verschiedenen Deutungsebenen dieses surrealistischen Streifens. Zum Schluss versuche ich von Tamino erklärt zu bekommen, warum er bei manchen Filmen diese Elemente gutheißt, ihn aber andere Filme nicht zu tieferen Analysen motivieren können.

Nächste Woche wird es weniger verstörend. Wir trauen uns mit Citizen Kane (Amazon-Link*) an eine erste Diskussion im Rahmen des “Bester-Film-Aller-Zeiten™”-Schwerpunkts.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

[Download | Länge: 2:37:45 | Größe: 76,0 MB | @2nd_Unit | Facebook.com/SecondUnit | iTunes]

[Teaser-Bild: by Olatz eta Leire]

*Amazon-Partner-Links: Über diese Links gekaufte Artikel werfen einen kleinen Obolus für uns ab. Für euch ändert sich nichts, schon gar nicht der Kaufpreis. Wir bedanken uns im Namen unserer Kaffee-Kasse.

  • http://www.privatsprache.de/ Privatsprache

    Ich bin euren Anweisungen gefolgt und habe mir den Film angesehen. Ich denke, das fasst ihn abschließend zusammen:

    http://replygif.net/i/277.gif

    Jetzt bin ich mal gespannt, ob euer Podcast mir diesen crazy shit erklären kann…

  • http://www.privatsprache.de/ Privatsprache

    Schöne Folge, besonders die Diskussion über Interpretation und Kunst fand ich spannend. Darf ich da einen Kompromiss anbieten?

    Man kann den größten Trash genauso wie hohe Kunst behandeln, je nach Zielsetzung. Du kannst ausführlich Katzenvideos auf YouTube erforschen und dabei herausfinden, dass sie einiges über unsere Gesellschaft aussagen. Aber ich teile andererseits Taminos Position, dass nicht jeder Film in gleichem Maße etwas ausdrückt.

    Ich habe im Studium mich ausführlich mit Nelson Goodmans “Sprachen der Kunst” auseinandergesetzt und der kommt aus der analytischen Philosophie und hat einen sehr schönen Ansatz, Kunst zu betrachten. Das alles auszuwalzen würde diesen Kommentar sprengen, aber ein Punkt:

    Ausdruck ist für ihn metaphorische Exemplifikation. Eine Exemplifikation ist wiederum Besitz plus Bezugnahme. Und das nimmt einer Interpretation eben die Willkür. Es kann zwar sein, dass Sucker Punch total viele Eigenschaften besitzt, die sich interpretieren lassen, aber er nimmt nicht darauf Bezug. Entsprechend ist der Film kein ausdrucksstarkes Kunstwerk.

    Ganz unabhängig davon kannst du aber hingehen und das Frauenbild in Sucker Punch angucken, dann setzt du den Film eben in einen neuen Kontext und nimmst dadurch darauf Bezug. Auf der anderen Seite kannst du aber auch nich alles in jeden Film hineinlesen, sondern zuerst muss einmal der Film eine Eigenschaft auch besitzen. Und dann muss er uns auch ein Indiz dafür geben, dass diese Interpretation in ihm steckt … Wie gesagt, Goodman braucht ein ganzes Buch, um das zu erklären und dann noch ein zweites mit “Revisionen” um das zu überarbeiten. Aber vielleicht habe ich die Position ansatzweise klarmachen können…

    Zum Film:
    Vielen Dank für die Interpretationshilfen, allerdings kann ich mit diesem Film überhaupt nichts anfangen. Und das liegt nicht am Ausdruck sondern an der Form. Der Film schafft es einfach nie mich in die filmische Illusion hineinzuziehen und das liegt an drei Punkten:
    1. Das Overacting: “Overacting” ist hier sogar schon eine dreiste Untertreibung. Alle Schauspieler tragen ständig ein “SEHT HER; DAS IST ALLES SO UNGLAUBLICH ANSPRUCHSVOLL UND BEDEUTUNGSSCHWANGER!!!”-Gehabe mit sich rum, das mich schon fast sauer macht. Und da sehe ich zum Beispiel einen großen Unterschied zu Lynch. In dessen surrealen Filmen wird trotzdem jeder Zeit verdammt gute Arbeit geleistet und nie in sowas hier abgeglitten.
    2. Die Kamera, die ihr so mögt hat mich genervt. Ich mag gute Kameraarbeit total gerne, ich liebe Hitchcock oder Tarantino dafür, dass jeder Shot und jede Bewegung etwas ausdrückt. Und ich mag auch dynamische Kamera supergerne wie in Children of Men oder vor allem in Pans Labyrinth, die dem Raum Tiefe verleiht und Dynamik ins Bild bringt. Aber hier hat sie mich gestört und zwar weil ich fand, dass die Kamera unmotiviert und selbstverliebt die ganze Zeit irgendwelchen abstrusen Schlenker und Kapriolen macht. Das wird dann zu einem weiteren Punkt, der mich aus der filmischen Illusion reist und ich mich frage: Alter, warum musst du jetzt diesen Schwenk machen, der ist doch vollkommen unnütz jetzt!
    3. Die Dialoge: Okay, eurer Besprechnug entnehme ich, dass ihr von dem Film keinen basalen Plott unterhalb der Interpretationsebenen erwartet. Ich schon. Mich nerven schlechte Dialoge und die waren hier wie Sand am Meer. Ein Beispiel: Heinrichs Mutter ruft bei Mark an, weil Heinrich nicht nachhause gekommen ist und sonst immer anruft, wenn er das macht, diesmal aber nicht. Und Mark entgegnet: “Vielleicht hat er Ihre Nummer vergessen.” … … ERNSTHAFT!?!?! Bei solchen Dialogen schalte ich dann ab und habe überhaupt gar keine Lust mehr, mir einen tieferen Sinn zu überlegen, weil das einfach faules Drehbuchschreiben ist.

    Wie gesagt: (Für mich) doofer Film, aber gute Folge… =)

    • http://www.secondunit-podcast.de/ Christian

      Haha, sehr schön! Danke für den Buchtipp und auch Danke für die Gegenmeinung ;-)

    • SecondUnitTamino

      Hatte ganz vergessen, dir hier zu antworten. Ich kann total verstehen, dass der Film an einem vorbeiläuft, ist ja selbst bei mir meist so bei artsy Surrealismus. Gerade in Bezug auf deinen Punkt 1. “Overacting” kann man da dann einfach nichts machen, wenn man davon nicht in seinen Bann gezogen wird. Für mich fühlt es sich hier allerdings gerade nicht bedeutungsschwanger an sondern wirklich künstlerisch bedeutungsvoll. Der Film kann mit seinem tollen Inhalt diesen Weg einschlagen und er fühlt sich verdient und ehrlich für mich an. Es ist halt was “hinter” dem Overacting. Bei FEAR AND LOATHING IN LAS VEGAS nervt mich das Overacting z. B. enorm, da es völlig sinnbefreit ist und wie affiges Getue ohne Sinn auf mich wirkt. Die Typen sind halt auf Drogen, toll.

      Was dich an der Kamera stört, verstehe ich überhaupt nicht. Ich finde die einfach nur großartig. Es gibt hier sogar einige Shots, die ich zu meinen all-time Favoriten zähle. Werde ich beim nächsten Anschauen hoffentlich noch genauer drauf achten, was einen hieran stören könnte.

      Die Dialoge sind genau wie das Acting natürlich grotesk und oft etwas merkwürdig. Dein Beispiel finde ich allerdings unagebracht, denn das “Vielleicht hat er Ihre Nummer vergessen.” ist doch einfach nur eine sarkastische Äußerung von Marc. Und bist du allen Ernstes der Meinung, dass es sich bei gerade diesem Film – bei all dem lazy Schrott der so durch die Filmwelt geistert – um ein Beispiel für faules Drehbuchschreiben handelt? Wie gesagt, man kann von dem Film halten was man will, aber man muss doch erkennen, dass da enorm viel künstlerische Intention und Ausdruckskraft drinsteckt – sowohl in den Bildern als auch in den Mono- bzw. Dialogen. Man kann vielleicht sagen, dass all das nicht funktioniert, aber dass sich hier keine Mühe gegeben wurde, erscheint mir schon als eine arg befremdliche Aussage.

      • http://www.privatsprache.de/ Privatsprache

        Puuh, das ist jetzt natürlich schon eine ganze Weile her, sodass ich mich nicht mehr an jedes Detail erinnern kann. Den Dialog hatte ich ja nur als ein Beispiel genannt. Aber auch darin zeigt sich schon ein Problem. Du sagst: Es war Sarkasmus. Da aber der ganze Film dir nichts an die Hand gibt, um zu entscheiden, wann was wie gemeint ist, sondern rund um die Uhr alles irgendwie interpretiert werden will, kann das eben Sarkasmus gewesen sein oder auch nicht.

        Zum Drehbuch: Da möchte ich zwischen Faul und Dumm unterscheiden. Wenn Georgy Boy in Episode II sein berühmt-berüchtigtes Liebesgeständnis von Anakin auspackt: “Ich mag keinen Sand. Sand ist rauh. Du bist anders. Du bist weich.”, dann ist das dumm. Wenn ich einem Drehbuch hingegen anmerke, dass der Protagonist irgendetwas sagt oder tut, nur damit sich der Film in eine bestimmte Richtung weiterentwickeln kann und dieses Verhalten aber dumm oder künnstlich ist, dann ist das faul. Allerdings weiß ich auch nicht, ob ich das hier wieder anwenden kann, denn:

        Ich mag halt diesen “Filmstudenten-Kunstfil-Scheiß” (wenn ich das mal wertneutral so nennen darf ;-) ) nicht. Wir hatten im Spätfilm gerade zwei Filme die sehr gut meine Probleme mit dieser Art Film aufzeigen. Zum einen “THX 1138″, der in der Gefängnisszene so abdreht, dass er dir nichts mehr zur Interpretation an die Hand gibt, sondern du quasi alles da hineinlesen kannst. Auf der anderen Seite aber “Brügge sehen … und sterben”, den wir mit Jacker zusammen besprochen haben. Und das ist eine Art von metaphorischen Film, wie ich ihn sehr gerne mag. Du hast nämlich auf der Oberfläche eine tighte Story mit gutem Plott und spritzigen Dialogen und dann hast du darunter noch einmal die Ebene, in der du den Film so interpretieren kannst, dass Brüge das Fegefeuer ist. Und das ist cool, weil ich da Regeln an die Hand bekomme, wie ich das interpretieren kann und selbst, wenn mir das nicht gelingt, habe ich noch immer einen echt guten Film gesehen. Das fehlte mir halt bei Possession.

        Aber ich will dir den Film auch nicht madig machen. Es ist halt nicht “my cup of tea”. Es ist ein bisschen so wie in der Philosophie. Ich habe hier schon öfter mal zwischen den Tönen herausgehört, dass du Nietzsche gut findest. Mir konnte er hingegen nie etwas geben (abgesehen von seiner Metaphern-Theorie). Allerdings erkenne ich durchaus an, dass er ein wichtiger Philosoph war. Ich hingegen bin absoluter Wittgenstein-Fanboy und habe im Studium viele Menschen getroffen, die meinten, dass der gute alte Ludwig mit seinen Paragraphen ihnen verschlossen blieb.

        Was ich damit sagen will: Ich kann verstehen, dass das hier von dir als guter Film angesehen wird, aber mir blieb er eben verschlossen.

        • SecondUnitTamino

          Und das kann ich echt völlig verstehen.

          THX fand ich übrigens auch ziemlich enttäuschend. Einige Elemente mochte ich, aber letztendlich war es nur ein ziemlich irrer Mix aus dystopischen Ideen. Ich habe allerdings nur diese bescheuerte CGI-überarbeitete Version gesehen und würde gerne nochmal die ursprüngliche schauen.

          Mit Wittgenstein habe ich mich leider noch nie richtig befasst. Ich habe mal angefangen den Tractatus zu lesen und dachte nach 10 Seiten einfach nur “WTF?”. Kannst du mir einen Tipp geben, mit welchem anderen seiner Werke oder Aufsätze man vielleicht besser anfangen sollte?

          Nietzsche ist echt einer der wenigen Philosophen, die mich wirklich begeistert haben. Ich war früher eher so der Typ, der alles immer ganz klar, logisch und auf den Punkt haben wollte. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass das einfach nicht geht, da unsere Welt und unser menschlicher Verstand nicht so einfach auf den Punkt zu bringen sind. Das was ein Kant oder ein Heidegger versucht haben, sagt mir einfach nicht mehr zu. Metaphysik, jenseits von komplizierte Ausdrucksformen oder Umdeutung/Neuformulierung von zig Begriffen ist nicht mehr meine Wellenlänge von Philosophie. Das ist für meinen Geschmack zu sehr der Welt enthoben. Analytik ist nicht immer der einzig richtige und der Metaphorik prinzipiell überlegene Weg. Dagegen bewegt mich die schöne, eloquente, metaphorische Sprache eines Nietzsche einfach mehr und vor allem nachhaltiger. Ich hab auch meine Zeit gebraucht, bis ich im Nietzsche-Modus war, aber dann war es um mich geschehen. Ich will aber auch nicht leugnen, dass es wohl in jedem seiner Werke auch immer wieder Passagen gibt, die mir wenig bis gar nichts geben. Aber insgesamt ist das nur ein kleiner Bruchteil seiner Schriften. Das meiste hat für mich eher den Charakter von immer wieder kleinen Erleuchtungen über das menschliche Leben.

          • http://www.privatsprache.de/ Privatsprache

            Wittgenstein ohne Anleitung zu lesen, ist fast unmöglich, da der Stil einfach zu ungewöhnlich ist. Ich würde dir eher empfehlen von Anthony Kenny “Wittgenstein” zu lesen, der dir einen sehr guten Einstieg bietet und dann die Philosophischen Untersuchungen und/oder Über Gewissheit.

  • http://www.florianpriemel.de Florian Priemel

    Leider hatte keiner Streaming-Dienste meiner Wahl diese Perle im Sortiment (was ein Wunder…), ich warte also sehnsüchtig auf die DVD und somit den Podcast.

    • http://www.secondunit-podcast.de/ Christian

      Das ist die richtige Einstellung! :)

  • Deekin

    Hier ein paar kleine Gedanken, die ich während des Schauens loswerden wollte.

    23:15 Ich finde es ziemlich amüsant, dass es Christian bei seiner Erstsichtung ähnlich ergangen ist, wie bei mir. Ich habe den Film heute noch einmal gesehen und erst jetzt, beim zweiten Mal, durchblicken können, wer eigentlich all diese Charaktere sind und wie sie heißen.

    1:06:15 Interessant, dass ihr den Aspekt der “entgrenzten Sexualität” bei Heinrich anspricht. Ich finde das nämlich durchaus passend zu all den politischen Anspielungen, die der Film in Bezug auf die deutsche Geschichte macht (zumindest die Trennung zwischen Ost und West durch die Mauer). Sein Charakter passt somit eigentlich ganz gut in den Typus der 68er. Nicht nur verhält er sich sexuell sehr offen, er experimentiert zugleich auch mit Drogen und hat eine sehr spirituelle Einstellung, wie sie zur antibürgerlichen Alternative passen. Gerade im Kontrast zu Mark macht der Film auf mich damit sehr den Eindruck, dass dieser beide Lebenskonzepte, das traditionelle Bürgertum aber auch die revolutionäre Neubestimmung, ablehnend gegenübersteht. Aber das ist bloß einer von vielen Ideen, die mir beim Film, zumindest für eine Zeit, durch den Kopf schossen.

    1:19:20 Also, in bezug auf das Thema “Faith and Chance” gingen meine Gedanken in eine eher andere Richtung. Ich habe das so verstanden, dass Faith oder der Glaube für eine hoffnungsvolle, positive Lebenseinstellung steht, wie sie in einer gesunden Beziehung vorhanden ist. Einer der interessantesten Punkte im Charakter Anna war meiner Meinung nach, dass es keinen Grund dafür gibt, warum sie Mark und ihr gemeinsames Kind verlassen sollte. Mark kämpft um sie, er hält an ihr fest und fleht sie regelrecht an, zu bleiben oder ihm zu erklären, was denn an der Beziehung nicht stimmt. (Zumindest bevor es zum ersten Mal zur Gewaltanwendung kommt). Dass sie darauf nicht so recht eine Antwort weiß, ist eines der Elemente, die ihr so zu schaffen macht und weil sie sich selbst für den Zusammenbruch der Beziehung verantwortlich macht. Meiner Meinung nach war es das, was sie so innerlich zerreißt. Ich habe das so verstanden, dass sie vom Glauben, vom Faith, abgefallen ist und dass die Qualen, die sie erleidet, den Glauben negieren und sie in eine Welt werfen, die vom bloßen Zufall und der Willkür, der Chance, geprägt sind, was eine deutlich düsterere Lebenseinstellung als Folge ihres persönlichen Zusammenbruchs darstellt. Der erlittene Schmerz erfolgt somit ohne jeden Grund und ist bloß Laune der Umstände. Aber ich habe bei der kürzlichen Sichtung leider auch nicht jedes Detail in den Dialogen mitverstanden, zumal mir das Gerede von den zwei Schwester Faith und Chance äußerst kryptisch war und in der Flut an Dialogen und Monologen schnell wieder unterging.

    1:34:30 Neben den anderen politischen Anspielungen, die mir in dem Film aufgefallen sind, dachte ich beim Ende zunächst an eine Art Kriegszustand. Wie bei einem Luftangriff sind laute Sirenen zu hören. Dass das Kind sich vermeintlich versucht, selbst zu ertränken, habe ich auch eher symbolisch gesehen. Ich hatte beim Schauen von “Possession” den Eindruck, dass hier eine Art Entwicklung von Rollenbildern und dem Selbstverständnis thematisiert wird. Die klassischen Rollenbilder von Mann und Frau brechen auf und weichen einer Sinnkrise, die das Selbstverständnis, die Selbstbestimmung und das Bewusstsein von und den Umgang mit den alten und neuen Rollenbildern zum Thema haben. Mark und Heinrich sind beides Entwürfe, alt und modern, die der Film letztendlich (scheinbar) abgelehnt hat. Das sehr kalte Ende und der ‘Selbstmordversuch’ des Jungen sah ich als eine Art Tod oder Gefährdung der Zukunft an, die in dieser neuen Welt, wo die alten Rollen nicht mehr wirken und eine völlige Ungewissheit vorherrscht, zurechtkommen muss.

    Ich muss allerdings sagen, dass ich trotz Bemühungen, mich beim Schauen so tiefgehend wie möglich mit dem Film auseinanderzusetzen, mit POSSESSION nicht sonderlich viel anfangen konnte. Als ich ihn damals mit Tamino gesehen habe, ging es mir ähnlich, doch die WTF-Momente und die erfrischend rohe Kraft der Inszenierung konnten mich für zwei Stunden noch gerade genug begeistern, sodass ich am Ball blieb. Nun allerdings ist dieser Überraschungseffekt verpufft und was bleibt, ist ein Film, mit dem ich erschreckend wenig anfangen kann. POSSESSION macht auf eine ganze Reihe möglicher Deutungsebenen aufmerksam (religiöse, zeitkritisch, politische, feministische etc.) und ich habe mich während der ersten 80 Minuten oder so sichtlich darum bemüht, so viele Fäden und Ansätze wie möglich zusammenzubringen. Als mir dann klar wurde, dass das Alles zu nichts führt und jeglicher Interpretationsversuch, den ich vornahm, nicht so richtig vom Film wahrgenommen wurde oder einfach unbefriedigend war, habe ich schließlich innerlich aufgegeben und abgeschaltet.
    Z.B. Was für eine Art Figur soll Heinrich eigentlich darstellen: Den Geistlichen, wie Tamino vermutet? Den alternativen, antibürgerlichen Revoluzzer, wie ich meine? Er könnte aber ebensogut die zynische Darstellung eines postmodernen Intellektuellen sein, der mit leeren Worthülsen um sch wirft. In der Szene, wo er zum ersten Mal an Marks Tür klopft und Mark ihn empfängt (Oh Hi Mark!), drückt er sich ihm gegenüber in einem ziemlich eloquenten Kauderwelsch aus, bevor er sagt: “In other Words, where is she (Anna)?” Auch die Zeile, in welcher er Mark gegenüber von Gott spricht und welche mit den Worten endet “You know what I mean?”, könnte ebensogut ironisch und nicht ernst gemeint sein. Oder die Szene, in welcher er dem Monster in die Augen schaut und daraufhin wie ein Blinder durch die Wohnung stolpert: Wurde ihm da seine Seele gestohlen? Oder hat er, in gewisser Weise, Gott gesehen und sein Taumeln ist ein Indiz dafür, dass er Zeuge von Etwas Unglaublichen wurde. Apropros, wofür steht eigentlich dieses Monster? Tatsächlich für die Schuld, die Anna empfindet? Oder ist es die Ausgeburt einer völligen Selbstverneinung und des Aufgebens der eigenen Persönlichkeit (So würde die Entstehung von Zombie-Mark am Ende wenigstens etwas Sinn ergeben)? Oder aber soll dieses Monster einen neuen, bedrohlichen Menschentypus ankündigen, welches die menschlichen und individuellen Aspekte unserer Gesellschafft bedroht (vielleicht so etwas wie eine Rückkehr in den Faschismus). Und, schließlich, wie steht es mit all den politischen Bezügen: Der Trennung von Ost und West im zeitgenössischen Deutschland von POSSESSION, den Folgen der 68er-Revolution sowie dem RAF-Terrorismus (Mark wird gegen Ende des Films mehr oder weniger zu einem Terroristen bzw. die Bilder suggerieren mir das ein bisschen)? Mein Problem mit POSSESSION ist, dass ich nicht so richtig erkennen kann, wie das alles ineinander greift; als diese Erkenntnis nach 80 Minuten Film zu mir durchgesickert ist, habe ich dann eher frustriert aufgegeben und den Film nur noch zuende gesehen. Anfangs gefiel er mir noch sehr gut, als alles nur den Anschein machte, ein ungewöhnlich inszeniertes Beziehungsdrama zu sein. Doch je mehr abgefahrenes und unverständliches Zeug, mit zunehmender Laufzeit, in den Film drang, umso mehr war ich nur noch irritiert, weil ich all dies unmöglich unter einen Schirm bringen konnte. Daher bin ich ziemlich unzufrieden mit dem Film und meinem Seherlebnis. Bei anderen surrealistischen Filmen, die ich gesehen habe, habe ich das nie so störend empfunden, wie das bei POSSESSION der Fall war. Ich freue mich aber für Tamino, dass er hier einen weiteren Lieblingsfilm gefunden hat :). (Bitte nicht böse sein! Du darfst auch mein Hirn verprügeln, wenn ich Anfang Februar mal wieder in Kiel bin.)

  • http://www.enoughtalk.de jacker

    So, nun hab ich dem Film seine zweite Chance gegeben, aber leider hat er mich wieder kaum (und ich glaube sogar im Vergleich noch ein Stückchen weniger als bei der ersten Sichtung) abgeholt, weil ich dieses mal das groteske Overacting nicht nur als störend, sondern zeitweise als weit über die Grenze des Lächerlichen hinaus empfunden habe. Im Gegensatz zu ALLEN anderen mystery/Surreal-Filmen, hab ich hier einfach null das Bedürfnis zu ergründen, was der Macher mir (oder ganz allgemein) sagen will. Ich vermute da grob ein paar Themen sein, aber hab keine Lust das weiter zu analysieren. Ich glaube nach dem zweiten Durchlauf bin ich mit POSSESSION einfach durch. Aber ihr werdet das mit der Interpretation ja sicher mal wieder professionell übernehmen ;) Bin gespannt!

  • http://www.enoughtalk.de jacker

    So, das war doch mal wieder eine bombastisch ertragreiche
    Diskussion, meine Herren, Hut ab! Hat sehr viel Spaß gemacht zuzuhören
    (plötzlich hatte ich dann doch immerhin mäßig Lust mir weitere Gedanken
    über den Film zu machen) und einige Themen, an denen ich so rumgedacht
    hatte, habt ihr aufgegriffen.

    Zunächst
    estmal zwei Fragen zum Verständnis des Films meinerseits (ich glaube
    nämlich da teilweise einfach Dinge nicht mitbekommen zu haben, weild er
    Film akkustisch zeitweise echt schwierig ist):

    1.
    Der Mann mit den rosa Socken. Am Anfang in der Besprechung mit den
    geheimnisvollen Chefs ist doch von “suspect“ die Rede (“does the subject
    still wear pink socks?”). Gegen Ende taucht er auf (Frage an Tamino,
    der den Film aj drei Mal egsehen hat: Irgendwo sah man den doch vorher
    schon – wo denn nochmal?) und da ist irgendwie von “successor” also
    Nachfolger die Rede. Wer ist der Typ denn nun? :D
    2. Die
    Sache mit Faith und Chance. ich muss echt sagen, dass ich teilweise
    ihre Monologe einfach nicht verstanden habe – größtenteils akkustisch,
    bedingt auch inhaltlich – und deswegen irgendwie nicht so recht auf dem
    Schirm habe was es mit den “sister faith and chance” so auf sich hat.
    Als Adjani ihren Monolog hält, in dem sie von der 00 SCHNEIDER-Erdbeeben
    Szene in der Ubahnstation erzählt, sagt sie ja “what i miscarried there
    was Faith”. Sie hat also in der Sequenz endgültig den Glauben verloren,
    nachdem sie vorher zwischen religiöser Sicht, inklusive Schicksal und
    Bestimmung (Faith) und rationalem Atheismus, vielleicht sogar Nihilismus
    (Chance) hin und her gerissen war? So verstehe ich das zumindest.
    Irgendwie.

    Für mich ist der Film klar als Allegorie auf
    Zurawksi’s Trennung zu verstehen – das erscheint mir ziemlich klar. Die
    ganze Situation (der Mann wird von der Entfremdung der Frau
    überrumpelt, sie offenbart ihm erst was Sache ist, wenn es eigentlich
    schon zu spät ist, sie hat sich innerlich schon über einen langen
    Zeitraum mit der Situation “arrangiert”, ist emotional bereits
    entkoppelt, so dass ihm gar kein Handlungsspielraum mehr gegeben wird,
    gar keine Chance sich “anzustrengen” oder die Situation zum Positiven zu
    beeinflussen) kommt mir aus meinem realen Umfeld sehr bekannt vor. Ohne
    jetzt hier allgemeingültige Küchenpsychologie ableiten zu wollen, kann
    ich einfach sagen, dieses Verhalten mir schon oft aufgefallen ist. Still
    läuft alles aus dem Ruder, wobei (wie hier und in den meisten Fällen wo
    ich ähnliches beobachtet habe) für den einen Teil der Beziehung (oft
    eben der Mann) alles in Ordnung scheint, der unzufriedene Teil der
    Beziehung wählt aber den Weg es mit sich selbst auszumachen, was
    mittelfristig unweigerlich zur Entfremdung udn unausweichlichen trennung
    führt. Weil dies hier vorliegt habe ich mir beim ersten Sehen schon die
    Interpretation, dass das “Monster” die Materialisierung ihrer dunklen
    Gedanken und Emotionen ist, zusammengebastelt. Sie sehnt sich ja nach
    etwas anderem als dem was sie mit Marc hat. Aus diesen Emotionen heraus
    wird ihm jedoch unheimlich viel Schmerz zugefügt. Da liegt der Konflikt
    Egoismus vs Aufopferung drin. Ihr Freistrampeln zieht zwangsweise sein
    Zerbrechen als Kollateralschaden mit sich, was sie auch mitnimmtm, aber
    nicht zu hidnern evrmag, weil sonst sie zerbrechen würde. Dass am Ende
    eine äußerlich identische, aber innerlich vollkommen andere Version von
    Marc entstanden ist, drückt in meinen Augen viel über die Unsicherheiten
    und Zweifel, die jede Trennung und Neuorientierung mit sich bringt aus.
    Trennung ist ja immer pro und contra. Soll man es wirklich tun? Was hat
    man an dem Partner geliebt, oder liebt es vielleicht noch? Meist ist
    noch etwas da, aber vieles stört zu sehr – so dass man zwar was neues
    möchte, aber doch so wenig loslassen kann, dass der beste Nachfolger
    eigentlich die idealisierte Versiond es Partners wäre. Die Reaktion des
    Sohnes (übrigens in Hellen’s Wohnung, da wart ihr euch ja unsicher) auf
    den “neuen” Marc, zeigt mir da ganz gut, wie illusorisch das ist, weil
    ein Mensch der seinen Kerneigenschaften beraubt wurde natürlich nur noch
    ein Abbild ist, in Wirkung und Art aber fremd.

    So ganz kann ich mir aber auf Helen noch
    keienn Reim machen. Beide Figuren sind ja am Ende die geläuterte,
    perfekte Versionen des ursprünglichen Ichs. Eigentlich genau das
    Gegenüber, was beide Hauptfiguren sich als Idealbild wünschen. Helen
    liebt Marc bedingungslos und ordnet sich ihm unter (wobei Anna ihr
    eigenes Leben leben will und Marc verletzt) und der neue Marc ist
    selbstsicher und dominant (insofern charakterlich eher wie Heinrich).
    Ist vielleicht Heinrichs Seele in den neuen Marc gewandert, so dass
    “best of both worlds” entstanden ist – was aber zu einer grotesken,
    beängstigen Figur führt, weil sie aus so viel negativem geboren wurde?
    Da holpere ich in Bezug auf mein Verständnis noch, vor allem dass der
    pinke Socken Mann vorher zu Marc sagt, er soll den blöden Hund vergessen
    und die Welt retten, passt nicht so recht dazu (sondern eigentlich nur
    zur stinklangweiligen, weil offensichtlichen Lesart des simplen
    Monster-Horrors – Anna hat in der Wohnung halt den Antichrist geboren
    und nun geht die Welt unter. Was

    Ein paar kleine Anmerkungen noch zu einzelnen Passagen des Podcasts:
    Christian
    meint, dass Zulawski hier wohl stark Anna’s Perspektive reflektiert?
    Finde ich nicht, ihr Handeln wird in meinen Augen ziemlich subjektiv
    (und deshalb extrem negativ gefärbt) durch Marc’s Augen gezeigt. Schön
    fand ich das Thema Ideale, Makel etc.. Ist euch aufgefallen, dass Margie
    in ihr Gipsbein sogar einen Absatz eingearbeitet hat – ein kläglicher
    Versuch trotz Makel noch den Normen zu entsprechen, bzw. nicht auf die
    so essentielen Absätze am gesunden Fuß verzichten zu müssen. Insofern
    passt eure Vermutung da ganz gut. Der Vergleich von POSSESSION zu DONNIE
    DARKO hinkt in meinen Augen aber irgendwie, denn (das mag daran liegen,
    dass ich ziemlich affin und interpretations-geschult in Bezug auf
    Mystery/Surrealismus bin) ich habe mich in eurem Podcast zu DD schon
    gefragt, was man an dem Film so groß interpretieren kann. Auch ohne
    Einblendungen im DC geht der Film für mich total klar auf. Da bleibt
    nichts im Unklaren udn da gibt es auch nichts, was grob mehrdeutig ist.
    Hier schon, da kann man wirklich viele Dinge nicht einordnen.

    Großartig war dann mal wieder eure Kunst und Rezeptionsdiskussion!
    Zur
    Rezeption: Tamino sagt “Sollte man nicht etwas zurückgenommen an den
    Film gehen und nur versuchen zu verstehen was der Macher uns sagen
    will?“ Nein, Nein, Nein! Bloß nicht. Christian drückt das schon ganz gut
    aus: “Nur weil etwas nicht 100% bewusst beabsichtigt ist, heißt das
    nicht dass es nicht da sein kann/darf.”. Jeder Szene gehen
    Entscheidungen voraus, und gerade auf dem Mystery Sektor hab ich oft
    genug gehört, dass bewusst Mehrdeutigkeiten eingebaut werden, dass nicht
    alles vollständig zu entwirren ist, etc. Außerdem denken sich
    Filemmacher (vor allem die mit Vision) im Entstehungsprozess ihrer Werke
    so unglaublich viel. Ich fände es fast schon anmaßend zu behaupten man
    wäre in der Lage jedwede Intention oder Zielsetzung rauszulesen.

    Was mich zum Thema bringt:
    Tamino,
    du sagst in ESCAPE FROM LA oder BLAIR WITCH ist es nicht möglich mehr
    zu sehen und wer das tut verschwendet seine Zeit. Da KÖNNE nichts drin
    stecken, weil die Filme in deinen Augen belanglos sind. Ich weiß ja,
    dass du ziemlich viel über deine Sicht der DInge nachdenkst und auf
    vieles eine sehr eigene entwickelt hast, aber hier schwingt ein
    Absolutismus mit, der leicht in Arroganz kippt. Wenn man diese Sicht
    ausweitet, könnt ihr eure Podcasts dicht machen und wir können aufhören
    über Filme oder generell Kunst zu sprechen, weil immer irgendwer das
    Meisterwerk belanglos fidnet. Woher weißt du, dass Carpenter kein Bock
    hatte? Woher weißt du, dass er NICHT die Intention hatte auf einem
    Trash-Level Statements zu gesellschaftlichen Tendenzen zu machen? Meinst
    du er würfelt mit einem Würfel auf dem die Seiten Botaniker,
    Feurwehrmann, Zahnarzt, Kassierer, Frisör und Taxifahrer lauten aus,
    dass eine Bande irrer Zahnärzte in seinem Filma uftauchen? JEDE
    filmische Entscheidung der Macher ist eine bewusste. Dass du den Film
    scheiße findest ist völlig okay, aber es geht bei Interpretation immer
    auch um Beobachtung und daraus abgeleitete Argumentation. Interpretatio =
    “Auslegung, Übersetzung, Erklärung”. Man versucht die Sprache eines
    Films zu lesen und für sich zu übersetzen. Und manche sprechen eine klar
    verständliche, manche aber auch eine unleserlich-kryptische Sprache mit
    miesem Dialekt. Und macnh ein Rezipient findet zu manch einer Sprache
    besser Zugang. Du bist da sehr von der Absolutheit eigenen Fähigkeit zur
    Erkenntnis überzeugt, aber das beachtet halt diverse Faktoren nicht.
    Ich weiß ja, dass du in der Regel erwartest, bzw. Plots am meisten
    schätzt wenn Dinge klar, schlüssig und eindeutig formuliert sind. No
    loose Ends. Dir liegt das perfekt-wasserdichte Konstrukt. Ich hingegen
    frage mich da oft, wo der Raum für mich bleibt. ich möchte eingeladen
    werden die Themen zu erkennen und zu reflektieren. Ich möchte nicht nach
    Plotholes oder undichten Erzählsträngen suchen (nur ein Beispiel),
    sondern ich möchte nach Themen und Denkanstößen suchen. Fingerzeige und
    Winks bekommen, keine Wahrheiten vorgesetzt. Beispiel: Dass du in
    SNOWPIERCER keine Gesellschaftskritik sehen kannst/willst, oder in
    SPRING BREAKERS keien Demontage der Feiergeneration lässt mich, flappsig
    formuliert, auch nur gedanklich in Unverständnis den Kopf schütteln,
    trotzdem würde ich nicht sagen: “Das ist da zu 100% drin udn jeder MUSS
    das sehen udn wer das nicht sieht ist doof, oder blind, oder beides.”.
    ICH sehe das, weil der Film mir Häppchen hinwirft, die ich mir zum Menü
    namens Gesellschaftskritik zusammenbrate. Für meine Lesart liefertd er
    Film das. Für andere nicht. In der Interpretation gibt es keine
    Wahrheit, sondern Indizien und Lösungsansätze. Wenne in Film mich
    anstupst und sagt: “Hier, guck mal, was meinste?” dann folge ich ihm und
    finde nichts oder alles. So einfach ist das für mich ;)

    • SecondUnitTamino

      Ich bin ja nach wie vor der Meinung, dass ich eigentlich den Film angreifen und dun ihn verteidigen solltest.^^

      Frage 1: Genau das habe ich mich bei Sichtung 2 und 3 auch gefragt^^. Ich habe mir sogar extra den Büro-Dialog nochmal angehört, aber ich hatte da akustische Verständnisprobleme oder raffs einfach nicht. Vielleicht soll er seinen Nachfolger beschatten? Whatever. Der rosarote Panther bleibt vorerst also ein Mysterium.

      Frage 2: ist keine so richtige Frage ;-) Müsste ich jetzt den Film nochmal einlegen und mir den Monolog nochmal anhören.

      Ich bin, wie schon wie in der Sendung gesagt, absolut der Meinung, dass Anna nicht wichtiger ist als Marc oder andersrum. Habe ich bei keinem Anschauen des Films auch nur halbwegs so empfunden. Es geht um beide geleichermaßen, da es um ihre Beziehung geht. Beide sind interessant und ihr Zusammenspiel erst recht.

      Ich möchte bei DD auch nicht stark interpretieren, allerdings lässt sich der Film mMn ohne Director’s Cut oder zumindest des Time Travel Buches nicht völlig verstehen. Der Kern des Films sicherlich schon, also dass irgendwas mit Zeitreisen passiert ist, aber die Idee eines Paralelluniversums, wie es entsteht und wie sich die einzelnen seiner “Bewohner” verhalten (manipulated dead/living und der Drang des Retrievers, dessen Existens wieder zu vernichten) kann man ja vorher nicht wissen, woher auch. Man kann auch im Kino-Cut einiges aus dem Film ziehen, aber es ist kein völlig klares Bild. POSSESSION ist da natürlich etwas völlig anderes, aber habe ich das nicht gerade im Podcast so gesagt?

      Zur Kunst-Debatte (mal wieder^^). Genau diesen Absolutismus den du mir vorwirfst, habe ich doch in der Senundg angesprochen. Natürlich ist es MÖGLICH, dass in BWP die Über-Message drinsteckt, aber hälst du es echt mit deinem gesunden Menschenverstand für WAHRSCHEINLICH? Man kann eben nicht anders durchs Leben gehen als vonvornherein zu filtern. Hätten wir unendlich viel Zeit im Leben, dann wäre ich gerne bereit, jeden Film gleichermaßen tiefgehend zu analysieren, bevor ich mir ein Urteil bilde, aber so läuft’s leider nicht. Das wollte ich ja mit meinem Nietsche Beispiel bringen. Ich WEI?, dass er am Ende seines Lebens wahnsinnig war, also filtere ich diesen Abschnitt seiner Schaffensperiode raus. Ist das arrogant? Ich würde es nicht so nennen? Ich befasse mich lieber mit einem anderen Autor, als mich mit einem zu 99% sinnlosen Abschnitt seines Werks zu befassen. Kann ich WISSEN, dass nichts in seinen Wahnsinnszetteln steckt? Natürlich nicht, aber was soll ich denn machen? Bei Filmen geht mir das ähnlich. Carpenter hat in den 90ern nur stupide Actionfilme gemacht, die quasi alle bei seinen Fans und beim generellen Publikum durchgefallen sind. Also filtere ich das raus, weil da mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nichts rauszuholen ist. Möglicherweise hat sich Carpenter auch hin und wieder noch Gedanken gemacht, aber das Ergebnis fanden halt fast alle stumpf und scheiße. Ich bin gerne bereit, ab und zu vielleicht ein Meisterwerk zu verpassen, wenn ich mir damit sparen, kann 95% aller Filme zu gucken. Müsste ich mit deinem Argument nicht im Grunde auch so Sachen wie den neuen Adam Sandler Film gucken, denn möglicherweise ist der ja die beste Comedy aller Zeiten und nicht so erbärmlich scheiße wie die 10 Filme vorher? Woher WEIßT du denn, dass da nicht plötlich total viel guter Humor drinsteckt. Was SNOWPIERCER und SPRING BREAKERS angeht, gebe ich dir Recht, dass diese Themen da im Ansatz drinstecken, aber die Verarbeitung derselben in den Filmen ist oberflächlich, stumpf und plakativ und völlig unergiebig.

      Ich habe mir neulich auch euren SNOWPIERCER Podcast angehört und ich hab mich permanent gefragt, wieso du in so einem Film überhaupt Lust hattest, dir über potenzielle Deutungsweisen den Kopf zu zerbrechen. Wenn mir jemand sagt, er steht auf überzogenen Korea-Semitrash dann sag ich, jo, guck dir das Ding an, aber das war’s auch. ABer darum geht’s eigentlich hier gar nicht. Klar ist der FIlm in Bild der Gesellschaft. Für meinen Geschmack ein ziemlich dämliches, aber das ist eben eine Geschmacksfrage. Was ist BWP? Ein billiger, substanzloser Horrorfilm, der so entstanden ist, weil die Macher ein Budget von 50k Dollar hatten. Kann man vielleicht mögen, ich tu mich schwer, den überhaupt als richtigen Film zu bezeichnen. Jedenfalls brauch ich mir da sicher keine Aufsätze zu durchzulesen, wie brilliant der Film mit seiner Random-shaky-Cam arbeitet oder wie das stumpfe Geschreie in Wirklichkeit clevere mehrdeutige Schichten in der Charakterentwicklung beleuchtet. SNOWPIERCER hat sowas (für mich in stumpf schlecht) und BWP nicht, warum sollte er auch. Da gehen 3 Leute in den Wald und filmen halt ein bisschen was, das war’s.

      Und nat+ürlich sind die Marvelfilme auch Kunst. Auf ner Skala von 1-10 vermutlich so im Bereich 2-3. Man WEIß doch, dass diese Filme wie am Fließband produziert werden, artisstische ENtscheidungen bewusst verboten werden und sie fast immer völlig auf “play it save” getrimmt sind. Findest du es produktiv sie in der selben Weise als künstlerischen Film zu bezeichnen wie POSSESSION? Ich möchte gerne den Begriff “Kunst” noch sinnvoll verwenen können und daher muss man hier einfach differenzieren.

      • http://www.enoughtalk.de jacker

        Ich glaube ich muss , nachdem die zweite Sichtung etwas nachgewirkt hat, nochmal klar stellen, wie ich zu dem Film stehe: ich respektiere ihn für das was er tut zu 100%. Der Ansatz, die Umsetzung, die Interpretationsebenen, all das mag ich gerne. Da bin ich komplett bei dir. Das Ding ist aber, dass ich primär mit dem Acting überhaupt nicht klar komme. Das ist mir einfach too much. Auf die Art wie mir der Twist in GONE GIRL too much ist. Und im Resultat kaufe ich die emotionale Ebene des Werkes nicht, weil (und das klingt gemeiner als es gemeint ist) mir dieses abgedrehte Ausrasten eher lächerlich vorkommt als mich mitzureißen – was die fatale Wirkung hat, dass der Film bei und nach dem Schauen schlichtweg keine Wirkung auf mich hat. Er verstört mich nicht, berührt mich nicht, plättet mich nicht mal. Ich sehe ihn quasi unbeteiligt. Deswegen bekommt er in Zahlen auch genau die Mitte von mir – Ansatz etc. sind genial, aber ich fühle es nicht. Ich brauche und will den Film gar nicht angreifen, denn ich respektiere ihn, gehe voll mit, dass da viel drin steckt, was ich selber loben würde, er ist nur einfach nicht mein Ding. Insofern musst du ihn gar nicht verteidigen :)

        Der pinke Mann bleibt ein Mysterium. Falls du in der Zukunft durchsteigst, lass es mich wissen!

        Gleich wichtig finde ich die zwei auch, aber würdest du nicht sagen, dass alles schon recht stark durch Marcs Augen gezeigt wird? Man sieht natürlich auch Szenen, wo er gar nicht dabei ist, aber ich empfand die Perspektive zumindest näher bei ihm…

        Zu DD: Es kann sein, dass du das so gesagt hast. Der Vergleich kam zumindest von Christian. Vielleicht kenne ich DD auch nicht gut genug, so dass einige Fragen sich mir noch gar nicht gestellt haben. gut möglich, hab den echt Jahre nicht gesehen, bevor ich ihn letztens aufgefrischt hab!

        Nun die Kunst: Dass man filtern muss, ist klar, aber ich würde es gerade bei BWP nicht kategorisch ausschließen. Klar, das ist Low Budget und das waren Studenten, aber gerade weil sie technisch nicht die Möglichkeit “zu blenden” hatten, kann man doch zumindest mal vermuten, dass sie eben mehr Zeit ins konzeptuelle gesteckt haben. Bzw. es einfach nicht ausschließen. Ich gebe dir natürlich völlig recht, es muss schon in gewisser Weise Sinn machen. Einer deutschen FernsehRomCom werde ich sicher nicht tiefenphilosophische Ebenen reindichten (es sei den, es liegen konkret Motive vor, die das als plausibel kennzeichnen). Dein Nietzsche-Beispiel hatte ich schon ganz vergessen (konnte erst ein paar tage nach dem Hören kommentieren). An sich gehe ich da mit. Den Sinn in den Texten eines ehemals genialen Wahnsinnigen zu suchen ist müßig. Vielleicht findet man Passagen von früherer Größe, aber es ist nicht wahrscheinlich (was zu deiner Frage zurück kommt, wie wahrscheinlich so was sein kann). Ich wollte auch ganz sicher nicht behaupten, dass du arrogant bist, das wäre Unsinn, du hast einfach eine starke Meinung und ich finde es wie gesagt völlig okay, dass du Filme für dich filterst (mach ich ja selber, wenn auch nicht strikt genug ^^) und potentiellen Mist ausschließt – aber das Beispiel war schon spannend, denn du hast den Film für dich eingeordnet und schließt darüber eine 10 seitige Interpretation strikt aus. Ich würde da halt anders mit umgehen und vielleicht denken: “Hmm. Maybe?”. Einfach weil ich es spannend fände. Aber ich glaube das ist vielleicht auch ein Unterschied in der Auffassung der eigenen Meinung – du scheinst dir selbst in dieser Beziehung total zu trauen, hast irgendwann (von außen betrachtet recht fix) deine Sicht auf einen Sachverhalt und bleibst bei der Meinung. Das fehlt mir ein wenig. Ich gehe auch oft wieder an einen Punkt zurück, prüfe, ob ich vielleicht Dinge übersehen habe, etc. lasse wieder neue Gedanken mit einfließen, etc. Im Vergleich sparst du wahrscheinlich echt viel Zeit und verpasst ab und zu mal was relevantes, während ich sie oft verschwende und mir viel Mist gebe :D

        Deine Aussagen zu (unserem Lieblingsthema ^^) SNOWPIERCER treffen jetzt nochmal auf einen Punkt, den ich noch ansprechen wollte: Es geht eben darum, wie sehr ein Film einen EINLÄDT in ihm Bedeutung zu suchen. SNOWPIERCER hat mich wirklich wie kaum ein Film der letzten Jahre angeschrien die Allegorien zu lesen. Insofern hatte ich sofort Bock darüber zu schreiben, zu diskutieren und im Resultat halt auch ihn ständig wieder zu schauen und neue Kleinigkeiten zu entdecken. Ich kann mir total gut vorstellen, dass ohne diese “Einladung” man halt nen leicht trashigen Zugfilm sieht. Mehr nicht. Aber da läuft es halt auch wieder auf Geschmack hinaus.

        Mit MARVEL schweifen wir glaube ich zu weit ab. Dass das keinne Filme sind, deren künstlerische Vision prägnant ist, müssen wir nicht diskutieren, aber ich finde es total schwer, die Linie zwischen Handwerk und Kunst zu ziehen.

        So, dir ein schönes WE :)

        • SecondUnitTamino

          Lies dir nochmal meinen ersten Absatz zur Kunstdebatte durch, hab den gerade noch etwas umgeschrieben, als du geantwortet hast. Ich weiß nicht, ob ich dich da richtig verstanden habe.

          • http://www.enoughtalk.de jacker

            Was ich mit dem Zitat genau meinte, ist dass “der Künstler” doch in den teilweise Jahren, die er ein Werk erschafft, so unglaublich viele Gedanken, so viel Sinn, so viel Detail reinlegt – kurz: so viel Intention – dass ich selbst mich gar nicht in der Lage fühle, bis ins letzte zu begreifen, was er da alles rein gesteckt hat. Ich kann nicht sagen: “Ich verstehe hier bis ins letzte, was mir XY sagen will.”. Ich rede da nur von mir selbst und glaube dass (ich) es einfach nicht leisten kann in 1-2 Stunden oder 1-2 Tagen Reflektion jedwede Intention zu erkennen. Ich weiß ja gar nicht wie der Mensch tickt. Ich weiß aber wie ich ticke, deswegen versuche ich einfach für mich persönlich die Essenz zu ziehen… So verständlicher?

          • SecondUnitTamino

            Ja, ein wenig. Im Grunde mache ich das ja auch, aber ich würde eben immer meine eigene Sichtweise revidieren, wenn mir der Künstler seine Sichtweise offenbart. Generell bist du aber schon an der Intention des Kunstwerks interessiert?

            Ich kann ja wie in der Episode gesagt übrigens auch echt total vertehen, dass man POSSESSION gerade beim Acting schnell auch dämlich finden kann, ich wundere mich einfach nur ein wenig, dass der bei dir und Hannes so gar nicht gezündet hat. Ich versteh auch nicht so ganz, was dich bei einem surrealen Werk an Überzogenheit stört. Du kannst mir z. B. nicht erzählen, dass ERASERHEAD nicht auch extrem überzogen ist, aber genau das macht ihn doch gerade gut oder nicht?

          • http://www.enoughtalk.de jacker

            Generell schon.
            Es kann aber halt auch sein, dass ich eine Intention nicht Teile. Und was dann? Wenn zum Beispiel ein Regisseur einen anti Kriegs Film drehen will, aber im Resultat x Szenen drin sind, die ich als verherrlichend empfinde. Dann weichen Intention und Ergebnis halt zu stark ab.
            An liebsten ist mir die Lynch Variante: “Was ich denke ist egal, macht ihr was draus!“

          • SecondUnitTamino

            Bei Lynch kann man auch so da herangehen (weil es ja auch paradoxerweise wieder die Intention des Autors ist), aber ich empfinde es schon als merkwürdig, es einfach bei jeder Art Film so zu machen. Ich lass dir jetzt übrigens gerade noch bei eurer SNOWPIERCER Episode einmal ganz klar geordnet (hoffentlich^^) meine Gedanken da, damit wir diesen uns heimsuchenden Geist endlich abschütteln können^^

  • http://www.filmherz.wordpress.com/ stanleyhitchock

    Hey Tamino,

    keine Ahnung, ob es von Interesse ist, aber am 22.05 gibt es vom Label “Bildstörung”(haha, toller Name in dem Bezug) die Blu-Ray in Deutschland zu kaufen mit neuem abgetasteten Master (als Special Edition, aber auch als Budget Variante ohne Extras und feiner Verpackung):

    http://www.bildstoerung.tv/blog/filme/possession/

    Grüße,
    P

    • http://www.enoughtalk.de jacker

      Boah, Bildstörung! Die sind echt Chef im Ring! Die Editionen, die ich von denen habe (EL TOPO und MONTANA SACRE in den Spezialeditionen) sind noch vor den Mediabooks von CAPELIGHT das schönste was Filmreleases sein können. POSSESSION auf BD – da wird sicher dem ein oder anderen das Herz augehen. Und mit COHERENCE und ES IST SCHWER EIN GOTT ZU SEIN haben die ja auch schon wieder mordsmäßig interessante Filmchen in der Pipeline!

    • SecondUnitTamino

      Danke für den Tipp. Das Teil sieht schon sexy aus. Hab zwar auch ne schicke DVD-Ausgabe vom Film, aber dann muss ja eigentlich jetzt das Upgrade kommen. Hätte nur gerne ein Steelbook gehabt, ich steh voll auf die Dinger ;-)